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Geschlechtergerechte und sensible Sprache – wie und wieso?

Text von Clara Sophie Bitter

kleine bunte Holzwürfel auf denen Buchstaben eingraviert sind liegen  unsortiert auf einer schwarzen Unterlage
©pexels.com

Die Verwendung geschlechtergerechter Sprache im schriftlichen, aber auch mündlichen, Gebrauch verbreitet sich in den letzten Jahren immer mehr. Politisch, medial, aber oft auch im privaten Kreis werden Diskussionen darüber geführt, ob ein geschlechtergerechter und sensibler Sprachgebrauch notwendig ist. Hierbei fallen oft viele Argumente für und gegen eine inklusive Sprache, aber wieso ist sie eigentlich von Bedeutung? Wie hat sie sich eigentlich entwickelt? Was gibt es für wissenschaftliche Erkenntnisse zu ihrer Verwendung und welche Empfehlungen gibt es für den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache?

Ein kurzer Abriss der Geschichte geschlechtergerechter Sprache

Unter geschlechtergerechter Sprache wird ein Sprachgebrauch verstanden, der alle Menschen miteinbezieht, unabhängig von ihrem Geschlecht. Im Gegensatz dazu steht das Generische Maskulinum, das bedeutet, dass eine maskuline Form von Substantiven und Pronomen in einer generischen, also für alle geltenden, Funktion verwendet wird. Die Beginne der Nutzung geschlechtergerechter Sprache finden sich bereits in den 1960er Jahren, in denen innerhalb einiger feministischer Strömungen kritisiert wurde, dass Frauen in einer generischen Verwendung des sprachlichen Maskulinums unsichtbar sind. In dieser Zeit wurde der Schrägstrich (zB. Nutzer/-innen) eingeführt, welcher in den 1980er durch das Binnen-I (zB. NutzerInnen) ergänzt beziehungsweise abgelöst wurde. Zusätzlich etablierte sich in dieser Zeit auch immer mehr die Nutzung von Neutralisierungen (zB. Nutzende) und Beidnennungen (zB. Nutzer und Nutzerinnen).

Steffen Kitty Herrmann hat 2003 in dem Artikel Performing the Gap Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung erstmals von dem Gender Gap (zB. Nutzer_in) geschrieben. Der Grund für die Notwendigkeit wird einerseits darin gesehen, dass bisherige Varianten der geschlechtergerechte Sprache nur Frauen und Männer inkludieren, nicht aber die Personen, die anderen Geschlechtern angehören, beispielsweise intergeschlechtliche Personen oder non-binäre Personen.1 Der Unterstrich nach dem Wortstamm stellt also eine Lücke dar, einen Platzhalter für alle nicht explizit genannten Geschlechter. Andererseits soll der Gender Gap den Lesefluss aber auch absichtlich etwas stören, um Raum für das Nachdenken über geschlechtliche Normierungen in Texten zu schaffen.

Der Asterisk, oder auch Genderstern (zB. Nutzer*innen), wurde 2009 im Leitfaden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch von Beatrice Fischer und Michaela Wolf am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien zum ersten Mal als Alternative zur Nutzung des Gender Gap vorgeschlagen. Seine Ursprünge findet der Genderstern aber eigentlich in der Informatik. Dort wird er als Platzhalter für eine beliebige folgende Zeichenkette verwendet. Die trans Community nutzte den Asterisk bereits in den 1990er Jahren, um unter dem Begriff trans* alle Personen einzuschließen, deren geschlechtliche Selbstbezeichnung mit „trans“ beginnt, aber zusätzlich auch, um die Vielfalt der Personen, die nicht cis sind, aufzuzeigen. Auch in der heutigen Verwendung des Gendersterns kommen ihm zwei Bedeutungen zu. Einerseits, um als Alternative zum Gender Gap eine Lücke für die Vielzahl der Geschlechtsidentitäten zu öffnen, andererseits, um auch die Vielfalt der Personen aufzuzeigen, die unter eine vermeintlich homogene Gruppe fallen. Deshalb findet sich manchmal zum Beispiel hinter dem Wort Frau* ein Stern.

Die neueste Art der geschlechtergerechten Sprache, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ist die Nutzung eines Doppelpunkts anstelle des Gender Gaps oder des Asterisk (zB. Nutzer:innen). Der Doppelpunkt ist sehr schnell sehr beliebt geworden und wird mittlerweile von vielen Personen verwendet. Seine Beliebtheit kommt mitunter daher, dass er im Lesefluss etwas weniger irritiert als die anderen beiden Varianten, andererseits auch, weil man davon ausging, dass Personen mit Sehbeeinträchtigungen den Doppelpunkt, im Gegensatz zu den anderen beiden Varianten, als kurze Pause in Screenreading-Programmen vorgelesen bekommen und die Sprache so noch inklusiver ist.

Weitere und detailliertere Informationen zur Entwicklung geschlechtergerechter Sprache findet ihr beispielsweise hier.

Wieso ist geschlechtergerechte Sprache eigentlich wichtig

Aber wieso macht es überhaupt Sinn, dass wir schriftlich, aber auch mündlich, gendern? Das immer noch weit verbreitete generische Maskulinum hat den Anspruch, alle Menschen mitzumeinen. Argumente von Personen, die sich gegen einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch aussprechen, lauten deshalb auch häufig, dass eh alle Personen mitgemeint werden und es keine weitere Sichtbarmachung braucht. Gleichzeitig zeigen psychologische Studien seit Jahrzehnten die diskriminierende Wirkungsweise des generischen Maskulinums auf und belegen auch immer wieder, dass bei dessen Verwendung Frauen und Personen anderer Geschlechter kognitiv signifikant unterrepräsentiert sind.2,3 Das heißt, dass bei der Verwendung einer maskulinen Wortform unterbewusst weniger an Personen anderer Geschlechter als an Männer gedacht wird. Das kann in vielen Bereichen Auswirkungen haben, beispielsweise wenn es darum geht, eine Person für ein Arbeitsprojekt zu finden. Wenn hier durch ein gelesenes oder gehörtes generisches Maskulinum eher Männer kognitiv repräsentiert sind, wird das Projekt auch eher an einen Mann vergeben werden. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Möglichkeiten von Frauen und Personen anderer Geschlechter. Aber auch die Lesbarkeit der Texte und eine mögliche Minderung der Konzentration durch das Lesen geschlechtergerecht verfasster Texte wurde schon mehrfach untersucht und auch hier hat sich gezeigt, dass die Menschen sich schnell an die Formulierungen gewöhnen und die Textqualität nicht darunter leidet.4

Gleichzeitig schafft Sprache unsere Wirklichkeit. Personen und Personengruppen explizit zu nennen und anzusprechen schafft ihnen neben dem Raum in der Sprache auch mehr gesellschaftlichen Raum. Vor allem marginalisierte Gruppen können so immer mehr den Raum erhalten, der ihnen zusteht.

Wieso braucht es eine sensible Sprache

Es ist allerdings auch wichtig, dass Bezeichnungen für Personen und Personengruppen in ihrem ursprünglichen Kontext verwendet werden. Vor allem Bezeichnungen für marginalisierte Gruppen werden manchmal mit einem negativen Beigeschmack in einem anderen Kontext, der mit der Grundlage der ursprünglichen Bezeichnung gar nichts zu tun hat, verwendet. Oft geschieht das unterbewusst und wird gesellschaftlich erlernt, ohne zu hinterfragen, was dieses Wort aus seinem Kontext genommen eigentlich aussagen soll. Das geht oft damit einher, dass Personen, die dieser Gruppe angehören, dadurch diskriminiert werden, da die Bezeichnung negativ verwendet wird. Gleichzeitig hat diese Verwendung der Begriffe auch negative Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung der zugeschriebenen Gruppe. Ein Beispiel hierfür ist das Wort schwul. Vor allem bei jungen Menschen wird das Wort oft ohne einen Kontext verwendet, in dem es um Sexualität geht. Die einzige Funktion, die das Wort dann hat, ist, die Sache, die es beschreibt, als negativ darzustellen. Schwul also als Synonym für negativ, für etwas von dem man sich abgrenzen möchte. Das wiederum hat Auswirkung auf unsere Wahrnehmung von schwulen Menschen. Ein sensibler Umgang mit Bezeichnungen ist deshalb wichtig, um keinen Menschen zu diskriminieren.

Zusätzlich dazu hat ein sensibler Sprachgebrauch auch immer einen historischen Aspekt. Hier geht es vor allem um Fremdbezeichnungen und Selbstbezeichnungen. Viele Bezeichnungen von marginalisierten Gruppen sind ursprünglich nicht selbstgewählt, sondern von einer ihnen nicht wohlwollenden anderen Gruppe verwendet worden. Worte dienten oder dienen zum Teil noch als Beschimpfungen, als Ausdruck der nicht-Akzeptanz, oder den marginalisierten Gruppen wurde unter diesen Bezeichnungen Leid zugefügt. Deshalb ist es wichtig zu sehen, wann welcher Begriff für eine Gruppe selbst in Ordnung ist zu verwenden, und wann nicht. Ein Beispiel hier ist der Begriff queer. Früher wurden Personen, die der geschlechtlichen und sexuellen Norm abwichen, als queer beschimpft, was auch mit Gewalt einherging. Der Begriff war also sehr negativ konnotiert, aus diesem Grund gäbe es aus einer historischen Perspektive Sinn, diesen Begriff heutzutage nicht zu verwenden. Die queere Community hat sich diesen Begriff allerdings zurückerobert, hat ihn verwendet, um ihren Stolz auf ihre Vielfalt auszudrücken und begonnen sich selbst als queer zu bezeichnen. Die Konnotation des Wortes wurde von den zugehörigen Gruppen also geändert und auch nach außen hin geöffnet. Er ist deshalb nicht nur als Selbstbezeichnung der Community in Ordnung zu verwenden, sondern auch als Fremdbezeichnung durch eine außenstehende Person. Diese sensible Verwendung fällt bei anderen Bezeichnungen zum Teil anders aus. Wenn ihr euch nicht sicher seid, welche Bezeichnungen ihr verwenden könnt, ohne dadurch jemanden zu diskriminieren, dann recherchiert es erst einmal. Viele von betroffenen Personen bereitgestellte Seiten können euch hier Informationen geben. Zusätzlich könnt ihr auch betroffene Personen in eurem nahen Umfeld fragen. Allerdings kann es gut sein, dass diese, nur weil sie betroffen sind, nicht ein Ratgeber für andere sein möchten. Fragt deshalb lieber erst einmal nach, ob es in Ordnung ist, sie um ihre Meinung und Expertise zu fragen.

Doppelpunkt oder Stern, was verwenden wir

Als Redaktion des FUQS Blog machen wir uns laufend Gedanken darüber, wie wir selbst geschlechtergerechte Sprache in unseren Beiträgen verwenden wollen. Wir haben uns vorerst für die Verwendung des Asterisk entschieden und das aus mehreren Gründen. Der Doppelpunkt ist zwar etabliert worden, um eine inklusivere geschlechtergerechte Sprache für Menschen mit Beeinträchtigungen darzustellen, allerdings hat sich aber in einer Studie der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik in Deutschland herausgestellt, dass verschiedene Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Seh- und Hörbeeinträchtigungen und auch anderen Beeinträchtigungen den Asterisk dem Doppelpunkt vorziehen.5 In Zusammenarbeit mit Vertreter*innen verschiedener Verbände wurden diese beiden Zeichen auf digitale Barrierefreiheit geprüft und das ist genau das, was wir sein möchten, möglichst barrierefrei.

Aber auch innerhalb der Redaktion verwenden wir den Genderstern zum Teil unterschiedlich. Das liegt vor allem daran, dass er in der Verwendung bei nur einer vermeintlich homogenen Gruppe, wie trans* Personen oder Frauen*, sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Hatte er doch ursprünglich die Bedeutung, beispielsweise bei der Bezeichnung Frauen*, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der dieser Geschlechtsbezeichnung zugehörigen Menschen aufzuzeigen und darauf aufmerksam zu machen, dass die Stereotype, die wir über diese Gruppe in unserem Kopf haben, nicht immer der Wahrheit entsprechen, so wurde er doch auch anders ausgelegt. Vor allem in transphoben Kreisen wird der Stern dafür verwendet, negativ kenntlich zu machen, dass es sich zum Beispiel bei der Bezeichnung Frauen* nicht nur um cis Frauen handelt, sondern auch um trans Frauen. Der Stern wird hier also für eine Kenntlichmachung der nicht ausschließlichen cis Weiblichkeit genutzt. Deshalb verwenden einige von uns den Stern, um weiter auf eine Vielfalt innerhalb einer Gruppe aufmerksam zu machen, andere verwenden ihn nicht, weil sie diesem negativen Konstrukt gegenüber der trans Community keinen Raum geben möchten. Die Verwendung des Sterns ist hier aber oftmals auch kontextabhängig, nicht nur bei uns.

Quellen:

1 Herrmann, S. K. „Performing the Gap: Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung.“ 2003. Zugriff 12.04.2022. https://arranca.org/archive?path=%2Fausgabe%2F28%2Fperforming-the-gap.

2 Irmen, L. und V. Steiger. „Zur Geschichte des Generischen Maskulinums: Sprachwissenschaftliche, sprachphilosophische und psychologische Aspekte im historischen Diskurs.“ Zeitschrift für germanistische Linguistik 33, 2-3, (2007): 212–35.

3 Stahlberg, D. und S. Sczesny. „Effekte des generischen Maskulinum und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen.“ Psychologische Rundschau 52, 3, (2001): 131–40.

4 Braun, F., Oelkers, S., Rogalski, K., Bosak, J., & Sczesny, S. „„Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten.“ Psychologische Rundschau 58, 3 (2007): 183-89.  

5 Koehler, S. und M. Wahl. „Empfehlung zu gendergerechter, digital barrierefreier Sprache.“ 2021. Zugriff 12.04.2022. https://www.bfit-bund.de/DE/Publikation/empfehlung-zu-gendergerechter-digital-barrierefreier-sprache-studie-koehler-wahl.pdf?__blob=publicationFile&v=12.

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