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Party, Pride & Politik – Stimmen zum Innsbrucker CSD 2022

Text von Magdalena Lohfeyer und Felix Lene Ihrig

Im unteren Drittel des Bildes ist eine Menschenmenge zu sehen. In der Mitte des Bildes steht ein Glasgebäude an dem eine Regenbogenfahne hängt. Davor stehen zwei groß Laternen bzw. Strahler, die die Meshenmasse von oben beleuchten. Am rechten Bildrand ist ein Gebäude zu sehen auf dem "Landestheater" steht. im Hintergrund sind Bäume, Berge und ein bewölkter dunkelblauer Himmel. Die Lichtverhältnisse sind eher dunkel. Vorne links im Bildrand sind bunte Luftballons und eine weitere Regenbogenflagge zu sehen.
© Martin Kink

Wie schon in unserem letzten Beitrag angekündigt, unterbrechen wir heute unsere Sommerpause für den Innsbrucker CSD. Im Juli gab es schon einen Beitrag über die Geschichte der Pride, deswegen soll es diesmal darum gehen, was CSD in und für Innsbruck bedeutet. Wir haben dafür mit zehn Vertreter*innen verschiedener Organisationen gesprochen, die den Innsbrucker CSD mitgestalten. Ihre Gedanken zum CSD haben wir für euch zusammengefasst.

Auf die Straße gehen

Der diesjährige CSD war mit 2500 Besucher*innen das größte Pride-Event, das es in Innsbruck je gab. Seit 2010 sind die Besuchszahlen stetig gestiegen. Mit der 11. Ausgabe 2021 zog der CSD auch vom Rapoldi-Park auf den Landestheater-Vorplatz um, was nicht nur mehr Sichtbarkeit in der Mitte der Stadt bedeutet, sondern auch mehr Raum zum Feiern und Demonstrieren. Ebenso bietet der neue Veranstaltungsort genug Platz, damit sich verschiedene Organisationen für die queere Community einsetzen und ihre Werte vertreten können. Dieses Jahr haben sich vier parteipolitische Stände (ALI, Grüne, Neos, SoHo), eine Gewerkschaftsvertretung (GPA), vier Beratungsstellen (AIDS-Hilfe, Courage, Gleichbehandlungsanwaltschaft, z6 Jugendarbeit bzw. MDA Basecamp) und natürlich die HOSI Tirol selbst, als Organisatorin, eingefunden. An jedem dieser Stände haben wir ein kurzes Interview mit einer zugehörigen Person geführt und wollten wissen, was CSD in Innsbruck für sie bedeutet.

Sichtbarkeit, Feiern und Demonstrieren waren die drei wichtigsten Schlagworte, die von den Akteur*innen genannt wurden, als die Interviews mit der Frage „Warum seid hier heute hier beim CSD in Innsbruck?“ gestartet wurden. „Auf die Straße gehen“ um zu „zeigen wer wir sind“ und so ein „Wir-Gefühl“ herzustellen aber auch Freund*innen zu treffen, ist für viele Akteur*innen, wie z.B. Thomas Lechleitner von den Grünen und Dora Sellner von der SOHO,  essentiell. Die Botschaft solle sein „wir sind viele und wenn du so bist … dann bist du nicht allein“, sagte uns Yannik Shetty von den NEOS. Auch für die vertretenen Beratungsstellen ist diese Botschaft zentral: Bianca Gassler von der GPA, Danijela Račić von der Gleichbehandlungsanwaltschaft, Alex van der Dellen von Courage und Fritz Aull von der AIDS-Hilfe  betonten wie wichtig es sei „füreinander da zu sein“, die queerfreundliche Beratungsarbeit, die sie teilweise seit Jahrzehnten betreiben, in der Community bekannt zu machen und diesen Tag für die Sensibilisierung aller Besucher*innen zu nutzen. Doch auch die Freude über die Sichtbarkeit und Vielfalt der Besucher*innen spiegelt sich in den Antworten der Akteur*innen wieder. Sie freuen sich, über die junge, queere Energie in Innsbruck und möchten sich mit dieser solidarisch zeigen, wie Magdalena Haas vom z6 betont. Auch für Mesut Onay von ALI stehen die „Farben der Szene“ und deren Sichtbarkeit im Vordergrund, was es zu unterstützen und womit es sich zu solidarisieren gilt. Mesut Onay kommt von sich aus im Interview auf die Frage zu sprechen, welche Rolle parteipolitischer Aktivismus für ein queeres Event wie den CSD spielen kann, gehe es doch vor allem darum, dass man nicht nur an diesem einen Tag, sondern „das ganze Jahr und jeden Tag in vollem Selbstbewusstsein, in voller Unterschiedlichkeit … sagen kann – Ich bin Ich“.

Das Private ist politisch

Viele unsere Interviewpartner*innen beschäftigt die Frage der Balance zwischen Feiern der Errungenschaften, einem allgemeinen sozialen Event und den politischen Aspekten des CSD. Yannick von den NEOS betont: “Es ist eben nicht nur ein netter Tag, eine Party und ein schönes Zusammenkommen, sondern eine Demonstration für gleiche Rechte”. Für Fritz von der AIDS-Hilfe ist es wichtig, dass trotz der Party, die politische Dimension von CSD und Pride nicht zu kurz kommt und für  Babsi von der HOSI Tirol bedeutet der CSD gleichermaßen Spaß zu haben und für queere Rechte, Freiheit und Frieden zu demonstrieren. Mesut  bekräftigt, dass „CSD sein muss bis die komplette Gleichstellung erreicht ist“, und auch dann brauche man den CSD erst recht, um sicherzustellen, dass das auch so bleibt und die Errungenschaften, wie die Blutspende für alle, erhalten bleiben. Viele unserer Interviewpartner*innen betonten daher die historisch-politische Dimension von Pride. Dora von der SoHo beispielsweise verweist im Gespräch auf Stonewall als der Tag, an dem aufgestanden wurde und gesagt wurde “Es reicht, weg mit der Diskriminierung”. 

Während die politische Dimension der Pride in unseren Gesprächen allgegenwärtig war, sehen sich Veranstalter*innen international zunehmend vor der Frage, ob sie politischen Parteien überhaupt Präsenz auf ihren Demonstrationen gewährleisten wollen. Der CSD in Bochum verfolgt einen kapitalismuskritischen Anspruch und schließt seit dem Jahr 2019 jegliche Werbung von politischen Parteien aus. In diesem Jahr zog mit Kassel ein weiterer deutscher CSD nach und beschloss, dass „klassischen politischen Parteien keine Sonderstellung oder spezifische Sichtbarkeit in Form von beispielsweise Parteiflaggen, Infoständen oder Redebeiträgen gewährt werden soll”. Zudem gibt es alternative CSDs, etwa in Köln und Berlin, die sich unter anderem aufgrund des unkritischen Verhältnisses zu Politik und den Parteien von den großen CSDs abgrenzen. 1

Im Onlinemagazin queer.de diskutieren Joanna Klick und Michael Louis, ob politische Parteien sichtbar auf CSDs vertreten sein sollen. Joanna Klick rechtfertigt einen Ausschluss von Parteien damit, dass die Präsenz von politischen Parteien nicht mit der Geschichte von Stonewall und dem damaligen Kampf gegen die Polizei als Staatsgewalt vereinbar sei. Zudem würden sich politische Parteien mit queerfreundlichen Forderungen brüsten um Stimmen zu gewinnen, in der Regierung jedoch letztlich Politik gegen weite Teile der queeren Community machen. Abschließend betont Joanna Klick: “Die Kritik an den politischen Parteien und die Einschränkung ihrer Präsenz beim CSD könnte ein Anlass sein, sich wieder vermehrt mit diesen Perspektiven queerer Politik, die eine Alternative zur Parteienfixierung darstellen, auseinanderzusetzen und sie für die heutige Zeit weiterzuentwickeln.” Im Gegentext argumentiert Michael Louis, dass der politische Kontext von Pride eine Anwesenheit politischer Parteien nicht nur rechtfertigt, sondern auch notwendig macht.2 Für Parteien kann es unterschiedliche Beweggründe geben am CSD präsent zu sein. Wahlwerbung kann einer dieser Gründe sein, aber es wäre voreilig die Teilnahme von politischen Parteien darauf zu reduzieren.  Thomas von den Grünen erzählte  uns im gespräch, dass es der Glaubhaftigkeit ihrer Arbeit sowohl auf Gemeinde-, als auch auf Landes- und Bundesebene helfe auf dem CSD vertreten zu sein. Es gebe Fraktionen, die die Notwendigkeit von Adoptionsrecht, Blutspende für Alle oder Regenbogenzebrastreifen in Frage stellen. Und dann helfe es zu sagen: “Euch ist schon klar, da findet jedes Jahr ein CSD mit 2000 Leuten statt, ihr seht die, die brauchen das”.

Vertreter*innen von Parteien und Organisationen nutzen den CSD auch um ihre konkreten politischen Forderungen zu verbreiten und Menschen darüber zu informieren. Die NEOS fordern beispielsweise die Besetzung einer*s Queer-Beauftragten auf Bundesebene nach deutschem Vorbild. Danijela  von der Gleichbehandlungsanwaltschaft erlebt in ihrer Arbeit viele Fälle von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Im Gegensatz zu Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit ist Sexuelle Orientierung als Diskriminierungsgrund bei Gütern und Dienstleistungen nicht geschützt. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft fordert dieses sogenannte “Levelling-Up” von der Politik und informierte am CSD-Stand darüber. Michael Louis betont im Pro-Beitrag auf queer.de, dass es in parlamentarischen Demokratien die politischen Parteien sind, die einen gesellschaftlichen Wandel ermöglichen und Veränderungen umsetzen. Durch einen Ausschluss der Parteien vom CSD würde ein wichtiger Raum für den Austausch zwischen der Zivilbevölkerung und der Politik zu queeren Themen und Bedürfnissen wegfallen. Michael Louis argumentiert in diesem Zusammenhang, dass es sinnvoll sei, wenn politische Akteur*innen mit queeren Menschen und ihren Lebensrealitäten in Kontakt kommen, anstatt von der Ferne an queer-freundlichen Programmen zu feilen. Christopher Street Days stellen dafür eine gute Möglichkeit dar. So weist beispielsweise Babsi von der HOSI auf die nach wie vor problematischen körperlichen und mentalen Angriffe gegenüber queeren Menschen hin und wünscht sich, dass Pride-Events zu deren Sichtbarkeit und Abbau beitragen. Etwas das Mesut von ALI noch breiter formuliert indem einerseits die Szene aber andererseits auch ein allgemein intersektional-inklusives Gesellschaftsbild in den Vordergrund gesttellt werden sollen und die organisatorische Beteiligung von ALI am CSD nur am Rande erwähnt wird. Es würden zwar immernoch viele Hürden die Organisation eines CSDs (auch in Innsbruck) erschweren, doch gerade deswegen sei die Energie, die sich für Wandel und Gleichberechtigung einsetze bei solchen Events so deutlich spürbar und motivierend, reflektiert Magdalena vom z6.

Für Michael Louis ist es wichtig, dass politische Parteien und Vertreter*innen am CSD auch als solche erkennbar sind, denn “diese Menschen müssen gerade als Parteimitglieder sichtbar, ansprechbar und letztendlich verantwortlich für die Politik ihrer Parteien sein”. Zudem liege es im Eigeninteresse der Parteien auf CSD-Veranstaltungen mit einem offenen Ohr und in der Rolle von Zuhörenden aufzutreten, anstatt als Verkündende zu agieren.  Mesut von ALI beschreibt die eigene Arbeit als besonders motivierend, wenn man in eine konstruktive Dynamik reinkommt wo man (mit-)gestaltet und sich seiner eigenen Bedeutung als gesellschaftliche Multiplikator*innen bewusst wird. Auch, oder besonders, wenn damit etwas gegen diskriminierende Stimmen (in der Politik) getan werden kann. Für Mesut sei das dann nicht nur ein Hobby oder ein Beruf, sondern eine Haltung für die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Außer Frage steht also, dass politische Parteien und ihre Vetreter*innen auf dem CSD auch mit Widerspruch und kritischen Stimmen aus der Zivilgesellschaft rechnen müssen. Ganz im Sinne einer “lebendigen” Demokratie. 

Aktivismus und Wissenschaft auf Augenhöhe

Ein gewinnbringender Austausch zwischen Zivilgesellschaft, Politik, Aktivismus und auch Wissenschaft scheint für queere Themen wichtig zu sein. Ideen, was es dafür braucht, haben wir ebenfalls mit unseren Interviewpartner*innen gesammelt. Informationsaustausch, sowohl schriftlich als auch durch persönliche Kontakte und Netzwerke wurde von einigen genannt. Dabei wurde immer wieder auf „Offenheit“, “Toleranz“ und „Augenhöhe“ als essentielle Aspekte hingewiesen. Dadurch kann einerseits herausgefunden werden, was Bedürfnisse sind, wo Wissenslücken bestehen und andererseits können diese dann auch eher er- und gefüllt werden. Gerade die politischen Akteur*innen wünschen sich dafür engagierte, junge Menschen, die ihre Wünsche einbringen und verfolgen aber auch den Austausch mit anderen Perspektiven nicht scheuen, damit keine „Blasen“ entstehen.

Es gelte einerseits die wissenschaftlichen, neuen Erkenntnisse für alle verständlich zu formulieren und weiterzureichen. Dabei fehle es Wissenschaftler*innen bisher oft an Einfühlungsvermögen in die „Realität da draußen“, dabei müsse doch die Gesellschaft mitgenommen werden. Veränderung sei jedoch ein schleichender Prozess, für den es Geduld und Verständnis brauche. Andererseits könne von Aktivist*innen durchaus erwartet werden, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen und sich mithilfe dieser zu reflektieren und neue Wege und Strategien zu finden und zu gehen. Am Ende bleibe es ein gemeinsamer „Auftrag, das was wir für richtig und wichtig halten auch gesellschaftsfähig zu machen“ sagt Mesut von ALI. Die aktivistische und die akademische Ebene sind also abhängig voneinander und ein Austausch zwischen diesen ist durchaus gewünscht, wenn auch feinfühlig anzugehen.

Eine Möglichkeit dies anzugehen, wird jetzt vom CSD-Organisationsteam für 2023 in Zusammenarbeit mit uns umgesetzt. Derzeit läuft eine Umfrage unter allen Innsbrucker*innen, die den CSD unterstützen (möchten), welche Aspekte bisher gut waren und was sich Menschen für die Zukunft wünschen. Macht dort gerne mit. Wir hoffen hiermit zum Austausch zwischen akademischen und aktivistischen Stimmen beizutragen und den CSD bedürfnisorientierter gestalten zu können.

Auch wir werden uns die Rückmeldungen bezüglich des Austauschs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft natürlich zu Herzen nehmen und nach der Sommerpause im September wieder mit frischen Ideen und Beiträgen durchstarten. Wir freuen uns über Kooperationen mit aktivistischen und zivilgesellschaftlichen Stimmen, meldet euch bei Interesse gern bei uns!

Link zur aktuellen Umfrage für die Gestaltung des CSD 2023:

https://www.soscisurvey.de/csd-innsbruck-2023/

Quellen:

1 Klick, Joanne. Kontra: Keine Parteien auf dem CSD!. Queer.de (31.07.2022) Zugriff 04.08.2022 https://www.queer.de/detail.php?article_id=42780 

2 Louis, Michael.  Pro: Warum Parteien auf den CSD gehören. Queer.de (31.07.2022) Zugriff 04.08.2022 https://www.queer.de/detail.php?article_id=42781 

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