Kategorien
Tirol

IDAHOBIT: Wie queer ist eigentlich Innsbruck?

Text von Felix Lene Ihrig

Es ist die Unterseite eines Regenschirms zu sehen. in der Mitte ist der Haltestab, davon gehen acht Streben ab. Der Stoff zwischen den Streben ist verschiedenfarbig und ergibt gemeinsam einen Regenbogen.

Heute, am 17.05., ist der internationale Tag gegen Asexuellen-, Homo-, Bi-, Inter– und Transfeindlichkeit (engl. Abkürzung IDAHOBIT). Diesen Aktionstag gibt es seit 2005 und er soll darauf aufmerksam machen, dass queere Menschen nach wie vor von Diskriminierung betroffen sind. Wir haben diesen Tag zum Anlass genommen, uns mit queerem Leben in Innsbruck auseinanderzusetzen. Wie stärkt sich die Community hier gegenseitig den Rücken und welche Anlaufstellen gibt es im Fall von Diskriminierungen oder anderen Schwierigkeiten?

Vor einigen Monaten veröffentlichte das Onlinemagazin queer.de einen Beitrag1 über Innsbruck als „queerfreundliches Reiseziel“. Es wurde die allgemeine Offenheit der Stadt und ihrer Bewohner*innen gelobt und von „den drei queeren Bars“ geredet. Doch wer hier lebt, braucht nicht nur Bars und Offenheit, es geht darum, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, Partner*innen zu finden, im Diskriminierungsfall Unterstützung zu bekommen und vor allem einfach zu leben. Was hat Innsbruck also über „die drei Bars“ hinaus noch zu bieten?

Queeres Nachtleben

Bevor wir uns dem queeren Alltag in Innsbruck widmen, noch ein kurzer etwas detaillierter Blick ins Nachtleben: Tatsächlich gibt es in Innsbruck weitaus mehr als drei Bars, die von queeren Personen geschätzt und besucht werden. Die Innsbrucker queere Szene wurde jedoch lange Zeit von schwulen Männern geprägt und aus dieser Zeit sind eben jene vielzitierten „drei Lokale“ übrig. Doch in den letzten Jahren wurde die ehemals „von Queers für Queers“-Szene neuinterpretiert. Es geht inzwischen viel mehr um Räume, in denen sich alle wohl fühlen und miteinander sein oder auch feiern können – also um intersektionalinklusive Räume. Deswegen wird die Benennung „queerer Bars“ zunehmend schwieriger und wir verzichten in diesem Beitrag auch bewusst darauf.

Queere Themen-Abende

Was es jedoch gibt, sind Lokale, die spezifische queere oder FLINTA-Abende anbieten, wie z.B. das Café Lotta (am 1. Freitag im Monat) oder die arche*ahoi. In beiden gibt es ein Awareness-Team, von dem jeden Abend mindestens eine Person nüchtern und aufmerksam auf die Party achtet, sowie als offizielle Ansprechperson für mögliche Streitigkeiten oder Diskriminierungen zur Verfügung steht. Auch manche Vereine oder Beratungsstellen bieten in ihren Räumlichkeiten queere Barabende an, so auch das FrauenLesbenZentrum Innsbruck (AFLZ, nur für Frauen) und die Homosexuellen Initiative Tirol (HOSI).

Aktionstage und politischer Aktivismus

Auch die HOSI Tirol war über viele Jahre schwul geprägt, hat jedoch in den letzten Jahren mit dem LEZZTALK (Frauenabend), der trans*connection und dem JuB (Jugendtreff) spezifische Gruppen aufgebaut, die sich in regelmäßigen Abständen treffen. Streng genommen ist die HOSI der einzige Verein, der in Tirol 1983 bewusst für die Förderung von queeren Personen eingerichtet wurde und seitdem offiziell dafür zuständig ist. Die HOSI und einige andere Gruppen wie z.B. SoHo (die queere Gruppe der SPÖ), Grüne andersrum und AFLZ organisieren jährlich einen Christopher-Street-Day (CSD) in Innsbruck aber auch viele Kundgebungen zu Aktionstagen wie dem IDAHOBIT am 17.5. oder dem Trans Day of Visibility am 31.3. Auch von politischer Seite bekommen queere Personen in Innsbruck also Unterstützung und wer Anfragen hat, kann sich direkt an die jeweiligen Obpersonen und Sprecher*innen wenden.

Vernetzung mit peers

Für Vernetzung und aktivistische Arbeit gibt es einige Gruppen, die sich jeweils spezifischen Themen widmen und meist auch Stammtisch-Angebote zur unkomplizierten Kontaktaufnahme haben. So können sich vor allem inter Personen beispielsweise an die Selbsthilfegruppe „Inter-Trans-Menschen Tirol“ wenden. Bei ArchFem wiederum gibt es einige Veranstaltungen zu feministischen Themen, einen Lesekreis aber auch einen Polyamorie-Stammtisch oder einen Bi-/Pan-Treff. Auch die vor einigen Jahren neu gegründeten „Fetish Friends“ haben einen Stammtisch, der queersensibel gestaltet ist. Ebenso gibt es, von der theologischen Fakultät organisiert, eine eigene Gruppe namens „Kreuz und Queer“, die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie Christentum und Queerness vereinbar sind. Andere studentische Gruppen, die sich mit queeren Themen auseinandersetzen, sind beispielsweise die medizinische Studierendengruppe AMSA und deren Verein achtung°liebe.

Beratungsangebote

Doch was, wenn Netzwerke aus Freund*innen mal nicht passend erscheinen, um sich über queere Themen auszutauschen? Wenn der Unterstützungsbedarf über „Leute kennenlernen“ hinausgeht? Die HOSI hat beispielweise ein allgemeines, psychologisches und rechtliches Beratungsangebot. Doch es gibt noch viele weitere Anlaufstellen, die ein Angebot zu spezifischeren Themen haben:

Im Kontext von Sexualität und Geschlecht gibt es nur eine Anlaufstelle, die ihren Fokus auf queere Personen legt, jedoch vier weitere, die für einige Themen ebenso passend sind. Die Courage-Beratung ist zwar offiziell als Familienberatung gelistet, hat ihren Fokus jedoch auf Paar- und Sexualberatung und in Innsbruck auch ein sehr gutes Angebot für queere, inter und trans Personen. Bei der AIDS-Hilfe kann Beratung und medizinische Betreuung zu allen sexuell übertragbaren Krankheiten eingeholt werden. iBUS ist eine Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen, die bewusst queersensibel arbeitet. Für Männer und Frauen (egal ob cis oder trans) gibt es mit „Mannsbilder“ sowie „Frauen beraten Frauen“ zwei Anlaufstellen für alle möglichen Themen des Lebens, unter anderem Queerness.

Diskriminierungsschutz

Da Wohnungslosigkeit queere Personen deutlich häufiger betrifft, gibt es z.B. auch im „DOWAS für Frauen“ eine Auseinandersetzung mit der Frage, für welche wohnungslosen Personen es Schutzräume braucht und wie beispielsweise nichtbinäre Personen unterstützt werden können. Im NotRaum für Frauen mit und ohne Kinder (NoRa) von den Tiroler Sozialen Diensten sind jedenfalls alle weiblich identifizierten Personen willkommen. Und sollte es doch einmal zum Ernstfall kommen, gibt es auch in Innsbruck ein Büro der Gleichbehandlungsanwaltschaft, welche in rechtlichen Diskriminierungsfragen eine wichtige Anlaufstelle ist.

Queere Pläne für die Zukunft

Zu guter Letzt noch eine kurze Information in eigener Sache: Es fällt auf, dass –  trotz all der hier aufgezeigten, vielfältigen Angebote und Gruppen – trans Personen und ganz besonders nichtbinäre Personen in der Innsbrucker Community noch wenig spezifische Schutzräume haben. Deswegen möchte Felix aus unserem Redaktionsteam mit „Q*ties Ibk“ eine Gruppe für genderqueere Personen gründen, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wiederfinden. Bei Interesse schreibt uns gerne.

Ganz allgemein möchten wir mit diesem Beitrag auch zur stärkeren Vernetzung der queeren Gruppen untereinander aufrufen, denn mit vereinten Kräften können wir viel mehr erreichen!

Ein paar wichtige queere Events möchten wir noch ankündigen: Heute am 17.5. ist ab 18 Uhr eine Kundgebung zum IDAHOBIT an der Annasäule und danach „fear the queer“-Abend im Café Lotta.

Und zum Vormerken: Am 16. Juni ist am Marktplatz eine Pride-Kundgebung, organisiert von der SoHo und am 30. Juli ist CSD in Innsbruck.

Anmerkungen:

Sollte sich ein Verein oder eine Anlaufstelle in diesem Beitrag nicht wiederfinden, kontaktiert uns bitte und wir tragen das nach!

Falls ihr Lust habt einen Gastbeitrag über eure Aktivitäten zu schreiben, freuen wir uns über eure Nachricht!

Homepages der genannten Anlaufstellen soweit vorhanden:

Cafè Lotta, arche*ahoi, Kreuz und Queer, SoHo sowie Grüne Andersrum sind hauptsächlich auf Instagram & facebook aktiv.

https://achtungliebe.amsa.at/wir/

https://www.aidshilfe-tirol.at/

https://www.archfem.net/stammtische/

https://www.courage-beratung.at/mitarbeiterinnen,innsbruck

https://www.dowas-fuer-frauen.at/

https://www.frauenberatenfrauen.at/angebot.html

https://ffriends.at/

https://www.frauenlesbenzentrum.at/cafe

https://www.gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at/  und ibk.gaw@bka.gv.at

http://www.hositirol.at/termine/

https://www.aep-ibus.at/

https://mannsbilder.at/

https://www.tsd.gv.at/nora.html

Quellen:

1 Phil Hollister „So queerfreundlich ist Innsbruck!“. Queer.de (27.02.2022) Zugriff 05.05.2022 https://www.queer.de/detail.php?article_id=41297

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s