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Aktivismus Alltag

„Out of the closet“: Internationaler Coming-Out Day

Gastbeitrag von Tanja Vogler

Viele Spielsteine liegen umgedreht auf einer bunten Tischunterlage. Obenauf liegen drei Steine mit den Buchstaben O U und T.
© Bild von Wokandapix auf Pixabay 

Das neue Semester hat begonnen und entsprechend startet auch FUQS wieder durch! Gleich zu Beginn des Wintersemesters und pünktlich zum 11. Oktober präsentieren wir euch einen spannenden Gastbeitrag von Tanja Vogler zum internationalen Coming-out Day!

Der internationale Coming-out Day findet bereits seit 1988 jedes Jahr am elften Oktober statt. Seinen Ursprung hat er in den USA, seit den 1990er Jahren wird er aber auch im deutschsprachigen Raum gefeiert. Aber woher kommt der Begriff Coming-out eigentlich, was bedeutet er und welche Rolle spielt er für die LGBTIQA*-Community? 

Der Begriff Coming-out hat seinen Ursprung in einer zutiefst (elitären) heteronormativen Praxis. Die US-amerikanische Redewendung «coming-out of the closet» geht zurück auf die Tradition des «coming-out ball« eine „[Eine] US-amerikanischen Variante des Debütantinnenballs, bei der junge Frauen aus der Oberschicht zum Zweck der ‚Brautschau‘ in die feine Gesellschaft eingeführt werden.“1. In den 1970er Jahren wurde «the closet» zur Metapher für das Verstecken der Homosexualität (aber auch Bisexualität und Transidentität) in der Privatsphäre und den Subkulturen. Tocome out ofthecloset war ein zentrales Element der Gay Liberation Bewegung in den USA, die mit den Stonewall-Inn-Protesten 1969 ihren Anfang nahm. Im Unterschied zur homophilen Bewegung der 1950er Jahre, in der viele Aktivist*innen ungeoutet blieben und assimilatorische «gay is good» Politiken betrieben, ging es der Gay Liberation Bewegung der 1970er Jahre darum Anerkennung und Sichtbarkeit einzufordern.2 «Out and Proud» oder «Out of the closets into the streets» waren zentrale Slogans der damaligen homosexuellen Befreiungsbewegung. Auch im queeren Aktivismus, der sich im Zuge der Aids-Krise der 1980er Jahre formierte, spielte das Coming-out eine Rolle. In Form von «Kiss-Ins» oder «Die-Ins» wurden Coming-outs auf dramatisierende Weise im öffentlichen Raum performt, mit dem Ziel auf die unbetrauerbaren Verluste der Aids-Krise Aufmerksam zu machen und Homosexualität als Teil der amerikanischen Nation in der Öffentlichkeit Sichtbarkeit zu verschaffen.3 Eine eher kontrovers diskutierte Strategie des Aids-Aktivismus war das Fremdouting. So wurden beispielsweise in den USA Politiker*innen geoutet, die anti-homosexuelle Politiken betrieben und auch in der deutschen schwulen Bewegung hat es Outings von homosexuellen Prominenten gegeben.4 So outete beispielsweise 1991 Rosa von Braunheim Hape Kerkeling in einer RTL-Show gegen seinen Willen als schwul. Das Coming-out war zu Beginn eine vorwiegend politische Strategie mit dem Ziel die in einer heteronormativen Welt weitgehend unsichtbare Homosexualität (und mitunter auch Trans*identität) sichtbar zu machen und Anerkennung einzufordern. In queeren Diskursen wird aber auch Kritik am Coming-out als Strategie politischer Befreiung geübt. So werden durch das Coming-out eindeutige (wenn auch von der Norm abweichende) Identitätskategorien bejaht. Das wird insofern als problematisch erachtet, als auch die von der Norm abweichenden Identitätskategorien dazu beitragen die Norm aufrecht zu erhalten. Es ist aber auch insofern problematisch, als eindeutige Identitätskategorien immer schon ein unterwerfendes Moment haben. Identitätskategorien tragen dazu bei Menschen regierbar zu machen, indem sie Denk- und Sagbar machen, wer sie zu sein haben.5 Postkoloniale Theoretiker*innen heben zudem hervor, dass das Coming-out dem globalen Norden auch als «Marker für kulturelle Reife und Fortschrittlichkeit» dient und damit der Grenzziehung zum «Anderen» des globalen Südens dient.6

Das Coming-out ist aber nicht nur als politische Strategie, sondern auch auf der individuellen psychosozialen Ebene relevant. Andreas Heilmann versteht unter Coming-out den «individuellen psychosozialen Prozess der homosexuellen Identifikation», der mit der Offenlegung der sexuellen Identität im sozialen Umfeld einhergeht.7 Unterschieden wird hier zwischen dem «inneren» Coming-out, dem Prozess, in dem die jeweils eigene Identifikation, mit der von der Norm abweichenden vergeschlechtlichten oder sexuellen Identität stattfindet und dem «äußeren» Coming-out, in dem das soziale Umfeld über die eigene Sexualität oder Geschlechtsidentität informiert wird. Das «innere» wie «äußere» Coming-out ist notwendig, weil die als normal geltenden vergeschlechtlichten und sexuellen Identitäten angenommen werden. Als normal geltende sexuelle und vergeschlechtlichte sexuelle Identitäten stehen LGBTIQA* Personen zunächst als selbstverständliches Identitätsangebot zur Verfügung und LGBTIQA* Personen arbeiten sich im Prozess des «inneren» Coming-out an ihnen ab. Auch das soziale Umfeld geht davon aus, dass alle Menschen heterosexuell und entsprechend eindeutig männlich oder weiblich sind. Ein individuelles Coming-out gegenüber dem sozialen Umfeld ist also für solche Körper relevant, die als normal gelesen werden und anders sichtbar sein wollen. Das betrifft nicht nur von der Norm abweichende vergeschlechtlichte oder sexuelle Identitäten, sondern beispielsweise auch Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen, wie z.B. chronischen Erkrankungen.8 Weiteres wird das Coming-out nicht als ein einmaliger und damit abgeschlossener Akt, sondern als Prozess verstanden: Zum einen ist Identität nicht etwas Stabiles, sondern kann sich im Laufe der Zeit verändern, zum anderen kommen Menschen mit einer nicht sichtbaren Abweichung von der Norm immer wieder in Situationen, in denen sie sich für oder gegen ein Coming-out entscheiden können/müssen (z.B. Jobwechsel, Wohnungssuche etc.). Es ist aber nicht für jede Person zu jedem Zeitpunkt und zu jeder Situation richtig und sinnvoll sich zu outen. Mitunter gelten in der queeren Community nur geoutete Personen als erfolgreiche, glückliche und politische queere Subjekte. Diese umgekehrte Norm des Coming-out ist insbesondere von queer BIPOCs in die Kritik genommen worden. Oft ist es gerade für mehrfachmarginalisierte queere Personen das Coming-out nicht immer und zu jedem Zeitpunkt der beste Weg. Personen, die beispielsweise rassistische Diskriminierungen erfahren, haben oft schon mit diesem Kampf genug zu tun und sind aufgrund dieser rassistischen Diskriminierungserfahrungen mehr auf ihre Familie und sozialen Netzwerke angewiesen.

Das Coming-out, dass jährlich am 11. Oktober gefeiert wird, hat und hatte eine wichtige Bedeutung in der LGBTIQA*-Community. Es war/ist eine zentrale politische Strategie, die für Anerkennung und Sichtbarkeit sorgt und es ist nach wie vor für das psychosoziale Wohlbefinden vieler LGBTIQA* Personen von zentraler Bedeutung. Entsprechend legen immer noch viele communitybasierte Beratungsstellen, insbesondere solche für queere Jugendliche, den Fokus auf das Coming-out. Das Coming-out wird aber auch als eine weiße, westliche Praxis, die Identität bejaht, in die Kritik genommen.

Quellen:

1 Woltersdorff, Volker: Coming out. Die Inszenierung schwuler Identitäten zwischen Auflehnung und Anpassung, Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2005, S. 45.

2 Jagose, Annamarie: Queer Theory. Eine Einführung, Berlin: Querverlag 2005.

3 Woltersdorff, Volker: »Going Public – Going Media. Über den medialen Wandel schwuler Coming-out-Inszenierungen seit Stonewall«, in: Susanne Regener/Katrin Köppert (Hg.), Privat/öffentlich. Mediale Selbstentwürfe von Homosexualität, Wien: Turia + Kant Verlag 2013, S. 89-110.

4 Heilmann, Andreas: Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit, Bielefeld: Transcript Verlag 2011.

5 Woltersdorff, Volker 2013.

6 Castro Varela, María d. M./Dhawan, Nikita: »Spiel mit dem ›Feuer‹– Post/Kolonialismus und Heteronormativität«, in: Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 14 (2005), S. 47-58.

7 Heilmann, Andreas 2011

8 Samuels, Ellen: »My Body, My Closet. Invisible Disability and the Limits of Coming-Out Discourse«, in: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 9 (2003), S. 233-255.

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