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Aktivismus

Reproduktive Gerechtigkeit als demokratische Politik. Oder: Warum Angriffe auf Abtreibung immer auch Angriffe auf Demokratie sind.

Statement von Gundula Ludwig und Levke Harders

Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com

Am Samstag, den 14.01.2023, findet der Pro-Choice-Aktionstag – für sicheren, kostenlosen Zugang zum Schwangerschaftsabbruch für Alle* – in Innsbruck statt. Zu diesem Anlass haben die Universitäts-Professor*innen Gundula Ludwig und Levke Harders vom Center für Interdisziplinäre Geschlechterforschung ein Statement verfasst, das unter anderem hier auf dem FUQS-Blog veröffentlicht wird.

Gegenwärtig erleben wir an vielen Orten Angriffe auf die Möglichkeit, einen Schwangerschaftsabbruch in legaler und sicherer Weise durchzuführen: So veranlasste beispielsweise die Regierung in Polen 2021 ein beinahe vollständiges Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen und in den USA kippte der Oberste Gerichtshof im Juni 2022 das Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“ mit der Folge, dass es in den USA kein nationales Recht auf Schwangerschaftsabbruch mehr gibt. Global lässt sich beobachten, dass dieser Backlash im Bereich Schwangerschaftsabbrüche ein wichtiger Teil rechter politischer Projekte ist: Rechte Politiken richten sich nicht nur explizit gegen feministische Errungenschaften, sondern ganz grundlegend gegen eine demokratische Gesellschaft, in der allen Menschen das Recht auf Selbstbestimmung über ihre Körper zugestanden wird. In diesen Angriffen auf Selbstbestimmung und Demokratie werden immer wieder auch Informationen verbreitet, die wissenschaftlich falsch sind, die aber Ängste, Schuldgefühle und moralische Paniken schüren sollen. Beispielsweise wird in derartigen Kampagnen oftmals von einem „Post Abortion Syndrom“ gesprochen – das allerdings von keiner medizinischen oder psychiatrischen Vereinigung anerkannt wird, da es nicht nachgewiesen werden kann.1

Aus Sicht der Geschlechterforschung zeigt sich bezogen auf reproduktive Rechte folgendes Bild: Reproduktionsarbeit – also die Erziehung von Kindern, die Pflege und Versorgung von kranken und alten Menschen – gilt weiterhin weitgehend als „weibliche Aufgabe“. Dies belegen zahlreiche sozialwissenschaftliche Arbeiten.2, 3 (u.a.) In den letzten drei Jahren der Covid-19-Pandemie hat sich diese ungleiche Arbeitsaufteilung nochmals verstärkt.4 (u.a.) Dass Reproduktionsarbeit vor allem von Frauen übernommen wird – entweder unbezahlt im privaten Kontext der Familie oder gering bezahlt in Kindergärten beispielsweise – wird auch vom Staat forciert, etwa durch Familien- oder Steuerpolitiken. Bevölkerungspolitiken sind seit der Entstehung moderner westlicher Staaten fester Bestandteil staatlicher Politik. Ebenso seit jeher sind besonders Frauen Ziel bevölkerungspolitischer Eingriffe, da die Kontrolle, Verhinderung und Förderung von Fortpflanzung bis in die Gegenwart als „weiblich“ betrachtet wird.

Während also primär Frauen die Aufgabe des Sicherstellens der nächsten Generation und des alltäglichen Sorgens und Versorgens übernehmen, wird Menschen, die gebären können, verwehrt, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Aus feministischer und geschlechterforscherischer Perspektive wird dieser doppelbödige gesellschaftliche Zustand daher seit langem kritisiert. „Der Schutz des ungeborenen Lebens liegt denen am meisten am Herzen, die über das geborene verfügen wollen“, skandalisierten folglich Aktivistinnen aus dem „Aktionskomitee für das Selbstbestimmungsrecht der Frau“ in den 1970er Jahren auf Flugblättern.5

Geschlechterforschung zeigt seit vielen Jahrzehnten aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven – aus den Geschichts- und Rechtswissenschaften, der Politikwissenschaft und der Soziologie u.v.m.– auf, dass es bei den Versuchen, das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche einzuschränken oder Schwangerschaftsabbrüche gänzlich zu kriminalisieren, auch darum geht, eine ungleiche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und auf diese Weise Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse festzuschreiben. Genau diese herrschaftliche Organisation der Geschlechterverhältnisse stellt jedoch in einer patriarchal-heteronormativen kapitalistischen Gesellschaft Reproduktion(sarbeit) und folglich Sorge und Care-Arbeit überhaupt erst sicher.

Emanzipatorische Änderungen im Bereich körperlicher Selbstbestimmung wurden historisch stets durch feministische Kämpfe erreicht. Der Kampf um einen sicheren Schwangerschaftsabbruch war bereits Teil der Agenda der ersten Frauenbewegung im 19. Jahrhundert. In Österreich wurde 1975 die sogenannte Fristenlösung eingeführt. Mit dieser blieben Schwangerschaftsabbrüche weiterhin im Strafrecht verankert, für die unter bestimmten Voraussetzungen Ausnahmen gelten. Diese Lösung war freilich nicht das, wofür feministische Aktivist*innen gekämpft hatten. Aufgrund der konservativen gesellschaftlichen Gesamtstimmung in Österreich lässt sich allerdings bislang keine umfassendere körperliche Selbstbestimmung bezogen auf Schwangerschaftsabbrüche im Recht verankern. Die gegenwärtigen Angriffe auf den erreichten Kompromiss der Fristenlösung zeigt zugleich, wie fragil dieser ist. Aus historischer Erfahrung lässt sich ableiten, dass ein staatliches Verbot von Abtreibungen nicht dazu führt, dass es keine Schwangerschaftsabbrüche mehr gibt (Notz 2016).6 Wenn diese in illegalisierter Form stattfinden, führen sie zu einer gesundheitlichen Gefährdung der schwangeren Personen und führen zudem dazu, dass reproduktive Rechte Klassenrechte werden: Denn schwangere Personen mit ausreichenden finanziellen Mitteln können viel leichter beispielsweise Reisen ins Ausland unternehmen, um Schwangerschaftsabbrüche vornehmen zu lassen, als arme. Umgekehrt führt eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen nicht zu deren Anstieg.7

Vor dieser vielschichtigen Verwobenheit von Kämpfen um Selbstbestimmung mit gesamtgesellschaftlichen Strukturen wurde insbesondere von Schwarzen Feminist*innen das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit entwickelt.8 Der Begriff „Reproductive Justice“ wurde 1994 von Loretta J. Ross und anderen Schwarzen feministischen Aktivistinnen in den USA erarbeitet. Reproduktive Gerechtigkeit beinhaltet aus dieser Perspektive vier grundlegende Rechte: sich selbstbestimmt zu entscheiden, Kinder zu bekommen; kein Kind zu bekommen durch sicheren Zugang zu Abtreibung und Verhütung; Kinder in einer sicheren und gesunden Umgebung zu erziehen; sexuelle Selbstbestimmung, Autonomie und Lust.9

Die vielfältigen Kämpfe für reproduktive Rechte zeigen auf, dass feministische Selbstbestimmung auch ein utopisches Moment enthält, für das sich alle Menschen einsetzen müssten, die in einer demokratischen Gesellschaft leben möchten: Denn feministische Selbstbestimmung bedeutet nicht nur das Recht und die substantielle Möglichkeit, über Körper, Geschlecht, Sexualität zu entscheiden, sondern ebenso, für gesellschaftliche Verhältnisse einzutreten, in denen Leben, Arbeit und Sorge nicht über Herrschaftsverhältnisse, sondern in umfassender Weise demokratisch geregelt werden.

Prof.*in Dr.*in Gundula Ludwig ist Leiterin und Prof.*in Dr.*in Levke Harders ist stellvertretende Leiterin der Forschungsplattform Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck an der Universität Innsbruck.

Kundgebung und Demonstration zum PRO-CHOICE Aktionstag am Samstag 14. Januar 2023
11:00 Uhr Kundgebung und Infotische am NI-UNA-MENOS-PLATZ Innsbruck (Landestheater)
12:00 Uhr Redebeiträge
12:30 Uhr Abmarsch Demonstration

Mehr Informationen zum Aktionstag erhaltet ihr hier: https://www.facebook.com/events/723143849307158?ref=newsfeed


Quellen:

1 Vgl. Robinson, Gail Erlick u.a. (2009): Is There an “Abortion Trauma Syndrome”? Critiquing the Evidence. In: Harvard Review of Psychiatry. 17, Nr. 4, 268–290. PMID 19637075.

2 Aulenbacher, Brigitte; Wetterer, Angelika (Hg.). (2009): Arbeit: Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot.

3 Hartmann, Anna (2022): Entsorgung der Sorge. Geschlechterhierarchie im Spätkapitalismus. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2. Auflage

4 Mader, Katharina/Derndorfer, Judith/Disslbacher, Franziska/Lechinger, Vanessa/Six, Eva (2020): Zeitverwendung von Paarhaushalten während COVID-19. https://www.wu.ac.at/vw3/forschung/laufende-projekte/genderspezifscheeffektevoncovid-19/1blog

5 Vgl. Madner, Martina (2005): Ein Thema zwischen 14 und 44. In: Anschläge. Das feministische Magazin. Dezember 2005/ Januar 2006. Wien, S. 16-19.

6 Notz, Gisela (2016): Der § 218 – immer noch ein umkämpftes Thema. In: Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 2/2016, S. 163-167.

7 Ebd.

8 Kitchen Politics (Hrsg.) (2021): Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit. Münster: edition assemblage.

9 Ross, Loretta J. (2021): Reproductive Justice. Ein Rahmen für eine anti-essentialistische und intersektionale Politik. In: Kitchen Politics (Hrsg.): Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit. Münster: edition assemblage, S. 9.

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