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Novella Benedetti über forensische Linguistik und die Sprache bei Gewalt gegen Frauen*

Interview von Magdalena Lohfeyer mit Novella Benedetti

© Pixabay

Novella Bendetti ist seit 01. März als Visiting Scholar am CGI und der Universität Innsbruck zu Gast. Wir haben mit ihr über ihre Forschung im Bereich der forensischen Linguistik und der Sprache bei Gewalt gegen Frauen* gesprochen.

Novella, du bist seit März als Visiting Scholar am Center für Interdisziplinäre Geschlechterforschung und am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck zu Gast. Du bist schon viel in der Welt herumgekommen und hast an unterschiedlichen Orten gelebt, wie und weshalb bist du jetzt nach Innsbruck gekommen?

Im Alter von circa 17 bis 27 Jahren habe ich ein nomadisches Leben geführt, dann bin ich aufgrund von gesundheitlichen Problemen in meiner Familie wieder zurück nach Italien gezogen, habe dort geheiratet, gearbeitet und bin geblieben. Ich persönlich habe mein nomadisches Leben ein wenig vermisst und im Hinblick auf meine Forschung habe ich mir dann überlegt, welche Möglichkeiten es gibt, ich bin eben nicht mehr 20, sondern 40 Jahre alt. Das ist der persönliche Grund, aber dann gibt es auch professionelle Gründe. Bei Auslandsaufenthalten kann man so viele Erfahrungen sammeln und viel lernen, nicht nur über ein Thema selbst, sondern auch für die Art und Weise, wie man sich mit einem Thema beschäftigt. Ich habe dann angefangen mich nach Universitäten für ein Visiting Scholar umzusehen und eine Kollegin von mir hat mir dann von dieser Forschungsplattform erzählt. Ich selbst habe nie über Innsbruck nachgedacht, vielleicht weil es so nah an Trient ist. Bei Ausland denkt man nicht an Österreich, sondern an Großbritannien oder die USA. Ich habe mir dann die Website des CGI angeschaut, es wirkte alles sehr organisiert und es gab viele Inhalte und dann habe ich einfach hingeschrieben und es hat geklappt. Aufgrund der Pandemie kann ich meine ganze Arbeit [v.a. als Freelance Language Specialist, Anm. der Autorin] vom Homeoffice aus machen, also ich arbeite nebenbei auch weiter von hier aus.

Du hast deinen Abschluss in Übersetzen und Dolmetschen in Italien absolviert und forscht jetzt als Promotionsstudierende an der Universität Vic in Spanien im Bereich der forensischen Linguistik. Wo liegen deine Schwerpunkte und Forschungsinteressen im Rahmen deines PhDs?

Ich wollte schon lange einen PhD machen und habe mich dann nach MOOC, Massive Open Online Courses, umgeschaut. Dabei bin ich auf „Corpus Linguistic“ an der Universität Lancaster gestoßen. In diesem Kurs war eine Professorin der Universität Lancaster, welche die Authentizität von Abschiedsbriefen bei Selbstmorden untersucht. Ich war davon begeistert und wollte auch so etwas machen. Zuvor habe ich 15 Jahre lang gearbeitet, für mich war es also wichtig, mich mit einem Forschungsbereich zu beschäftigen, der mich nicht nach kurzer Zeit langweilt. Über das Laboratorium für forensische Linguistik in Barcelona bin ich auf die Professorin Dr. Sheila Queralt gestoßen, die mich bei meinem Vorhaben unterstützt und mich an Prof. Pilar Godayol an der Universität in Vic vermittelt hat. 2020 begann ich dann mein PhD-Studium in „Translation, Gender and Cultural Studies“ an der Universität in Vic. Eine Schwierigkeit, die ich zu Beginn meines PhDs hatte, war das Finden und Zusammentragen von Forschungsmaterial, denn bei der Untersuchung von Rechtsfällen gibt es ein großes Problem mit dem Datenschutz.

Fokussierst du dich in deiner Forschung auf italienische Rechtsfälle?

Ja genau, denn Italienisch ist meine Muttersprache. Wenn du eine Sprache analysierst, auch wenn du eine Fremdsprache sehr gut beherrscht, ist es immer ein wenig anders und schwieriger als mit deiner Muttersprache, aufgrund all der Nuancen einer Sprache.

Am Anfang hatte ich noch kein konkretes Forschungsthema, doch ich wollte unbedingt zu forensischer Linguistik arbeiten. Es ist jedoch in diesem Bereich sehr schwierig an Forschungsmaterial zu kommen und ich wusste nicht recht, wie ich das anstellen sollte. Mir war es wichtig, mit meiner Forschung eine Verbindung zur Zivilgesellschaft herzustellen, weil ich viele Jahre in NGOs gearbeitet habe und ich wollte deswegen, dass meine Forschung nützlich und nicht nur theoretisch ist. Ein Thema, das mich stets sehr interessiert hatte, war Gewalt gegen Frauen*. Also begann ich mich umzusehen, ob ich Zugang zu entsprechenden Forschungsmaterial erhalten kann. Eine gute Freundin von mir ist Anwältin und hat mich mit Elena Biaggioni, einer Anwältin und der Ansprechpartnerin in Italien für die Istanbul-Konvention, zusammenbracht. Elena versicherte mir, dass meine Idee gut und wichtig sei und sie gab mir Zugang zu einigen ihrer Fälle. Sie hat mich auch mit anderen Anwält*innen und Frauen*häusern in Kontakt gebracht, ich bin dann durch ganz Italien gereist und habe Daten gesammelt. Aufgrund der Thematik musste ich zu einer Sitzung mit der universitätseigenen Ethikkommission und habe auch gemeinsam mit dem Komitee die Datenschutzerklärungen erarbeitet. So hat es alles angefangen. Gemeinsam mit der Sheila Queralt habe ich dann anhand des erhaltenen Materials das Forschungsprojekt ausgearbeitet und gestartet.

Ich fasse das folgende jetzt etwas zusammen, sonst wird es sehr lang. Also wenn ich von Sprache und Gewalt gegen Frauen* spreche, denken viele Menschen an die Sprache, welche die Medien verwenden. Ich selbst arbeite jedoch im Feld der forensischen Linguistik und mit der Sprache als Beweis. In Fällen von Stalking beispielsweise gibt es haufenweise solcher Beweise in Form von Textnachrichten, Emails und vieles mehr, welche dann analysiert werden können, um Manipulation und Nötigung durch Sprache nachzuweisen. Darüber hinaus gibt es direkte und indirekte Drohungen. Es gibt eine Reihe von Studien, die sich mit Drohungen und der Wahrscheinlichkeit, dass die Drohungen je nach verwendeter Sprache und Ausdrucksweise umgesetzt werden, befassen.

Untersuchst du die Rechtsfälle auf eine konkrete Forschungsfrage hin?

Ich hatte eine konkrete Frage, aber die hat sich mit zunehmendem Forschungsmaterial geändert. Meine Idee ist immer noch da und die möchte ich immer noch umsetzen, aber ich werde wahrscheinlich mehr Zeit brauchen, um das Forschungsmaterial zusammenzubringen, aber das ist in Ordnung. Es ist eine Leidenschaft, die ich habe. Selbst wenn es also nicht für diese Doktorarbeit ist, kann ich sicher einen anderen Weg finden, das durchzuziehen. Meine Dissertation sieht also im Moment eher wie eine Zusammenfassung von wissenschaftlichen Artikeln aus.

Zum Abschluss interessiert mich noch ob und wie die Erfahrungen von deinen Reisen und deine vielfältige Arbeit in NGOs, als Journalistin, Coachin und Freelance Language Specialist in deine Forschung zu Sprache und Gewalt gegen Frauen* einfließen?

Generell war ich schon immer sehr neugierig. Eine Erfahrung, die einen sehr großen Einfluss auf mich hatte, war mein Freiwilligendienst im Kosovo mit 23 Jahren. Der Krieg im Kosovo endete erst 1999, ich war 2003 dort und das war noch alles sehr frisch. Ich war in einem kleinen Dorf und die Leute hatten nichts, sie produzierten nichts. Im Supermarkt konnte man beispielsweise nur Produkte aus Griechenland finden, aber nichts aus dem Kosovo. Es war eine schockierende Erfahrung. Ich war zuvor auf Reisen, aber nur in reichen Ländern. Und zu sehen, wie Menschen in meinem Alter eine solch andere Lebenserfahrung machten, hatte wirklich einen großen Einfluss auf mich. Bis zu diesem Zeitpunkt wollte ich Dolmetscherin am Europäischen Parlament werden. Nach meinem Aufenthalt im Kosovo entschied ich aber, dass ich zuerst etwas anderes tun wollte. Ich wollte einen Beitrag leisten und etwas zurückgeben, etwa durch meine Arbeit in NGOs und ehrenamtliches Engagement.

Zum einen war also das Thema Sprache und Gewalt gegen Frauen* in meinem Leben stets präsent, und zwar auf verschiedene Weisen, und zum anderen gab mir diese Erfahrung im Kosovo eine intrinsische Motivation einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Und die Welt ein bisschen besser zu machen. Das ist ein Klischee, aber ich denke wir alle suchen nach einem Sinn und das war meiner. Das ist meiner.

Anmerkungen:

Das Interview wurde in Deutsch und Englisch geführt. In Absprache mit der Interviewpartnerin wurde das gesprochene Wort der deutschen Grammatik angepasst, die englischsprachigen Teile von der Interviewerin übersetzt und das Interview an sich gekürzt.

Für weitere Informationen zu (Häuslicher) Gewalt gegen Frauen:

Häusliche Gewalt in Zeiten von COVID-19: Ein Blick aus der Geschlechterperspektive – FUQS (fuqsblog.com)

Interview: Gewaltforschung zu häuslicher Gewalt und COVID-19 – FUQS (fuqsblog.com)

Links zum PhD-Studium und zu erwähnten Personen:

PhD in Translation, Gender and Cultural Studies | UVic

Sheila Queralt Home – Laboratorio de LingüísticaForense (sq-linguistasforenses.com)

Pilar Godayol – U-Divulga (uvic.cat)

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