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Talking Gender! Warum Geschlechterforschung Wissenschaftskommunikation braucht – und umgekehrt.

Gastbeitrag von Levke Harders

© Andrea Woyke

„Universität ist nicht immer einfach – schon gar nicht ihre Geschichte. Hier an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ist es uns deshalb wichtig, nicht hinzunehmen, was scheinbar schon immer da war, sondern uns zu fragen, welche Rollen unsere Universität in ihrer über 350-jährigen Geschichte schon eingenommen hat. […] Wie verhielt sich die Universität Innsbruck gegenüber Menschen, die diskriminiert wurden – und wie begegnen wir dem heute?“1

Kritische Universitätsgeschichte von Studierenden, für alle

So beginnt der Informationstext des Blogs Div:Inn. Diversity History an der Universität Innsbruck, der im Sommer 2022 in drei Seminaren des Masterstudiengangs Gender, Kultur und Sozialer Wandel entstanden ist. In den Lehrveranstaltungen ging es um Theorien und Geschichte der Geschlechterverhältnisse, hier am Beispiel der Wissenschaften als einem durch soziale Ungleichheiten geprägten System. Die theoretische Lektüre am Semesterbeginn haben Studierende in einem zweiten Schritt in historische Forschungsprojekte einfließen lassen, die nicht als Seminararbeit, sondern als Blogposts präsentiert wurden. Das erfordert Mut zur These, einen weniger akademischen Schreibstil, die Suche nach geeigneten Abbildungen und die Bereitschaft, als studierende, als forschende Person sichtbar zu werden, sich als Wissenschaftler*in (namentlich) an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Die Idee für diese Lehrveranstaltungen hing mit der ersten universitären „Woche der Vielfalt“ im Juni 2022 zusammen, die mit dem Blog historisch-kritisch begleitet werden sollte, um einer „happy diversity“, wie sie Sara Ahmed kritisiert,2 andere Perspektiven entgegenzusetzen. Das Ergebnis, der Blog Div:Inn, ist dabei sowohl Produkt von Forschung und Lehre zu einer intersektionalen Universitätsgeschichte als auch Produkt von Wissenschaftskommunikation. Im Handlungsfeld Wissenschaftskommunikation sind Journalist*innen tätig oder Menschen, die für universitäre Öffentlichkeitsbüros arbeiten. Und auch wir, Studierende, Lehrende, Forschende, können uns beteiligen. Soziale Medien dienen dem Austausch untereinander, der Auseinandersetzung mit und den Dialog über Forschungsthemen ebenso wie der Widerlegung falscher Aussagen.3 Außerdem machen soziale Medien, macht Wissenschaftskommunikation als akademische Praxis Spaß4, generiert Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Dabei, so zeigen Studien, ist die Nutzung sozialer Medien im akademischen Kontext bezogen auf Geschlecht, Alter, beruflicher Position oder Fach gar nicht so unterschiedlich, wie oft vermutet wird.5

Was ist Wissenschaftskommunikation (in der Geschlechterforschung)?

Laut einer aktuellen Studie haben 85 % aller Wissenschaftler*innen in Deutschland schon Erfahrung mit Wissenschaftskommunikation.6 Hierzu gehören bspw. Ausstellungen, Äußerungen in Printmedien, im Radio und Fernsehen, populärwissenschaftliche Vorträge, öffentliche Veranstaltungen (wie die Feministischen Stadtgespräche des CGI) sowie soziale Medien (Blogs, Instagram, Twitter, Mastodon, TikTok, Youtube, Podcasts, Reddit, Wikipedia, Facebook usw.). Die Blogs Div:Inn und FUQS sind gute Beispiele dafür, dass die Geschlechterforschung soziale Medien gezielt nutzt, um Ergebnisse und Debatten der Gender Studies auch jenseits der Universität zu thematisieren. Für diese „Öffentlichkeitsarbeit“ gibt es verschiedene Bezeichnungen: Public Understanding of Science, Transfer, Wissenschaftskommunikation, Third Mission. Diese Begriffe sind etwas unterschiedlich gelagert, generell geht es bei allen um den „Transfer von wissenschaftlichem Wissen aus dem Wissenschaftsbereich in außerwissenschaftliche Bereiche und den Austausch darüber mit der Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik“.7 Weiters sind, besonders für die Geschlechterforschung, die wissenschaftsinterne Kommunikation von Bedeutung, also der Transfer von Wissen der Geschlechterforschung in unterschiedliche Bereiche der Wissenschaft. Nicht zuletzt sind bspw. Gender und Queer Studies eng mit Aktivismus und sozialen Bewegungen verbunden. Blogging und andere soziale Medien können nicht nur die Kommunikation und Wissensvermittlung, sondern auch die Forschungsmodi und Forschungsthemen verändern. So erklärt die Philosophin und Soziologin Sara Ahmed in „Living a Feminist Life“, wie das Buch aus ihrem Blog Feminist Killjoys heraus entstanden ist, nämlich auch durch den Dialog mit Studierenden, die auf Blogposts reagiert und eigene Geschichten geteilt haben. Das führt zu einem Text, in dem Ahmed von eigenen Erfahrungen her argumentiert und zwar dezidiert als eine andere Form der Wissenschaft und der Wissensproduktion: „Feminism is at stake in how we generate knowledge; in how we write, in who we cite. I think of feminism as a building project: if our texts are worlds, they need to be made out of feminist materials.“ Und weiter: „The materials are books, yes, but they are also spaces of encounter; how we are touched by things; how we touch things. I think of feminism as a fragile archive, a body assembled from shattering, from splattering, an archive whose fragility gives us responsibility: to take care.“8 Ahmed benennt hier die Wechselwirkungen zwischen Schreiben, Wissensproduktion, der Herstellung eines eigenen „Archivs“ und damit auch dem Sichtbarmachen feministischer Theorietraditionen bei einem gleichzeitig offenen Format, dem Blog, auf dem Lesende Ahmeds Denken begleiten und kommentieren können.

Seit einigen Jahren nutze ich soziale Medien, um Forschungsergebnisse zu diskutieren und präsentieren, um internationale Netzwerke zu pflegen und Lehrprojekte wie Div:Inn umzusetzen. Ein großer Vorteil sozialer Medien für die Wissenschaftskommunikation, gerade auch im Bereich der Gender Studies, ist, dass sie (fast) ohne Vorwissen und Budget genutzt werden können. Für geistes- und sozialwissenschaftliche Blogs gibt es bspw. die Plattform Hypothèses, für das Microblogging lässt sich problemlos ein Profil bei Twitter oder Mastodon erstellen. Beide Medienformen bieten Sichtbarkeit und Vernetzung, allerdings eher innerhalb der Wissenschaften mit Kolleg*innen, weniger mit Studierenden oder einer breiteren Öffentlichkeit. Diese Zielgruppen sind eher auf Instagram und TikTok unterwegs, wo viele Themen der Geschlechterforschung in institutionellen und privaten Kanälen behandelt werden. So setzen sich einzelne Historiker*innen (@Frauenvondamals oder @nichtsophiescholl bei Instagram und HeeyLeonie bei TikTok), erfolgreich für die Vermittlung von (Geschlechter-)Geschichte ein, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Daneben gibt es sehr gute Angebote der historisch-politischen Bildung, die Themen der intersektionalen Geschlechterforschung aufgreifen (@unirassismuskritisch, @engenderacademia, @erklaermirmal o. a.). Auch Podcasts (wie der Innsbrucker Zeit für Wissenschaft, Gender & mehr – leicht gesagt oder History Shows Us) und Youtube (wie der Kanal von Andrea Geier, auf dem sie u. a. Wissenschaftskommunikation in den Gender Studies erklärt) sind Medien der Wissenschaftskommunikation in den Gender Studies.

Wissenschaftskommunikation: Arbeit und Arbeitsbedingungen

Wissenschaftskommunikation ist akademische Arbeit, die als solche anerkannt werden und die sich professionalisieren sollte. Bisher betreiben viele Forschende Wissenschaftskommunikation zum einen eher durch learning by doing, zum anderen meist „nebenbei“ statt als geregelte Arbeitsaufgabe. Dabei könnten bspw. Lehrprojekte wie Div:Inn sowohl dazu genutzt werden, um Studierende an Wissenschaftskommunikation heranzuführen, als auch, um Lehrende mit (neuen) sozialen Netzwerken vertraut(er) zu machen. Zugleich ist in den letzten Jahren eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten: Es sind Fachverbände entstanden, Wissenschaftskommunikation wird beforscht, es gibt Konferenzen und (oft kostspielige) Fortbildungen.9 Eine kleine Umfrage von mir dazu auf Twitter und Instagram im Mai 2022, die keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erhebt, ergab, dass sich Wissenschaftskommunikation professionalisieren sollte und dass Weiterbildung gewünscht wird. Hier sollten Hochschulen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mehr Angebote unterbreiten, um nicht einen weiteren Markt von teuren Fortbildungen zu schaffen, der v. a. von Drittmittelforschung und/oder ausreichend finanzierten Naturwissenschaftler*innen genutzt werden kann.

Auch wenn öffentlich finanzierte Forschende meiner Meinung nach durchaus Third Mission betreiben können und sollten, denke ich nicht, dass alle dies müssen. Denn es gibt auch gute Gründe dagegen. Die von Drittmittelgebern häufig eingeforderte Wissenschaftskommunikation könnte zu unnötigen Zwängen und der schon kurz erwähnten Ökonomisierung des Handlungsfeldes führen. Zurzeit noch im Klärungsprozess, so meine Beobachtung, ist außerdem das Verhältnis institutioneller Öffentlichkeitsarbeit zur Wissenschaftskommunikation durch individuelle Wissenschaftler*innen oder Forschungsprojekte. Wird es zukünftig mehr Kontrolle oder mehr Einbindung und Vernetzung auch innerhalb von Hochschulen geben? Und was leisten Institutionen umgekehrt für diejenigen, die Wissenschaftskommunikation betreiben? Gibt es Unterstützung, Schutz, ggf. auch juristische Konsequenzen, wenn Einzelne angegriffen werden? Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat mit Science Care kürzlich die erste Anlaufstelle für angefeindete Wissenschaftler*innen der ÖAW eingerichtet.

Als struktureller Faktor wirken sich die Arbeitsbedingungen negativ aus, unter denen Wissenschaftskommunikation stattfindet. Eine aktuelle Studie macht deutlich, dass 83 % der befragten Wissenschaftler*innen nicht ausreichend Zeit dafür haben und 56 % zudem fehlende Ressourcen im eigenen Projekt als Hindernis wahrnehmen. Dreiviertel der Wissenschaftler*innen finden, dass sie sich zu wenig in der Wissenschaftskommunikation engagieren.10 Zu ergänzen ist, dass die Vielzahl der Möglichkeiten für Wissenschaftskommunikation in den sozialen Medien auch den Druck erhöht, in allen oder vielen Netzwerken gleichermaßen präsent zu sein, was sich konträr zur Verfügung stehenden Zeit verhält. Neben zu wenig Zeit und fehlenden Ressourcen gibt es weitere Hindernisse, die mit strukturellen Ungleichheiten im Wissenschaftssystem verbunden sind: Für wen ist Wissenschaftskommunikation wie und warum relevant? Wer kann es sich vielleicht trotzdem leisten, ein Youtube-Video zu produzieren? Wer denkt als first-generation-Doktorandin vielleicht, mit den Gepflogenheiten im akademischen Twitter zu wenig vertraut zu sein und betritt deshalb nicht diese Bühne? Hinzukommen befristete Arbeitsverhältnisse (zurzeit unter den Hashtags #IchBinReyhan und #IchBinHanna diskutiert) und/oder prekäre Projektfinanzierungen, die Wissenschaftskommunikation oft nur auf Zeit ermöglichen. Vor allem aber fehlt die Anerkennung von Wissenschaftskommunikation, insbesondere mit sozialen Medien, als Teil unserer wissenschaftlichen (Erwerbs-)Arbeit. In der kleinen Umfrage hat sich meine Vermutung dahingehend bestätigt: Bei Twitter gaben fast die Hälfte an, dass Wissenschaftskommunikation unbezahlte Arbeit ist,11 während nur ein knappes Drittel dies als bezahlte wissenschaftliche Arbeit realisieren kann. Der für Hochschulen so zentrale Bereich des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Öffentlichkeit wird also (zu) häufig nicht als eigenes Aufgabengebiet anerkannt. Ich habe den Eindruck, dass sich dieser Diskurs oder zumindest das Selbstverständnis zurzeit ändert, nämlich Wissenschaftskommunikation als Teil akademischer Arbeit zu begreifen. Meines Erachtens braucht professionelle Wissenschaftskommunikation Fortbildung, Anerkennung und darüber hinaus eigene Stellen(anteile), denn guter, kontinuierlicher, an Zielgruppen angepasster Transfer von Wissen auf unterschiedlichen Kanälen lässt sich nicht „mal eben“ oder am Feierabend erledigen.

Die Verknüpfung historischer Inhalte oder Themen der Geschlechterforschung mit sozialen Medien hat meine Praxis als Wissenschaftlerin verändert und zwar positiv. Wissenschaftskommunikation ist also kein Zweck für sich und nicht einmal „nur“ als Einbahnstraße Richtung Öffentlichkeit zu sehen, sondern beeinflusst unser wissenschaftliches Arbeiten. Dies gilt es zu reflektieren, zu fördern, zu professionalisieren und – nicht zuletzt – auch zu entlohnen. Wissenschaftskommunikation, um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, ist schon lange Teil der Gender Studies und sollte endlich die Professionalisierung und Anerkennung erfahren, die sie verdient.

Wissenschaftskommunikation funktioniert (besser) im Team. Daher danke ich den Oberseminaren von Margit Szöllosi-Janze und Kiran Patel an der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit denen ich diesen Input im Sommersemester 2022 diskutieren konnte. Ich danke allen Beteiligten des Blogs Div:Inn im Sommersemester 2022 sowie den Studierenden des Seminars Talking Gender! Wissenschaftskommunikation in Sozialen Medien im Wintersemester 2022/23 für ihre Bereitschaft, sich in das Handlungsfeld Wissenschaftskommunikation zu begeben, und Maria Furtner für Idee und Titel zu diesem Seminar – und zu diesem Text.

Levke Harders ist seit September 2021 Professorin für Geschlechtergeschichte an der Universität Innsbruck. Neben Forschung und Lehre zu Geschlechter-, Migrations- und Wissenschaftsgeschichte bloggt sie unter Migration & Belonging, twittert, betreibt den Instagramkanal @gender.inn und ist ab und zu in Podcasts zu hören.


Quellen:

1 Silvana Klump und Alina Rutsch für die drei Masterseminare: About us, in: Div:Inn. Diversity History an der Universität Innsbruck, 17.06.2022.

2 Ahmed, Sara: On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life. Durham, London 2012.

3 U. a. Geschichte in 280 Zeichen – Historische Fakten gegen rechten Populismus? Ein Interview mit Charlotte Jahnz und Moritz Hoffmann, in: Blog des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, 10.07.2018.

4 Mehr zu Wissenschaftskommunikation als akademischer Praxis: Harders, Levke: Social Media as a Distinct Form of Knowledge Production, in: History of Knowledge, 16.09.2020.

5 Hennig, Anne / Kohler, Sarah: Einflussfaktoren bei der Social-Media-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation, in: Publizistik 65 (2020). Siehe auch Könneker, Carsten: Wissenschaftskommunikation und Social Media: Neue Akteure, Polarisierung und Vertrauen, in: Schnurr, Johannes / Mäder, Alexander (Hg.): Wissenschaft und Gesellschaft. Ein vertrauensvoller Dialog. Positionen und Perspektiven der Wissenschaftskommunikation heute. Berlin, Heidelberg 2021, S. 25-46.

6 Ambrasat, Jens et al.: Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Ergebnisse einer Befragung unter Wissenschaftler:innen. Berlin, Hannover, Heidelberg 2021, S. 16.

7 Wissenschaftsrat: Wissenschaftskommunikation. Positionspapier. Kiel 2021, S. 7.

8 Ahmed, Sara: Living a Feminist Life. Durham 2017, S. 11-17; siehe dazu auch ihren Blogpost.

9 Diese Weiterbildungsangebote sind durch ihre Preisgestaltung m. E. eng mit der Drittmitttelförderung verbunden, deren Ergebnis diese Angebote wiederum sind. Ein Teufelskreis?

10 Ambrasat, a.a.O.

11 Fragt mal die Redaktion von FUQS

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