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Die migrantische Hausfrau und Hausbesuche

Ein Beitrag von Burçin Tav

Symbolfoto

Für Migrant:innen stellt das Leben in einem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Sprache und soziale Ordnung zunächst fremd sind, eine zusätzliche Hürde dar. Ihr alltägliches Leben begrenzt sich oft auf die Räumlichkeiten der Arbeit und des Zuhauses, während ihnen kaum andere kulturelle oder soziale Räume offenstehen. Bereits daraus ergibt sich häufig eine stärkere Bindung an den privaten Raum, die sowohl Männer als auch Frauen betrifft.

Während Männer mit dem „kiraathane“ oder ins deutsche übertragen „Teestuben“ (Weber, 2019, S. 185), zumindest einen geschlechtsspezifischen Versammlungsraum besitzen und ihr Bedürfnis nach sozialer Nähe stillen können, bleiben Frauen in der häuslichen Isolation gefangen. Die Ehefrauen gehen neben der Lohnarbeit, der ihnen zugewiesenen Hausarbeit und Kindererziehung nach. Ihnen werden diese gesellschaftlichen Räume nicht geboten, weshalb sie sich nur selbstständig solche Möglichkeiten sozialer Unternehmungen schaffen können. Es ist um einiges mühsamer. So schrieb auch Dalla Costa, dass den Frauen jede Möglichkeit auf gesellschaftliches Leben mit Ausnahme der Nachbarschaft genommen wurde (Dalla Costa et al., 1973/2022, S. 36).

Bei der kulturellen Praxis des Hausbesuchs in der Diaspora handelt es sich um eine eine solidaritätsstiftende Praxis, gemeinschaftlicher Zusammenkünfte, die zur Kohärenz der migrantischen Bevölkerungsgruppe beitragen und zugleich die sozialen, emotionalen und psychischen Bedürfnisse ihrer Mitglieder:innen befriedigen. Besonders für Frauen, die sich auf Aktivitäten im Haushalt beschränken, stellen die Hausbesuche eine Möglichkeit auf Austausch dar.

Die Praxis des Hausbesuchs trägt dabei Dimensionen der Reproduktion spezifischer Geschlechterverhältnisse in sich, die als zunehmend unvereinbar mit dem emanzipierten Selbstverständnis der Frauen wahrgenommen werden. Ihr Schwinden ist daher nicht allein eine Folge externer gesellschaftlicher Umbrüche, sondern kann auch in der inneren Spannung zwischen Tradition und modernen Emanzipationsansprüchen begründet sein.

Ablauf des Hausbesuchs

Die Familienfreunde erwartend, sammelt sich meist die gesamte Familie an der Tür. Wenn die Tür geöffnet wird und man die Gäst:innen willkommen heißt, überlässt man voraussichtlich den Männern den Vorrang in der Sitzauswahl, denn man schreitet ihrem Schritt nach, in ihrem Schatten behütet oder verdammt. Frauen und Kinder hadern in ihrer Platzwahl, insofern überhaupt Platz verbleibt. So kommt es vor, dass Frauen schüchtern an den Rändern auf den Ersatzstühlen aus der Küche sitzen müssen. Das ist auch praktischer für die Hausfrau, wenn man für die Gäste den Tee auffrischen muss und mal schnell in die Küche geht. Die Küche ist im Allgemeinen ein weiblicher Zufluchtsort (Dalla Costa et al., 1973/2022, S. 37). Verhaltensweisen, die man an einem solchen Abend entdeckt, ist, dass Frauen meist in sich hinein lächeln. Das passt in das ideale Bild der Frau und der Gattin, die passiv, fügsam, sparsam, wortkarg und stets beschäftigt ist (Federici, 2004/2025, S. 127). Männer dagegen scheuen sich nicht davor, den Klangraum einzunehmen. Sie unterhalten sich meist hitzig über Politik, wo jeder jeden anderen übertönen möchte. Die Frauen unterhalten sich dagegen über alltägliche Dinge, über den Gastgebertisch, die Einrichtung, Haushalttipps und informieren sich gegenseitig darüber, was sich in der Umgebung alles abgespielt hat. So scheint es also, dass Männer Lästereien fern sind, weil sie sich an solchen Abenden nur über ernsthafte Tatsachen unterhalten. Die Gefahr geht davon aus, dass man übersieht, dass sich Männer abseits solcher Abende in männlich eingenommenen Räumen treffen, sogenannten „kiraathane“, wovon Frauen ausgeschlossen sind.

Körperliche und emotionale Arbeit

Ein Hausbesuch bedeutet für die Hausfrau, ordentlich viel Arbeit leisten zu müssen, denn es steht nicht nur die Bedienung des Besuchs an, sondern als Vorbereitung muss geputzt und gekocht werden. Unter den Frauen ist es eine Art der Anerkennung, wenn man als gute Haushälterin und Gastgeberin betitelt wird. Gastfreundschaft ist nicht nur eine soziale Praxis, sondern zugleich eine moralisch bewertete Norm. Die kulturelle Praxis des Hausbesuchs (misafirlik) ist eng mit der Vorstellung von Gastfreundschaft (misafirperverlik) verbunden. An solchen Abenden zeigt die Ehefrau ihre Geschicklichkeit und bekommt die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten als ordentliche Hausfrau zu präsentieren und somit ihrer zugeschriebenen Rolle genüge zu tun. Die Hausarbeit ist also nicht nur quantitativ, sondern ebenso qualitativ verschieden von anderer Arbeit (Dalla Costa et al., 1973/2022, S. 35).

Reproduktion von normativen Erwartungen und sozialen Rollen

Bei aufmerksamer Beobachtung sieht man eine Mutter, die ihre Tochter seitlich anstupst, um sie dazu zu bringen, der Gastgeberin in der Küche zu helfen. Diese Hilfe wird meist abgelehnt, worum auch die Mutter weiß. Es handelt sich einerseits um eine Erziehungsmaßnahme und ist Teil der Sozialisation, denn auf diese Weise wird die migrantische Tochter zu einer Frau erzogen, die um ihre Kultur und Sitten weiß. Zudem stellt es für die Mutter eine Herausforderung dar, still rumzusitzen, denn sie ist auf Arbeit getrimmt. So soll auch ihre Tochter durch den unangenehmen Seitenhieb ständig auf der Hut und den Zehenspitzen sein, jederzeit dazu bereit, sich aufzurichten. Es ist aber nicht nur eine reine symbolische Geste, sondern auch eine Solidaritätsstiftung unter den Frauen. Die Gastgeberin soll sich unterstützt und in ihrer Bemühung gesehen fühlen, eine aufeinander begrenzte Anerkennung ihrer Arbeit und Erschöpfung.

Bedürfnisse des Ehemannes

Am Ende eines solchen späten Abends ist die Frau damit beschäftigt, den Tisch abzuräumen, eine ihrer vielen Aufgaben aus einer stummen Übereinkunft zwischen ihr und ihrem Ehemann. Gedanklich beschäftigt sie sich schon mit der angefallenen Arbeit des nächsten Tages (vgl. “mental load”). Sie bemerkt die Erschöpfung und den Stress, den dieser Hausbesuch ihr bereitet hat. So möchte sie so bald wie möglich ins Bett fallen, da fällt ihr ein, dass sie noch die Bedürfnisse ihres Mannes befriedigen muss. Dieser ist im Gegensatz dazu erregt von den einfallsreichen Gesprächen und möchte sich mit seiner Frau euphorisch über die Geschehnisse an diesem Abend unterhalten. Diese Unfähigkeit des Ehemannes, die Mattigkeit seiner Ehefrau zu erkennen, liegt in der Anwendung Irigarays daran, dass der Mann seine Frau nicht als Idee bzw. Selbst(-bewusstsein) mit eigenen Bedürfnissen zu begreifen im Stande ist, weshalb sie ihm nur als Ding erscheint (Irigaray, 1974, S. 170). Es sind nur seine eigenen Reflexe im Spiegel, die er aufnimmt. So glaubt er, dieselbe Euphorie in seiner Frau zu erkennen, welche eigentlich nur die Seine ist.

„Die schweigende Ergebenheit des (der) einen garantiert die Selbst-Gefälligkeit, die Autonomie des anderen, solange keine Notwendigkeit besteht, diese Stummheit als Symptom – einer (historischen) Verdrängung – zu prüfen. Wenn nun aber das Objekt“ zu sprechen anfinge? Und zu sehen etc.?“

(Irigaray, 1974, S. 171)
Vergeschlechtlichte (Macht-)Räume

Es ist erkennbar, auf welche Weise der Privatraum der Ehefrau zugeschrieben wurde, wodurch sie zunehmend in eine von der Außenwelt isolierte Lebensform eingebunden ist. Mit dieser räumlichen Zuschreibung geht zugleich eine spezifische gesellschaftliche Funktion einher. Der Ehefrau wird die Aufgabe der Reproduktion übertragen, die sich in der Geburt und Erziehung von Kindern manifestiert.

Dieser Bereich bildet einen zentralen Bestandteil der sozialen Praxis, innerhalb derer sich weibliche Subjektivität formiert. Die Frau wurde im Haushalt isoliert und ihr wurde die Aufgabe aufgezwungen, die Arbeitskraft für die Produktion zu gebären, aufzuziehen und zu bedienen (Dalla Costa et al., 1973/2022, S. 34). Der gesellschaftliche Machtverlust fand in einer neuen geschlechtlichen Differenzierung des Raumes seinen Ausdruck (Federici, 2004/2025, S. 124).

Seit der Pandemie und unter dem Einfluss einer jüngeren Generation zeigt sich jedoch ein deutlicher Rückgang der sozialen Interaktionsform des Hausbesuchs, wodurch die kontinuierliche Reproduktion kultureller Kohärenz zunehmend infrage gestellt wird. Selbst die männlich eingenommenen Teestuben sind im Begriff zu verschwinden. Einerseits, weil die ökonomischen Umstände den Betreibern nicht mehr erlauben, solche Orte zu schaffen. Andererseits, weil sich die neue Generation neue kulturelle Praxen aneignet.

Die kulturelle Praxis des Hausbesuchs sollte auf keinen Fall missbilligt werden, ganz im Gegenteil, denn man erinnert sich gerne an die herzlichen Abende, die eine wertvolle gemeinschaftliche Solidarität gestiftet haben. Es wurde zusammen getrunken, gesungen, gelacht und geweint. Aber dabei ist eben die weibliche Reproduktionsarbeit aus dem Blick geraten, denn der männliche Blick war nur im Stande sich selbst im Spiegel zu begegnen und nicht außerhalb dessen zu treten. Die neue Generation migrantischer Frauen wird noch vehementer an den Wänden des Spiegelpalastes rütteln.

Quellen

Dalla Costa, M., Beier, F., & Notz, G. (2022). Frauen und der Umsturz der Gesellschaft: Gesammelte Aufsätze (B. Grell & G. Bock, Übers.; 1. Auflage). Unrast. (Ursprünglich erschienen 1973)

Federici, S. (2025). Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (M. Birkner, Hrsg.; M. Henninger, Übers.; 12. Auflage). Mandelbaum. (Ursprünglich erschienen 2004) Irigaray, L. (1974). Speculum: Spiegel des anderen Geschlechts (6. [Aufl.]). Suhrkamp.

Weber, A. M. (2019). Diverse Typologie: Eine Analyse migrantisch initiierter Architektur in Deutschland [Doktorarbeit]. Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen.

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