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Interview: Gewaltforschung zu häuslicher Gewalt und COVID-19

Interview von Iris Christina Erlacher mit Heidi Siller

© pexels.com

Iris Christina Erlacher und Heidi Siller sind Mitglieder der Forschungsgruppe Interpersonelle Gewalt und Geschlecht des Centers Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck (CGI)

Triggerwarnung: In dem folgenden Text wird das Thema Gewalt behandelt, welches bei einigen Menschen negative oder unangenehme Reaktionen hervorrufen kann. Bitte achten Sie auf sich. Als von Gewalt Betroffene*r können Sie sich an die im Beitrag: Häusliche Gewalt und COVID-19 aufgelisteten Kontaktstellen wenden.

Liebe Heidi,

wir freuen uns, dass wir dich heute zum Thema (häusliche) Gewalt in Zeiten des Lockdowns/der Pandemie und zu deiner Forschungsarbeit befragen dürfen.

Gibt es eine oder mehrere Formen der Gewalt, die in deiner Forschung besonders im Vordergrund stehen? Wenn ja, wie kommt es dazu?

Am ehesten würde ich meine Forschung zu Gewalt mit einem Fokus auf gender-basierte Gewalt beschreiben. Ein besonderer Schwerpunkt beinhaltet hierbei Gewalt in den verschiedensten Ausprägungen gegen Frauen* und vor allem erwachsene Frauen. Die unterschiedlichen Formen von Gewalt, also die klassische Unterteilung in physische, psychische oder emotionale, sexualisierte und ökonomische Gewalt, betrachte ich vorwiegend als ineinander verwoben. Die Trennung dieser Formen empfinde ich in der Praxis, also jetzt bezogen auf die Erforschung von gender-basierter Gewalt, nicht so klar. Es gibt viele Überlappungen, zum Beispiel psychische Gewalt ist immer verwoben mit anderen Formen von Gewalt.

Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich allerdings der psychischen Gewalt einen Schwerpunkt einräumen. Die Wahrnehmung dieser, welche und wie ihr Bedeutung zugeschrieben wird, wie sie eingebettet wird in individuelle Lebensgeschichten sind Beispiele für den Fokus, den ich bei meiner Forschung sehe und verfolge bzw. verfolgen will. Das speist sich natürlich auch aus meiner Leidenschaft für qualitative Methoden und beispielsweise der Erforschung der Bedeutung, die Menschen einem Phänomen geben, und wie sich diese Bedeutung dann wiederum auf die Menschen selbst auswirkt.

Mit welchen Gewaltbegriffen in Bezug auf häusliche Gewalt arbeitest du und warum?

Das kommt stark auf den Kontext an. Meistens lehne ich mich an Definitionen der WHO1 an, oder auch die Charakteristika von Gewalt, die Sherry Hamby (2017)2 erörtert hat. Diese Definitionen oder Umschreibungen verwende ich auch gerne in der Lehre, um auf das Thema hinzuführen, besonders im Gesundheitsbereich. Meiner Erfahrung nach ist es auch wichtig, in mehreren Schritten und Phasen die Gewaltbegriffe aufzubrechen und auch die Grenzen der einzelnen Definitionen zu diskutieren. Bei näherer Betrachtung geht es mir bei Gewaltbegriffen zwar auch um strukturelle Gewalt, dann aber immer wieder rückgekoppelt auf das Individuum, also wie sie sich auf und für das Individuum auswirkt. In meiner Forschung interessiert mich sowohl wie Menschen Gewalt erleben und definieren, als auch wie es im Alltag und im Handeln verankert ist.

Inwiefern gibt es Zusammenhänge zwischen Krisen/Pandemien und (häuslicher) Gewalt? Können Parallelen zu vorhergegangenen (Ausnahme-)Situationen, die uns als Gesellschaft kollektiv oder Personen individuell betreffen, gezogen und gefunden werden? Und wie relevant ist es dabei, Gewalt geschlechtsspezifisch zu denken und zu untersuchen?

Es gibt einiges an Forschung und Wissen zu häuslicher Gewalt und Krisen, wie zB von Sánchez und Kolleg*innen (2020), Elaine Enarson (zB 1999) oder auch auf der Homepage der WHO (z.B. „violence and disasters“). Wir wissen, dass häusliche Gewalt/intime Partnergewalt während Krisen und Katastrophen ansteigt. Dabei sind neben situations- und kontextspezifischen Aspekten, also Aspekten, die zb speziell die Pandemie betreffen, oder auch z.B. unseren geschichtlichen Kontext, auch Aspekte dabei, die überdauernd scheinen. Das sind beispielsweise Ängste, Stress, zunehmende Unsicherheiten, wirtschaftliche Einschnitte oder auch beharrliche gesellschaftliche Strukturen, die sich nur sehr langsam ändern. Die Effekte auf kollektiver Ebene und jene auf individueller Ebene finde ich wichtig auch verschränkt zu betrachten. Ich finde es notwendig und unumgänglich, dass verschiedene Blickwinkel existieren und dabei Verschränkungen unterschiedlich stark hervorgehoben werden. Jede*r hat andere Schwerpunkte und durch das Zusammenführen der Schwerpunkte kreieren wir neue Sichtbarkeiten und ein weiterführendes tieferes Verstehen von Gewalt.

Natürlich finde ich es auch wichtig, Gewalt geschlechtsspezifisch zu denken und zu erforschen. Das spiegelt sich zum Beispiel darin wider, wenn ich von gesellschaftlichen Strukturen spreche, die sich auf Geschlechter unterschiedlich auswirken und verschiedene Bedeutungen haben können. Gleichzeitig finde ich es wichtig zu erkennen, wie auf individueller Ebene die eigene Verknüpfung von Geschlecht und Erfahrungen mit Gewalt erlebt und auch dann wieder sichtbar oder eben auch unsichtbar gemacht wird. Gewalt ist kein Phänomen, das ohne Geschlecht gedacht werden kann. Gewalt ist hochgradig dynamisch und nicht ein statisches, unbewegliches Ding, das sich aus jeder Perspektive in der gleichen Weise darstellt. Konstant ist lediglich, dass Gewalt nicht plötzlich etwas gänzlich anderes, also quasi zu Nicht-Gewalt, wird. Die Wandelbarkeit und Dynamik von Gewalt lässt immer wieder neue, veränderte Sichtbarkeiten zu. Wir verändern uns, Phänomene verändern sich, Wissen verändert sich. Dieser Prozess soll in die Auseinandersetzung miteinbezogen werden: Wir lernen, entwickeln uns weiter und verändern uns. Damit verändern sich unsere Sichtweisen und Blickwinkel auf das Phänomen Gewalt.

Welche Ergebnisse bringt (dadurch) ein intersektionaler Blick auf das Thema?

Wie vorhin angesprochen, ist es wichtig, Gewalt in unterschiedliche Facetten und in vielfältigen Dimensionen zu denken und zu erforschen. Ein intersektionaler Blick zeigt uns, wie auf struktureller, kollektiver und individueller Ebene Gewalt Bedeutung erhält und welche Bedeutung ihr zugeschrieben wird, wie sie sich fortschreibt und zur Verstärkung und Aufrechterhaltung von Ungleichheiten und Machtbeziehungen beiträgt. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Erfahrungen, Diskussionen und Bedeutungen werden mit intersektionaler Perspektive stärker berücksichtigt.

Welchen Ausblick und welche mögliche „Post-COVID-Perspektive“ kann in Bezug auf (häusliche) Gewalt aus wissenschaftlicher Position gegeben werden?

Die Aufmerksamkeit, die (häusliche) Gewalt jetzt erfährt, vor allem in der Öffentlichkeit, darf nicht in die Tabuisierung (zurück)rutschen. Das Wissen, das jetzt generiert, verstärkt und sichtbar wird, sollte genutzt werden, um Kollaboration zu stärken und eine breite Basis zu schaffen, um auf den verschiedenen Ebenen Veränderungen herbeizuführen. Reduktion von Gewalt ist dabei ein Ziel, aber wie auch z.B. in der Istanbulkonvention angesprochen, geht es hier nicht nur darum auf Gewalt zu fokussieren, sondern auch auf Mechanismen, Strukturen auf gesellschaftlicher Ebene, die Gewalt ermöglichen und begünstigen, und der Reduzierung der Gewalt entgegenstehen.

Zur Person

Mag.a Dr.in Heidi Ulrike Siller ist seit Oktober 2021 als Postdoc-Assistentin am Institut für Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und war zuvor als Senior Scientist an der Gender Medicine Unit der Medizinischen Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Gewaltforschung (vor allem Gewalt gegen Frauen), Psychotraumatologie, qualitative Forschung, Diskriminierung und Intersektionalität.

Sie ist, gemeinsam mit Dr.in Julia Ganterer (Leuphana Universität Lüneburg), Gründerin der Forschungsgruppe Interpersonelle Gewalt und Geschlecht, welche am CGI der Universität Innsbruck angesiedelt ist.

Anmerkungen:

1 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert in ihrem „Weltbericht Gewalt und Gesundheit.“ (2002) Gewalt folgendermaßen: „Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“
(Weltgesundheitsorganisation, WHO. Weltbericht Gewalt und Gesundheit., 2002. https://www.who.int/violence_injury_prevention/violence/world_report/en/summary_ge.pdf.)

2 Für Sherry Hamby (2007) ist Gewalt: vorsätzlich vollzogen, unerwünscht, unnötig und schädlich. Diese vier Elemente sieht sie als essenziell für eine Definition von Gewalt.
(Hamby, Sherry. „On Defining Violence, and Why It Matters.“ Psychology of Violence 7, Nr. 2 (2017): 167–80. https://doi.org/10.1037/vio0000117.)

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