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Antifaschismus Recht Wissenschaft

Contesting the Far-Right: A Psychoanalytic and Feminist Critical Theory Approach

By Claudia Leeb

Contesting the Far-Right: A Psychoanalytic and Feminist Critical Theory Approach (Columbia University Press, New Directions in Critical Theory series, 2024) examines far-right recruitment tactics in the United States and Austria, where people discontented with the status quo have turned to far-right parties and movements that further cement capitalism’s adverse effects. I show that psychoanalytic theory, early Frankfurt School Critical Theory, and feminist and decolonial thought provide analytical tools to explain this apparent contradiction in psychological terms.

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Alltag Wissenschaft

Feministisches Erinnern: Antifaschismus in Ex-Jugoslawien und Österreich heute

Ein Beitrag von Dijana Simić

Die Antifaschistische Frauenfront (Antifašistički front žena, AFŽ) spielte im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle im sog. Volksbefreiungskampf der kommunistischen Partisan:innen gegen die faschistische und nationalsozialistische Besatzung Jugoslawiens: 100.000 Frauen kämpften als bewaffnete Soldatinnen an der Front, zwei Millionen Frauen unterstützten den Widerstand im Hinterland. Doch die Antifaschistische Frauenfront war nicht nur militärisch relevant. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug sie entscheidend zum Aufbau des sozialistischen Jugoslawien bei und setzte sich nachhaltig für Frauenemanzipation und Geschlechtergleichstellung ein – durch die Alphabetisierung weiter Teile der Bevölkerung, deren Ausbildung zu Fachkräften sowie Gesundheits- und Hygieneschulungen, die allesamt den allgemeinen Lebensstandard verbesserten und erheblich zur Transformation der jugoslawischen Gesellschaft beitrugen.

Heute greifen Feminist:innen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens in ihrer aktivistischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit (selbst-)bewusst auf dieses Erbe zurück. Damit setzen sie – setzen wir – dem spätestens seit den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre vorherrschenden rechtskonservativen Mainstream und seiner geschichtsverzerrenden Erinnerungshoheit eine standhafte Alternative entgegen – eine Erinnerungskultur, die sich auf die historische Erfahrung von Antifaschismus, Sozialismus und Frauenemanzipation stützt. Auch in Österreich kommt es allmählich zu einer Auseinandersetzung mit dem Erbe der Antifaschistischen Frauenfront in Kärnten/Koroška, wo es die slowenische Bevölkerung war, die im Zweiten Weltkrieg vehement Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete.

Im Dezember letzten Jahres habe ich im Rahmen der Ringvorlesung „Politische Kipppunkte. Feministische Perspektiven auf gegenwärtige Autoritarisierungs- und Faschisierungsprozesse“ zu den genannten Zusammenhängen referiert und folgende Frage gestellt: Was hat die Antifaschistische Frauenfront im Zweiten Weltkrieg mit uns in einem Hörsaal an der Universität Innsbruck im Jahr 2025 zu tun? Diese Frage soll auch durch den vorliegenden Blog-Beitrag leiten und dabei helfen aufzuzeigen, wie die Erinnerung an vergangene Widerstandskämpfe – angesichts der aktuellen Faschisierung – auch Hoffnung für die Zukunft spenden kann. Zu Rate gezogen werden hierfür zwei aktuelle Forschungsarbeiten zur Antifaschistischen Frauenfront sowie die Tätigkeit der Vereine Crvena und Peršman.

Das feministische Erbe der Antifaschistischen Frauenfront in Ex-Jugoslawien

Seit seiner Gründung am 8. März 2010 trägt der feministische Kultur- und Kunstverein Crvena (Die Rote) aus Sarajevo unter dem Motto „What has our struggle given us?“ historische Quellen sowie wissenschaftliche, journalistische und künstlerische Arbeiten über die Antifaschistische Frauenfront in einem Online-Archiv zusammen. Aus dem daraus entstandenen Sammelband The Lost Revolution – Women’s Antifascist Front between Myth and Forgetting (2018), herausgegeben von Andreja Dugandžić und Tijana Okić, lässt sich ableiten, dass die Erinnerung an die Antifaschistische Frauenfront im ex-jugoslawischen Raum mit zwei Herausforderungen konfrontiert war und – nach wie vor – ist: Während sie in der jugoslawischen Periode der Erinnerung an den Volksbefreiungskampf einverleibt wurde (erkennbar in der symbolträchtigen Figur der Partisanin), wird sie in der postjugoslawischen Zeit von rechtskonservativen Erinnerungsdiskursen verdrängt, die in ihrer jeweiligen ethnonationalistischen Variante den Mainstream in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens darstellen.

In insgesamt fünf wissenschaftlichen und fünf künstlerischen Beiträgen problematisiert der genannte Sammelband die ebenso verkürzte wie vernachlässigte erinnerungskulturelle Rezeption der Tätigkeit der Antifaschistischen Frauenfront in Ex-Jugoslawien und arbeitet exemplarisch und durchaus illustrativ heraus, „was uns unser Kampf gegeben hat“. Diese Formulierung ist von besonderem Belang, denn auch wenn die Mitglieder des Vereins Crvena nicht am antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs beteiligt waren, verstehen sie die Tätigkeit der Antifaschistischen Frauenfront als einen Teil ihres eigenen Kampfes. Damit schreiben sie sich in eine weit zurückreichende Tradition des weiblichen Widerstands im ex-jugoslawischen Raum ein, den sie aus heutiger Sicht intersektional-feministisch interpretieren und als Ausgangspunkt für aktuelle Widerstandskämpfe verstehen. Dies bringen die beiden Herausgeberinnen in der Einleitung des Sammelbandes klar auf den Punkt:

„Reappropriation of this heritage is an important step in arming a new liberation movement in the struggle against patriarchal, fascist and capitalist tyranny.“

Zum antifaschistischen Widerstand der Slowen:innen in Kärnten/Koroška

Das Erinnern an die Antifaschistische Frauenfront in Kärnten/Koroška gestaltet sich bis heute insgesamt schwieriger, wie der von Elena Messner, Cristina Beretta, Goran Lazičić und Markus Gönitzer herausgegebene Sammelband Women and Partisan Art. Aesthetics and Practices of Resistance in Yugoslavia and Carinthia (2025) zeigt. Anders als im sozialistischen Jugoslawien fand der antifaschistische Widerstand in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich ganz grundsätzlich keine Anerkennung – geschweige denn die Beteilung von Frauen in ebendiesem Widerstand. Während Antifaschismus also zum Gründungsnarrativ des sozialistischen Jugoslawien zählte und in der jugoslawischen Erinnerungskultur hochgehalten wurde, erlebten die Kärntner Slowen:innen, die sich als Partisan:innen gegen den Nationalsozialismus zur Wehr gesetzt hatten, im postfaschistischen bzw. postnazistischen Österreich nach 1945 Diffamierung, Kriminalisierung und Diskriminierung – als Antifaschist:innen und als Angehörige der slowenischen Minderheit.

Davon legt das Massaker am Peršmanhof ein trauriges Zeugnis ab – ebenso wie der erinnerungskulturelle Umgang mit diesem. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ermordeten Angehörige des SS-Polizeiregiments 13 elf Angehörige der Familien Sadovnik und Kogoj, die am Peršmanhof, einem Bergbauernhof in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, ansässig waren. Sieben der Ermordeten waren Kinder. Statt als nationalsozialistisches Verbrechen an der slowenischen Zivilbevölkerung in Kärten/Koroška erinnert zu werden, wurde die brutale Ermordung der elf Zivilist:innen zunächst den Partisan:innen unterstellt, die den Hof als wichtigen Stützpunkt der Widerstandsbewegung genützt hatten. In ihrem Beitrag zum zuvor erwähnten Sammelband machen Markus Gönitzer und Julia Stolba auf ebendiese Opfer-Täter-Umkehr aufmerksam, die den öffentlichen Erinnerungsdiskurs in Kärnten/Koroška nach dem Zweiten Weltkrieg prägte:

„German nationalist associations and organisations succeeded in establishing a victim-perpetrator reversal between partisan resistance fighters and Nazi criminals and collaborators.“

Um dieser Geschichtsverzerrung ein Gegengewicht entgegenzusetzen, fungiert der Peršmanhof seither als Erinnerungsort, der – den historischen Fakten entsprechend – dreierlei Gedenken vereint: jenes an die ermordeten Mitglieder der Familien Sadovnik und Kogoj, jenes an die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten/Koroška sowie jenes an den antifaschistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Initiiert wurde diese Erinnerungsarbeit vom Verband der Kärntner Partisanen, der nach dem Zweiten Weltkrieg direkt aus der Widerstandsbewegung hervorging, und heute eng mit dem 2001 gegründeten Verein Peršman (Društvo Peršman) zusammenarbeitet. Zu den Tätigkeiten des letztgenannten Vereins zählen – neben dem Betreiben der Gedenkstätte und des Museums am Peršmanhof – auch zahlreiche Forschungs-, Bildungs- und Kulturprojekte sowie Jugendworkshops, die sich gezielt an Schüler:innen richten. Laut seiner Homepage verfolgt der Verein Peršman das Ziel, Zivilcourage zu stärken, und positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus und Faschismus – nicht nur im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs, sondern gerade auch mit Blick auf die Gegenwart.

Antifaschismus, Feminismus und Hoffnung

Dass es ausgerechnet bei einem antifaschistischen Bildungscamp am Peršmanhof im Juli 2025 zu einer durchaus zweifelhaften und in jeglicher Hinsicht unverhältnismäßigen Polizei-Razzia kam, die mittlerweile durch eine Analysekommission des Innenministeriums als rechtswidrig bestätigt wurde, gibt zu denken: Wie steht es denn heute um den Antifaschismus in Österreich? Oder – um auf die anfangs gestellte Frage zurückzukommen: Was hat die Antifaschistische Frauenfront im Zweiten Weltkrieg mit uns heute und hier zu tun? Die im vorliegenden Beitrag angeführten Beispiele des Archivierens, Forschens, Lehrens und Gedenkens verdeutlichen die Bedeutung antifaschistischer und feministischer Erinnerungsarbeit: Der Rekurs auf die Vergangenheit bietet das notwendige Wissen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen und in letzter Konsequenz auch hoffnungsvoll in Richtung Zukunft zu blicken.

Welche Rolle z. B. Kunst bei dieser Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung zukommt, arbeitet die (Wander-)Ausstellung Partizan*ke Art heraus, die noch bis Ende November 2026 am Otto-Wagner-Areal in Wien zu sehen ist. Sie kommuniziert mit dem Sammelband Women and Partisan Art und präsentiert Kunst, die mit dem antifaschistischen Widerstand von Frauen in (Ex-)Jugoslawien und Kärnten/Koroška in Verbindung steht – einerseits als Kunst, die im Widerstand entstanden ist, andererseits als Kunst, die vom Winderstand handelt. Diese Ausstellung ist allen zu empfehlen, die sich weiter aus feministischer Sicht mit Antifaschismus auseinandersetzen und an der Hoffnung festhalten wollen, dass es möglich ist, den Faschismus zu überwinden.

Bildbeschreibung – Foto von Dijana Simić

Das Foto zeigt ein Exponat der Ausstellung Partizan*ke Art. Die zu Plakaten vergrößerten Ausschnitte aus der Graphic Novel Jelkas Spuren, die Markus Gönitzer und Julia Stolba vorbereiten, arbeiten das Wirken von Helena Kuchar auf: Unter dem Partisanennamen Jelka versorgte sie die kämpfenden Partisan:innen in Kärnten/Koroška mit Lebensmitteln, baute ein Informationsnetzwerk aus und war Mitbegründerin der Antifaschistischen Frauenfront in Lobnig/Lobnik. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Jelka für die Rechte von Kärntner Slowen:innen und Frauen ein. Das populäre Format der Graphic Novel soll v. a. ein jüngeres Publikum ansprechen und mit der Geschichte des antifaschistischen Widerstands in Österreich vertraut machen.


Biographie

Dijana Simić (sie/ihr) ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, deren Forschung und Lehre sich transdisziplinär zwischen Gender Studies, Slawistik und (Süd-)Osteuropaforschung bewegen (Schwerpunkte: Memory Studies, Affect Studies, Öffentlichkeitstheorie, postklassische Narratologie). Neben ihren Beschäftigungen als Universitäts- sowie Projektassistentin an den Universitäten Graz und Innsbruck unterrichtete sie auch als Lehrbeauftrage für slawistische Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Gender Studies an den Universitäten Graz, Wien und Innsbruck sowie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Forschungsstipendien führten sie nach Slowenien, Ungarn, Bosnien-Herzegowina, Tschechien, Armenien und Russland. Neben ihrer Tätigkeit als Forschende und Lehrende ist Dijana Simić auch Radiomacherin und (literarische) Übersetzerin aus dem Bosnischen/Kroatischen/Montenegrinischen/Serbischen ins Deutsche. Slowenisch ist ihre zweite Slawine.

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Alltag Wissenschaft

Das Recht als Werkzeug gegen Diskriminierung – Im Gespräch mit dem Verein SOFI

Ein Beitrag von Katja Grünwald

Die Universität Innsbruck vereint über 160 Studiengänge und 28.000 Studierende. In unserem interfakultären Studiengang Gender, Kultur und sozialer Wandel kommen wir mit vielen Fachbereichen in Berührung, weil unsere Vorlesungen und Seminare oft als Wahl- oder Pflichtmodule an spezifischen Instituten angesiedelt sind. Daher sitzen wir mal mit Geschichtsstudis im Hörsaal und erhalten mal Einblicke in die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung. In der Vorlesung Geschlecht und Recht trifft Gender Studies auf Jus. Passt das überhaupt zusammen? Gibt es feministische Rechtswissenschaft? Über all diese Fragen habe ich mit dem Vorstand von SOFI gesprochen, die sich im Schnitt- und Spannungsfeld der Rechtswissenschaften und Feminismus bewegen.

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Alltag Wissenschaft

Die migrantische Hausfrau und Hausbesuche

Ein Beitrag von Burçin Tav

Für Migrant:innen stellt das Leben in einem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Sprache und soziale Ordnung zunächst fremd sind, eine zusätzliche Hürde dar. Ihr alltägliches Leben begrenzt sich oft auf die Räumlichkeiten der Arbeit und des Zuhauses, während ihnen kaum andere kulturelle oder soziale Räume offenstehen. Bereits daraus ergibt sich häufig eine stärkere Bindung an den privaten Raum, die sowohl Männer als auch Frauen betrifft.

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Alltag Wissenschaft

Geschlechter- und Sexualitätsprojekte der autoritären Rechten als Treiber von Faschisierung.

Die Beispiele Österreich und Deutschland

Ein Gastbeitrag von Birgit Sauer

Wie ist die aktuelle Entwicklung nach rechts in vielen europäischen Ländern, aber auch weltweit einzuschätzen? Entdemokratisierung, Autoritarisierung und eine disruptive Zerstörung von (Rechts-)Staatlichkeit sind Ergebnisse rechtsautoritärer Regierungen – in Ungarn, Argentinien und den USA. Die Kettensäge wurde zum Symbol dieses Zerstörungseifers. Im Anschluss an Nicos Poulantzas (1973) bezeichne ich diese politischen und sozialen Tendenzen als Faschisierungsprozesse: Der Faschismus kommt „nicht wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel“, sondern er entsteht in ökonomischen und ideologisch-politischen Krisenprozessen und vor allem in einem widersprüchlichen Kontext der Radikalisierung der Programmatik autoritär-rechter Parteien.1

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Aktivismus Wissenschaft

Feministische Erkenntnisheorie und kritische Sozialforschung – wie stehen beide zueinander?

Ein Gastbeitrag von Helen Liebetanz

Feministische Themen und Perspektiven prägen unseren Alltag, unabhängig davon, ob dies nun aktiv oder passiv passiert. Sie sind wichtig und bekommen oftmals nicht die Anerkennung, die sie verdient haben. Deutlich wird das in der Art und Weise, wie z.B. antifeministische, rechtsextremistische und sexistische Äußerungen, ohne viel Reflexion in alltäglichen Gesprächen aufgebracht werden. Es gibt eine Menge negativer Reaktionen, Haltungen und Meinungen demgegenüber dem. Nicht nur aktive Taten, wie z.B. Femizide, sind politisch, kulturell und antifeministisch geprägt, sondern auch das Wissen darüber.

Studierende, wie ich, des Masterstudiengangs Gender, Kultur und sozialer Wandel sind mit diesen Dynamiken auf besondere Weise konfrontiert. Wir setzen uns im Studium mit geschlechtertheoretischen Themen und feministischer Erkenntnistheorie auseinander. Wir lernen über Haraways Konzept den God-Trick, welchen sie mit seiner dazugehörigen Problematiken erklärt. Ihre Kritik an ihm ist, dass Wissen nicht objektiv sei. Westliche Ideale und von Cis-Männern produziertes Wissen delegitimiert das Wissen von marginalisierten Personengruppen und nutzt dies, um sie unsichtbar zu machen und dort zu halten.1

Auch Spivaks Theorie zur epistemischen Gewalt aus ihrem Buch Can the Subaltern speak? ist von Notwendigkeit. Epistemische Gewalt nach Spivak bedeutet, marginalisierte Gruppen kein Zuhören zu schenken und sie systematisch zu ignorieren und unterdrücken. Dies wird mit den Konzepten anderer Theoretikerinnen wie Haraway, Harding, Hill Collins und Crenshaw in Verbindung gebracht.2 Wie so häufig wird sich gegenseitig weiter ergänzt, was das Wissen zu den Themen erweitert. Somit zeigt uns die feministische Wissensproduktion vielfältige Positionalitäten und nicht nur eine Perspektive als die einzige Wahrheit.

Dies bringt mich zurück zur Frage des Essays. Diese war für mich ansprechend, da sie meiner Meinung nach so gestellt wurde, dass die zwei Bereiche, also Feministische Erkenntnistheorie und kritische Sozialforschung, getrennt voneinander dargestellt werden.

Trotz dessen sind sie nicht getrennt voneinander zu denken. Dies schreiben auch Porter, Sulé und Croom in ihrem Kapitel APPLYING BLACK FEMINIST EPISTEMOLOGIES, RESEARCH, AND PRAXIS.3

Die Positionalität einer Person ist von großer Bedeutung, wie Haraway uns mit ihrer Theorie der situated knowledges näherbringt. Uns muss bewusst sein, wie Wissen produziert wird und aus welcher Positionalität dies entsteht. Die Ausführung von kritischer Sozialforschung funktioniert nur wenn wir das mit Haraways Theorien und auch die Theorien ihrer Kolleginnen verknüpfen.

Einige Methoden, die zu kritischer Sozialforschung gehören sind, narrative Interviews, teilnehmende Beobachtung, Diskursanalyse und noch viele mehr.4 Dies sind qualitative Methoden die tiefgründig in Themenbereiche eindringen und das Wissen einzelner Person herauszukristallisieren. Anhand dieser Methoden wird Wissen produziert und es kommen Narrativen zum Vorschein, die sich auf der Basis der zuvor genannten Theorien besser einordnen und analysieren lassen. Sie geben uns ihre Perspektive, die zum ganzen Bild beitragen.

Mit Feministischer Erkenntnistheorie von den Theoretikerinnen, wie Harding, Haraway, Hill Collins etc. wird deutlich, dass die Unterdrückung von Wissen systematisch eingebettet ist und Machtverhältnisse dadurch erhalten bleiben. Das zeigt uns, dass Wissen nicht neutral ist und unsere Positionalität von gesellschaftlichen Strukturen geprägt ist. Die von Dotson in ihrem Text aufgegriffene Theorie, die ursprünglich von Spivak aus Can the subaltern speak? stammt, zeigt das grundlegende Problem innerhalb der feministische Erkenntnistheorie, nämlich epistemische Gewalt. Gemeint ist damit nicht nur die Unterdrückung von Wissen und Wissensproduktion, sondern auch das systematische Ignorieren oder Nicht-Hören von anderen Perspektiven, insbesondere die von diskriminierten Personengruppen, u.a. Frauen, PoCs und Menschen mit Behinderungen.

Diese Art der Gewalt besteht nicht nur in der Theorie oder auf einer Leinwand, sondern erfahren wir in unserem Alltag. Dabei werden diese gemachte Erfahrungen in Frage gestellt und Perspektiven werden somit oftmals als übertrieben dargestellt und dadurch abgewertet.5,6

Um die Frage besser beantworten zu können, möchte ich dies anhand eines Beispiels erklären. Als eine Person, die der Generation Z zugehörig ist und eine Kindheit hatte, die von Film und Fernsehen geprägt und in jungen Jahren schon den sozialen Medien ausgesetzt war, sind Pop-Kultur und Filmanalysen ein Teil von mir. Ich habe eine Faszination für Filme und Serien entwickelt und wie diese Geschichten bildlich die Geschehnisse aus unserem Alltag widerspiegeln. Mit diesem Hintergrundwissen wollte ich anhand von Bildmaterial den Zusammenhang von Feministischer Erkenntnistheorie und kritische Sozialforschung eine Szene aus der Serie The Morning Show nehmen, die genau diese darstellen zu versucht.

Die Serie The Morning Show handelt, wie der Titel schon verrät über eine Frühstückssendung, die in den USA spielt. Was meiner Meinung nach wichtig zu erwähnen wäre ist, dass das Format der Sendung innerhalb dieser Serie keine sehr leichte Kost ist und sich mit schwerwiegenden Themen auseinandersetzt. Ansonsten würde der Kontext fehlen, der im nächsten Absatz relevant ist, für ein vollständiges Bild.

Nun zu der eigentlichen Handlung: Eine neue Reporterin wird als Ersatz für den bisherigen Co-Moderator der Sendung eingestellt, da über ihn Anschuldigungen vorliegen, sexuell übergriffig gegenüber Mitarbeiterinnen innerhalb der Produktion gewesen zu sein. Mit dem Verlauf der ersten Staffel wird den Zuschauerinnen mehr Einblick in die Geschichte gegeben und es wird eine Menge hinter den Kulissen aufgedeckt. Mehr werde ich nicht erzählen, um die Serie nicht zu verderben, falls die Personen, die das hier lesen, die Serie noch schauen werden. Trotzdem bleibt eine spezifische Szene besonders relevant für die Beantwortung der Frage.

Die Szene aus Staffel 1, Folge 4, Minute 39:00 bis 44:00 zeigt uns ein Interview, das die neue Reporterin, mit der von sexueller Gewalt betroffenen Frau führt.7 In dieser Szene wird die Methode des narrativen Interviews verwendet, um die Betroffene sichtbar zu machen und ihr ein Stück Agency zurückzugeben. Ihre Narrative der Geschehnisse wird den Zuschauerinnen vermittelt und ihre Positionalität (die dargestellte Person ist: weiss, cis und hatte einen guten Beruf etc.) wird genutzt, um das Bild über den Täter weiter zu
vervollständigen. Somit zeigt dieses Szene wie kritische Sozialforschung für uns funktionieren kann und die Positionalität, die innerhalb der feministischen Erkenntnistheorie angesprochen wird, Fortschritte bezwecken kann hinsichtlich der feministischen
Wissensproduktion.

Die Machtverhältnisse innerhalb des Sendernetzwerk werden nochmal anhand von Diskursen um die Sendung herum über die Betroffene aufgezeigt. Vor dem Interview diskutieren die Vorgesetzten, ob es eine gute Idee ist der Betroffenen eine Stimme auf Ihrer Sendung zu geben oder, ob es nicht besser wäre die Betroffene zum Schweigen zu bringen. Das der Diskurs davon handelt, dass sie ihr den Mund verbieten wollen, eine Möglichkeit wäre, spiegelt die Positionalitäten der Individuen wider und wie sie innerhalb ihres Systems versuchen ihre Macht zu missbrauchen. Wie anfangs beschrieben, zeigt die Serie nicht nur die Positionalitäten der Hauptprotagonistinnen auf, sondern präsentiert sowohl dem Publikum innerhalb der Serie als auch uns als von außen Zuschauende die systematische Unterdrückung der Wissensproduktion und wie kritische Sozialforschung dem entgegenwirken kann.

Dadurch wird auf einer Meta-Ebene diese Thematik aufgegriffen und zeigt uns, was in der Realität passieren könnte oder was für Maßnahmen ergriffen werden könnten, wenn das in unseren Lebensrealitäten passiert. Ich sage hier bewusst wenn und nicht falls, da dies bereits passiert ist und die Serie basierend auf solchen Geschehnissen geschaffen wurde.8

Daher zeigt die Serie nicht nur, dass wir die Serien, Filme und Sendung, die wir schauen, reflektieren müssen, sondern unter welchen problematischen Machtverhältnissen diese auch produziert werden. Denn oftmals reflektieren Personen, die Fernsehen konsumieren, nicht, welche Bilder ihnen vorgespielt werden. Diese Bilder reproduzieren, Machtverhältnisse, Heteronormativität, Rassismus, Sexismus, und Antifeminismus, weshalb es immer wichtiger wird sich mit den Hintergründen und dem Kontext von Film zu beschäftigen. Denn genau solche Situationen passieren in unserem Alltag und nicht nur auf einer Leinwand und sind Aspekte, über die nicht oft genug gesprochen werden.

Doch wir müssen für einen Moment zurückblicken auf die alltäglichen Diskursen über feministische Themen. Antifeminismus in Film und Pop-Kultur sind Themen mit denen ich mich bewusst erst seit Kurzem beschäftige. Unterbewusst setzte ich mich schon einige Jahre damit auseinader. Mir fällt immer wieder auf, wie oft problematische Inhalte dargestellt werden. Dabei frage ich mich, ob das nur mir auffällt, und den Menschen, mit denen ich studiere, oder ob z.B. eine Sportwissenschaftlerin die gleichen Szenen auf der Leinwand auch kritisch hinterfragen würde.

Denn der Antifeminismus bleibt nicht nur auf Leinwänden, sondern er wandert von unseren Bildschirmen über in gesellschaftliche Diskurse. Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft stark verbreitet und war es auch schon immer, jedoch fällt es uns als Studierende des Gender, Kultur und sozialer Wandel Masters mehr und mehr auf. Denn Antifeminismus ist nicht nur eine politische Haltung sondern auch die Ausführung von epistemischer Gewalt.9
Antifeminismus wertet die Stimmen von Frauen* ab und zeigt uns Studierenden, wie wichtig das Zuhören von verscheidenden und marginalisierten Perspektiven ist.

Das zeigt uns, das antifeministische Handlungen im Sinne der feministischen Erkenntnistheorie kein Einzelfall darstellen, sondern tief in unserem Alltag verankert sind. Antifeminismus habe ich mit als Beispiel ausgewählt, da ich ihn als Gegner der Erkenntnistheorie sehe und er jedoch aus unseren Alltagsdiskursen, Medien und generell Pop-Kultur leider nicht wegzudenken ist. Und es ist die Realität vieler Frauen und marginalisierten Personen, weshalb eine Darstellung, wie es uns in der Szene der Serie The Morning Show dargestellt wird, wichtig ist.

Das zeigt, dass wir mit kritischer Sozialforschung und feministischer Erkenntnistheorie arbeiten können, um mögliche Fortschritte hinsichtlich der feministischen Wissensproduktion erreichen zu können. Es ist nicht nur das Verstehen von Strukturen, sondern es sind auch die Methoden, die wir anwenden, die diese verändern können. So können wir Wissen feministischer gestalten.

Quellen

1Donna Haraway, „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial
Perspective“, Feminist Studies 14, Nr. 3 (1988): 575, https://doi.org/10.2307/3178066.
2Kristie Dotson, „Tracking Epistemic Violence, Tracking Practices of Silencing“, Hypatia 26, Nr. 2 (2011):
236–57, https://doi.org/10.1111/j.1527-2001.2011.01177.x.
3„Porter et al.Applying Black Feminist Epistemologies Research_ and Praxis“, o. J.
4„Tools und Methoden der qualitativen Sozialforschung – einsetzbar zur Erforschung des Praktikums im
Rahmen des Projekts PEARL“, o. J.
5Dotson, „Tracking Epistemic Violence, Tracking Practices of Silencing“.
6Paige L. Sweet, „The Sociology of Gaslighting“, American Sociological Review 84, Nr. 5 (2019): 851–75,
https://doi.org/10.1177/0003122419874843.
7The Morning Show, Regie von Lynn Shelton, That Woman (Apple TV+, 2019), Serie, 2019- Laufend,
https://www.amazon.de/gp/video/detail/B0DHR3QDSC/ref=atv_hm_hom_c_pEHQ18_6_2?jic=8%7CEgNhbG
w%3D.
8Dana Feldman, „‘The Morning Show’: Season 1 Was Great, Season 2 Is Even Better“, Forbes, zugegriffen 29.
August 2025, https://www.forbes.com/sites/danafeldman/2021/09/15/the-morning-show-season-1-was-greatseason-
2-is-even-better/.
9Imke Schmincke, Verschiedene Begriffe kennzeichnen Widerstände gegen Emanzipation. In seiner aktuellen
Ausformung „Antigenderismus“ ist der Antifeminismus als modernes Krisensymptom zu deuten und gleichzeitig
in seiner Bedrohung demokratischer Werte ernst zu nehmen., 20. April 2018.

Literaturquellen

Dotson, Kristie. „Tracking Epistemic Violence, Tracking Practices of Silencing“. Hypatia 26, Nr. 2 (2011): 236–57. https://doi.org/10.1111/j.1527-2001.2011.01177.x.

Feldman, Dana. „‘The Morning Show’: Season 1 Was Great, Season 2 Is Even Better“. Forbes. Zugegriffen 29. August 2025.
https://www.forbes.com/sites/danafeldman/2021/09/15/the-morning-show-season-1-wasgreat-season-2-is-even-better/.

Haraway, Donna. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“. Feminist Studies 14, Nr. 3 (1988): 575.
https://doi.org/10.2307/3178066.

Schmincke, Imke. Verschiedene Begriffe kennzeichnen Widerstände gegen Emanzipation. In seiner aktuellen Ausformung „Antigenderismus“ ist der Antifeminismus als modernes Krisensymptom zu deuten und gleichzeitig in seiner Bedrohung demokratischer Werte ernst
zu nehmen. 20. April 2018.

Shelton, Lynn, Reg. The Morning Show. That Woman. Apple TV+, 2019. Serie, 2019-Laufend. https://www.amazon.de/gp/video/detail/B0DHR3QDSC/ref=atv_hm_hom_c_pEHQ18_6_2?j
ic=8%7CEgNhbGw%3D.

Sweet, Paige L. „The Sociology of Gaslighting“. American Sociological Review 84, Nr. 5 (2019): 851–75. https://doi.org/10.1177/0003122419874843.

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Aktivismus Alltag Tirol Wissenschaft

INNklusion – für einen langfristigen Wandel

Beitrag von Helen Schindler

Das Projekt INNklusion der Universität Innsbruck etabliert eine interdisziplinäre Lehr- und Forschungsplattform, in der Studierende gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen und Expert*innen innovative Assistenzlösungen entwickeln. Ziel ist die nachhaltige Förderung von gesellschaftlicher Teilhabe durch praxisnahe Co-Creation, bei der die jeweiligen Lebensrealitäten aktiv eingebunden werden.

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Aktivismus Wissenschaft

Teil 2: Künstliche Intelligenz als eine kontextbefreite Zone – ein feministischer Blick auf Neurowissenschaften mit Hannah Fitsch

Interview mit Dr.in Hannah Fitsch

Der zweite Teil der spannenden FUQS-Reihe zu feministischen Perspektiven auf Neurowissenschaften und Künstliche Intelligenz ist da! In der Reihe werden unterschiedliche Aspekte gesellschaftlicher Auswirkungen von Wissenschaft und Technik vorgestellt. Ein kritisches Hinterfragen bestehender Logiken wird ebenso thematisiert wie ein feministisch-aktivistischer Blick auf aktuelle Entwicklungen. Im zweiten Teil wird beleuchtet, warum Künstliche Intelligenz als kontextbefreite Zone sehr viele Menschen, Körper und Erfahrungen nicht mitdenkt und welche Herausforderungen in den Forschungsstrukturen liegen.

Die Reihe beruht auf einem Interview mit Dr.in Hannah Fitsch und Theresa Scheutzow im November 2024 in Berlin.