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‚Tools-for-Thinking‘ – Postkoloniale Theorien und Dekoloniale Perspektiven

Gastbeitrag von Sandra Altenberger

© Sandra Altenberger

“We define postcolonial theories as tools-for-thinking rather than theories-of-truth.”1

Gegenwärtig scheint sich in Bezug auf postkoloniale Theorien und Dekolonisierungsansprüchen (Dekolonisierung z.B. von -Curricula oder von ganzen Disziplinen) eine Ambivalenz zwischen vermehrter (populärer) Sichtbarkeit und institutioneller, struktureller Unsichtbarkeit abzuzeichnen. Einerseits lässt sich ein steigender Anspruch auf Dekolonisierung im deutschsprachigen akademischen Raum beobachten, andererseits aber bleibt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit und eine umfassendere Integration von postkolonialen Theorien  in bspw. Curricula aus. Dazu betont Encarnación Gutiérrez Rodríguez, dass die Kritik postkolonialer Theoretiker*innen wie Ch. T. Mohantys oder G. Ch. Spivaks am ‚Postkolonialismus-Hype‘ auf einen wichtigen Aspekt hinweist: dass ‚Postkolonialismus‘ zur multikulturellen Aufmachung im neoliberalen Supermarkt der Diversität zu werden drohe.2 Anhand klassischer W-Fragen soll in diesem Beitrag die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit post- und dekolonialen Perspektiven für die Geschlechterforschung bzw. queer-feministische Forschung umrissen werden.

Warum?

Vielerorts ertönt immer noch Überraschung und Verwunderung über die notwendige Auseinandersetzung mit Kolonialismus. Kolonialismus sei ja etwas Vergangenes, etwas das abgeschlossen ist. Eine gewaltvolle Epoche voller Eroberungen und Errungenschaften die ‚wir‘ scheinbar hinter ‚uns‘ haben. Wie post- und dekoloniale Zugänge und Perspektiven jedoch aufzeigen, findet sich die Kontinuität (kolonial-)rassistischer, vergeschlechtlichter und sexualisierter Macht weiterhin in allen Lebensbereichen. Zudem sind unzählige alltäglich gewordene Annehmlichkeiten, Konsumgüter geprägt und teils erst ermöglicht worden durch koloniale Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse. Die alltägliche Verfügbarkeit von Lebensmittelns wie Kaffee, Tee oder Kakao (um nur drei sog. Kolonialwaren zu nennen) als auch die gegenwärtige internationale Arbeitsteilung und Mobilität von Waren und Dienstleistungen können als Symptome der Kolonisierung identifiziert werden. Aber nicht nur die materialistische Dimension von Wohlstand und Ausbeutung, sondern auch ein symbolisch-kultureller Wohlstand und damit verbundene Privilegien gehen damit einher. Unsere Selbst- und Weltbilder, unser Denken, Sprechen und Handeln, sind durch das Fortwirken kolonialer Machtverhältnisse strukturiert und geprägt. Diese Strukturierung unseres Verhältnisses zu uns selbst und zur Welt er- und verunmöglicht bspw. Bildung, Lebenschancen und -qualität sowie Teilhabe. Insbesondere die Tatsache, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Europa über ca. 85% des globalen Territoriums in Form von Kolonien, Protektoraten und Dependancen regierte3 lässt uns annehmen, dass es wohl kaum eine Region dieser Erde gibt, die den Wirkungen kolonialer Herrschaft zu entkommen scheint.4

Was?

Postkoloniale Theorien und Perspektiven als ‚tools/Werkzeuge‘ für unser Denken zu begreifen (wie es Vanessa d. O. Andreotti und de Souza vorschlagen), begünstigt die Offenlegung epistemischer und diskursiver Gewalt eurozentrischer Normen und komplexer kolonialer Verwobenheiten – als Kernelemente postkolonialer Zugänge.5 Postkoloniale Theorien eben nicht als (eindeutige) Theorien der Wahrheit zu begreifen, verweist bereits auf den bedeutenden Einfluss poststrukturalistischer Theorien. So weisen etwa Ania Loomba et.al.6 auf den uneindeutigen, aber vielfältigen Charakter der Postcolonial Studies hin. Diese seien nicht als konkrete Disziplin oder abzusteckendes Feld zu beschreiben, sondern als immer wieder erweiterbare Debatten, die nicht eindeutig definierbar sind, sondern sich durch Uneindeutigkeit charakterisieren. Der vielschichtige Einfluss von insbesondere marxistischen & postmarxistischen, poststrukturalistischen und feministischen Ansätzen auf postkoloniale Theoriebildung und Methodologie lässt Ha7 auch von einer „Polyphonie“ (Vielstimmigkeit) sprechen. Die Kritik von post- & dekolonialen Feminist*innen als auch der Schwarzen Frauen*bewegung zeigen seit geraumer Zeit (spätestens aber seit den 1970er Jahren)8 die systematischen Ausschlüsse, Vereinnahmungen und kolonialen Projektionen auf, die mit universalistisch geprägten feministischen Bestrebungen einhergehen.9 Mit dem Beginn der zweiten Frauen*bewegung gewann etwa die internationale Vernetzung mehr Bedeutung und global feministische Solidarität wurde großgeschrieben. Hierfür wurde der Slogan ‚sisterhood is global‘ prominent und war von Beginn an von Feminist*innen des sog. globalen Südens einer Kritik unterzogen worden. Auch Spivak kritisiert die Denkfigur der ‚international sisterhood‘ nachhaltig.

Wer?

Als die drei prominentesten Theoretiker*innen postkolonialer Theorie werden weitgehend Gayatri Chakravorty Spivak10, Edward Said11 und Homi Bhaba12 genannt. Spivaks tiefgreifende Auseinandersetzungen sind besonders für queer-feministische Wissenschaft von großer Bedeutung. Spivak verbindet in ihren komplex angelegten Überlegungen feministische Anliegen mit marxistischen Ansätzen und schafft damit eine produktive Bereicherung für postkoloniale Theorien. Exemplarisch ist dahingehend Spivaks Essay Three Women’s Texts and a Critique of Imperialsm13 hervorzuheben, in dem sie die Bedeutung von (englischer) Literatur für die kulturelle Repräsentation der „Third-World“ beschreibt. Die kulturelle Konstruktion und Produktion der ‚Third-World‘ durch den Imperialismus benennt sie dabei als einen Akt des ‚Worlding‘ – des ‚Welt-Machens‘. Gemeint ist damit die weitgehend unhinterfragte Setzung ‚Europas‘ als (Welt-)Zentrum von Fortschritt, Entwicklung und Moderne und damit die Produktion einer hegemonialen Weltvorstellung in der die nicht-europäischen ‚Anderen‘ in einer bestimmten, rassifizierten, Art und Weise imaginiert werden. Feministisch-postkoloniale Theoretiker*innen zeigen zudem auf, dass Kolonialismus durchaus ein heteronormatives Projekt war. Anne McClintock, ebenso wie Oyérónké Oyéwúmi14, arbeitete in ihrem Werk Imperial Leather15 in umfangreicher Weise heraus, wie rassifizierte und klassistische Geschlechterordnungen eines der Kernstücke kolonialer Diskurse darstellen.16 Als feministisch dekoloniale Autor*in macht María Lugones17 darauf aufmerksam, dass sich durch die Kolonisierungsprozesse eine europäische, und durchaus rassifizierte, Auffassungen von Geschlecht und Sexualität durchsetzen konnte. Dadurch wurden vielfältige Konzeptualisierungen von Gender und Sexualität, die in den Gesellschaften zuvor existierten ausgelöscht. Zudem trug Lugones massiv zur Erweiterung des zentralen dekolonialen Konzeptes der Kolonialität der Macht18 des peruanischen Soziologen Aníbal Quijano19 um eine feministische Perspektive und macht dabei auf die Abwesenheit der kolonisierten/rassifizierten Frau* in theoretischen sowie politischen Zusammenhängen aufmerksam.

Wie?

Postkoloniale Theorien/Zugänge werden, u.a. von einigen Vertreter*innen selbst, immer wieder strikt zu dekolonialen Perspektiven abgegrenzt, und umgekehrt. Für dekoloniale Studien sind es vorwiegend Prozesse der frühen Kolonisierung Lateinamerikas als auch der Karibik (die bereits im 18. und 19. Jahrhundert ihre formale Unabhängigkeit feierten) die im Fokus stehen. Während postkoloniale Studien länger andauernde Kolonisierungsprozesse (bis ins späte 20. Jahrhundert) in asiatischen, arabischen und afrikanischen Räumen in den Blick nehmen. Die Kritik an westlichen/aufklärerischen Epistemologien und deren Universalismus wird in post- und dekolonialen Perspektivierungen unterschiedlich formuliert. Während postkoloniale Theoretiker*innen bspw. von epistemischer Dominanz und Gewalt (epistemic violence – Spivak 2008) sprechen, gehen Souza Santos20 und andere dekoloniale Theoretiker*innen einen Schritt weiter und sprechen von Epistemizid (das systematische Auslöschen/Töten von nicht-westlichem, nicht-weißem und damit nicht-gültigem Wissen) oder epistemischem Rassismus. Während postkoloniale Theorien inspiriert von politischen Bewegungen der Dekolonisierung entstanden, waren dekoloniale Ansätze stärker an die Welt-System-Theorie und den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu Entwicklungstheorien orientiert. Postkoloniale Theorien bedienten sich vor allem der intellektuellen Quellen der Geistes- und Humanwissenschaften – insbesondere der Literaturwissenschaften. Dekoloniale Ansätze weisen dagegen eine intellektuelle Nähe zur kritischen Theorie der Frankfurter Schule auf.21

Während also dekoloniale Zugänge den Eurozentrismus und westliche, auf Humanismus und Aufklärung beruhende, Wissensproduktionen und Institutionen als schier unüberwindbar ansehen und den Fokus eher auf die Öffnung von Räumen für lokales/indigenes und ‚vorkoloniales‘ Wissen legen, schlagen postkoloniale Ansätze versöhnlichere Töne an. Said und auch Spivak bekräftigen, dass der epistemischen Gewalt die vom ‚Westen‘ ausgeht und deren Berufung auf aufklärerische und humanistische Ideale etwas entgegengesetzt werden müsse. Die Kritik dieser Ideale bleibe sei aber nicht neutral, sondern immer mit dem Kritisierten selbst verstrickt , weshalb eine Absage oder ein Ausschluss ebendieser Ideale nicht als nicht konstruktiv erachtet wird. Was beiden Perspektiven gemeinsam ist, ist jedoch eine radikale Irritation und Umdeutung gewohnter Wissensproduktionen.

Zusammengefasst sind die spezifischen Anliegen postkolonialer Theorien, die insbesondere auch für queer-feministische Forschung produktiv gemacht werden: (1) die Transformation von kolonialen (Ohn-)Machtkonzepten, die das koloniale, rassifizierte, vergeschlechtlichte Subjekt als handlungsunfähiges Objekt konstruieren, in (selbst-)ermächtigende Handlungskonzepte.22 (2) Eine Analyse von Selbst- und Fremdrepräsentationen (Othering) – Konstruktion von Europa und seinen ‚Anderen‘ – und damit einhergehende Machtrelationen, Hierarchien und Ausbeutungen. (3) Eine Analyse der Kolonisierung als gewaltsamer Prozess der Subjektbildung, welche die sog. ‚Anderen‘ – auch in Bildungsprozessen– erst hervorbringt.23 Eine konsequente Auseinandersetzung mit postkolonialen und dekolonialen Perspektiven macht deutlich, dass es nicht um einfache Antworten oder eine ergebnisorientierte Dekolonisierung (im Sinne einer Checkliste) gehe sondern, um eine prozessorientierte und kritisch-emanzipatorische Haltungsentwicklung, um essentialistische Kategorienbildungen kontinuierlich infrage zu stellen. Françoise Vergés, französische Politikwissenschaftlerin und dekolonial-feministische Aktivistin, betont: “we must repair the past which is far from being repaired, we must repair the present, and already prevent the future from becoming the past.”24

Sandra Altenberger promoviert an der bildungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck mit dem Forschungsprojekt „Postkolonial-feministische Re-Lektüren ambivalenter Subjektkonstitutionen im Rahmen der UNESCO-Konzeption von Global Citizenship Education“. Sie ist Mitglied des Doktoratskolleg Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformation: Räume – Relationen – Repräsentationen und zudem in der ambulanten Familienarbeit tätig. 


Quellen:

1 Andreotti, Vannesa de Oliveira and Lynn Mario T. M. de Souza. « Postcolonial Perspectives on Global Citizenship Education.” New York: Routledge, 2012, 2.

2 Gutiérrez Rodríguez, Encarnación. “Postkolonialismus. Subjektivität, Rassismus und Geschlecht“ In Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): „Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie.“ 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.

3 Castro Varela, María do Mar und Nikita Dhawan. “Europa provinzialisieren? Ja, Bitte! Aber wie?” In: Femina Politica, 02/2009, 14.

4 Weiterführend: Osterhammel, Jürgen. „Kolonialismus. Geschichte-Formen-Folgen“. München: C.H. Beck, 1995.

5 Castro Varela, María do Mar und Nikita Dhawan. “Die Universalität der Menschenrechte überdenken“ In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ) 70. Jahrgang, 20/2020, 33-38.

6 Loomba, Ania, Suvir Kaul, Matti Bunzl, Antoinette Burton und Jed Esty, eds. “Postcolonial Studies and Beyond” Durham: Duke Universtiy Press, 2005.

7 Ha, Kien Nghi. „Postkolonialismus“ In: Arndt, Susan und Nadja Ofuatey-Alazard, Hrsg. Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache.“ Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster: Unrast, 2011, 180.

8 Siehe dazu auch: Amos, Valerie and Pratibha Parmar. “Challenging imperial feminism.” In: Feminist Review (17), 1984, 3–19.

9 Fink, Elisabeth und Uta Ruppert. „Postkoloniale Differenzen über transnationale Feminismen. Eine Debatte zu den transnationalen Perspektiven von Chandra T. Mohanty und Gayatri C. Spivak.“ In: femina politica, 02/2009, 64

10 Spivak, Gayatri Chakravorty. “Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation.“ Wien-Berlin: Turia + Kant, 2008.

11 Said, Edward. “Orientalism”. New York: Vintage, 1978.

12 Bhabha, Homi K. “The location of culture”. London: Routledge, 1994.

13 Spivak, Gayatri Chakravorty. “Three Womens Texts and a Critique of Imperialism” In: Critical Inquiry, Autumn 1985, Vol. 12, No.1, ‘Race’, Writing and Difference, 243-261.

14 Oyéwúmi, Oyérónké. “The Invention of Women. Making an African sense of western Gender Discourses.” London, Minneapolis: University of Minnesota Press, 1997.

15 McClintock, Anne. “Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest.” New York/London: Routledge, 1995.

16 Castro Varela, María do Mar und Nikita Dhawan. “Europa provinzialisieren? Ja, Bitte! Aber wie?” In: Femina Politica, 02/2009, 14.

17 Lugones, María. “Heterosexualism and the Colonial / Modern Gender System” In: Hypatia, Vol. 22, No. 1, Writing Against Heterosexism, 2007, 186-209.

18 Mit Kolonialität der Macht werden Prozesse und Strukturen verstanden, die durch das koloniale Herrschaftssystem hervorgebracht wurden und bis heute globale Macht- und Ungleichheitsverhältnisse prägen.

19 Siehe hierzu: Quijano, Anìbal. Coloniality of Power, Eurocentrism, and Social Classification.” In: Moraña, Mabel, Enrique Dussel und Carlos A.Jáuregui, Hrsg. “Coloniality at Large. Latin America and the Postcolonial Debate. Durham/London: Duke University Press, 2008, 181-224.

20 Souza Santos, Boaventura. “Beyond abyssal thinking: From global lines to ecologies of knowledges.” Eurozine, 2007. Online verfügbar unter: http://www.eurozine.com/ articles/2007-06-29-santos-en.html (Zugang 2021-07-29)

21 Bhambra, Gurminder K. “Postcolonial and Decolonial Reconstructions” In: ders. “Connected Sociologies.” London: Bloomsbury, 2014, 117–140.

22 Wie bspw. agency (Handlungsmacht) bei Homi Bhaba oder talking back bei bell hooks.

23 Hier https://www.gender-glossar.de/post/postkoloniale-theorie findet ihr eine ausführliche, kompakte, wissenschaftliche Erklärung zu Postkolonialer Theorie. (Zugriff 2023-01-15)

24 Vergés, Françoise. “A Decolonial Feminism. Timofei Gerber in Conversation with Françoise Vergés.“, 2020. Online verfügbar unter: http://www.publicbooks.org/can-there-be-a-feminist-world/ (Zugriff 2023-01-15) Siehe auch: Vergés, Françoise. „Dekolonialer Feminismus.“ Wien: Passagen Verlag, 2020.

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