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„Was wird es denn? Ein Kind!“ – ein Buch über geschlechtsoffene Erziehung

Text von Felix Lene Ihrig

Cover des vorgestellten Buchs. Der Titel „Was wird es denn? Ein Kind“ Wie geschlechtsoffene Erziehung gelingt“ ist groß in der Mitte abgebildet. Am oberen Rand steht der Name der schreibenden Person „Ravn Marin Siever“, am rechten unteren rand der Verlag „Beltz“. Im Hintergrund führen viele bunte Streifen vom äußeren Bildrand zur Mitte und treffen sich genau in der Mitte des Titelschriftzugs. Sie bilden nach außen hin einen Kreis, wie eine Blume.
Buch Cover vom Beltz Verlag: https://www.beltz.de/sachbuch_ratgeber/produkte/details/47796-was-wird-es-denn-ein-kind.html

Bevor wir in die Sommerpause gehen (bis Anfang September, mit kurzer Unterbrechung für einen Bericht zum CSD in Innsbruck), möchten wir noch ein weiteres Buch von unserer Sommer-Lese-Liste mit euch teilen. Felix Lene Ihrig hat das Buch von Ravna Marin Siever über geschlechtsoffene Erziehung gelesen und wird euch eine kritische Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte präsentieren.

Ravna Siever hat unter anderem Germanistik studiert, selbst drei Kinder und bloggt bzw. hält Vorträge über queertheoretische Ansätze in der Erziehung. Ravna Siever fasst eigene Erfahrungen, Geschlechtertheorien und Geschichten anderer Eltern zu einem Buch zusammen, das gleichzeitig als Erziehungsratgeber, Selbstreflexionsanleitung und fast sogar als Einführung in Geschlechtertheorien bezeichnet werden kann. Im Vordergrund steht die Frage „wie kann ich (m)einem Kind nicht nur sagen, sondern tatsächlich vermitteln, dass es sich in der bunten Vielfalt des Lebens frei entscheiden kann?“ Hierfür liefert Ravna Siever vor allem Denkanstöße und Hintergrundwissen, aber auch viele praktische Tipps. Einige davon, die wir besonders spannend fanden, möchten wir euch hier vorstellen.

Ravna Siever schreibt äußerst ehrlich und selbstreflektiert und regt dies auch bei sienen Leser*innen an. Es finden sich viele hilfreiche Metaphern im Buch, wie z.B. jene, dass wir Geschlecht wie unseren Magen, erst wahrnehmen, wenn sich Leere, Schmerz oder Überfüllung einstellen. Wer sich innerhalb der Erwartungen bewegt, kann dies tun ohne das eigene Geschlecht je bewusst wahrzunehmen. Und dennoch sind Sätze wie dieser, von Ravna Siever zitierte, allgegenwärtig: „>>Guck, der Junge klettert auf den Turm und das Mädchen versucht das auch<<, hört das Kleinkind, das in der Sandkiste daneben spielt, von seiner Begleitung“ (S. 55). Ravna Siever beschreibt, wie Kinder solche Informationen förmlich „aufsaugen“ (S. 57) und durch Beobachtung Rückschlüsse über die Welt und darin wichtige Kategorien ziehen und entsprechende Informationen sammeln. „Es sind die vielen kleinen Botschaften, die, wenn sie zusammenkommen, ein sexistisches Weltbild prägen“ (S.155) schreibt Ravna Siever. Für Kinder sei es sehr wichtig, die Welt sortieren zu können, um sich in ihr zurecht zu finden.

Diese Vorgänge gemeinsam mit den Kindern zu reflektieren ist Ravna Sievers Ziel. Sier gibt einige Hinweise, wie eine Analyse von Büchern, Spielen und anderen Medien hinsichtlich sexistischer (aber auch z.B. rassistischer oder ableistischer) Inhalte gelingen kann und wie Familien ihr eigenes geschlechteroffenes Freizeitrepertoire aufbauen können. Zum Beispiel „Familie“ zu spielen, statt „Vater-Mutter-Kind“.  Für das Finden neuere Perspektiven schlägt Ravna Siever vor, sich der Methode „Aktives Zuhören“ zu bedienen. Mit aufmerksamem Zuhören, gezieltem Nachfragen und einer möglichst neutralen Haltung können so die Aussagen von Kindern ergründet werden und es hilft ihnen, ihre Wahrheit und Position zu finden. Als Beispiel führt Ravna Siever die vermeintliche Zuordnung von Lieblingsfarben zu Geschlechtern an, was viele Kinder verschreckt oder empört. Denn bevor Kinder diese Zuordnungen lernen, nehmen Kinder ihre Umwelt geschlechtsneutral wahr. Daher ist das Thema tatsächlich „für kleine Kinder gar nicht so furchtbar komplex wie für Erwachsene, weil sie nicht erst Dinge umlernen müssen“ (S. 102). Kindern möglichst früh kindgerechte Informationen über Geschlecht und gesellschaftliche Zusammenhänge zu präsentieren kann dabei also helfen.

Aufgrund siener Vorschläge muss sich Ravna Siever auch öfters Kritik anhören und hat vieles davon direkt in einem eigenen Kapitel des Buchs aufgegriffen. Den Ideologievorwurf entkräftet sier beispielsweise damit, dass eine neutrale Erziehung kaum möglich und auch von den wenigsten Menschen gewollt ist. Tatsächlich geben wir mit jeder Handlung und jeder Aussage unsere Wertvorstellungen an unsere Kinder weiter. Es gehe Ravna Siever auch nicht darum, „Kinder zu geschlechtsneutralen Wesen zu machen – sondern darum, sie sie selbst sein zu lassen“ (S.14). Den Kindern soll Geschlecht also weder abgesprochen noch verdorben werden, sondern es soll ihnen eröffnet und Freiheiten vermittelt werden. Statt der vorgeworfenen Versachlichung also größtmögliche Selbstverwirklichung. Ravna Siever betont, dass sier den eigenen Kindern nichts an- oder aberziehen möchte, sondern sie in ihrer Entwicklung und Selbstfindung begleiten will. Das heißt für sien auch, „dass wir uns selbst immer wieder fragen sollten, ob wir Dinge gerade für das Kind tun, das wir haben, oder für das Bild in unserem Kopf über das Kind, das wir haben.“ (S. 207) Das ist nicht immer leicht und so gibt Ravna Siever den Leser*innen mit, sich und anderen gegenüber liebevoll und nachgiebig zu sein, wenn sie über verinnerlichte Annahmen stolpern und Zeit brauchen, gewollte Veränderungen in die Tat umzusetzen. Sich und die eigenen Vorannahmen zu reflektieren sei schon ein Fortschritt. Manchmal zeigen sich diese Vorannahmen ganz unbewusst in der Art, wie wir mit Kleinkindern sprechen. Ravna Siever führt Forschungsergebnisse an, die belegen, dass mit männlich gelesenen Kindern mehr in Zahlen gesprochen wird (da fliegen drei Vögel) und mit weiblich gelesenen Kindern eher über Schönheit (da sitzen niedliche Vögel). Entsprechend würden auch Spielangebote gemacht und so einseitig Kompetenzen gefördert, denn je nach Spiel werden z.B. soziale, analytische oder handwerkliche Fähigkeiten beansprucht.  

„Es ist für alle Kinder wichtig, alle Möglichkeiten des Spielens ausprobieren zu können, da sich hier in Bildungseinrichtungen sehr oft sehr intensive Geschlechterstereotype einschleichen, kann es sinnvoll sein, Kindern gezielt mehr von dem zu ermöglichen, was ihrem zugewiesenen binären Geschlecht entgegengesetzt wäre […] Kinder werden genug mit dem konfrontiert werden, was ihrer Zuweisung entspricht. Es macht Sinn, an den Stellen konkret zu fördern, die vom Umfeld voraussichtlich nicht oder nicht im gleichen Maße wie bei dem entsprechend anderen vermuteten binären Geschlecht gefördert werden.“ (S.171)

Die Lektüre dieses Buches hilft auch Erfahrungen der eigenen Kindheit aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Deshalb ist das Buch nicht nur für Eltern, nahe Verwandte von Kleinkindern oder Lehrpersonal interessant, sondern ganz allgemein lesenswert. Was aus einer queerfeministisch-akademischen Perspektiv fehlt, ist explizite Kritik am Konstrukt „Geschlecht“  an sich. Über den gesellschaftlichen Zweck von Geschlechterkategorien wird nur kurz gesprochen und deren Fortbestehen fraglos angenommen. Diesbezüglich bleibt es also bei zaghaften Andeutungen. Möglicherweise trägt dies dazu bei, dass das Buch für eine breite Zielgruppe lesbar und nützlich wird. Auch wenn manche Personen ohne entsprechendes Vorwissen bei einigen Fachbegriffen oder nur kurz erwähnten Theorien möglicherweise Verwirrung oder Irritation verspüren.

Alles in allem liefert das Buch aber viele brauchbare Praxistipps, die dazu nötigen theoretischen Hintergründe und bleibt in der sprachlichen Gestaltung sehr offen und ehrlich. Es ist entgegen aller Kritik nicht einer Ideologie verschrieben, sondern der Liebe zum eigenen Kind und dessen Aufblühen gewidmet. Auf die von uns eingangs formulierte Frage, wie Kindern Vielfalt und Freiheit vermittelt werden kann, antwortet Ravna Siever indirekt in sienem vorletzten Absatz auf S. 263: „Wenn ich mir diese Fragen stelle, dann lautet die Antwort, dass es mir wichtig ist, dass unsere Kinder sich immer geliebt und ernst genommen fühlen, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen, sie fair behandeln und sie auf ihrem eigenen Weg begleiten können.“

Quelle:

R. M. Siever (2021) Was wird es denn? Ein Kind! Wie geschlechtsoffene Erziehung gelingt. Weinheim: Beltz Verlag. https://www.beltz.de/sachbuch_ratgeber/produkte/details/47796-was-wird-es-denn-ein-kind.html

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