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Häusliche Gewalt in Zeiten von COVID-19: Ein Blick aus der Geschlechterperspektive

Text von Iris Christina Erlacher

© Clara Sophie Bitter / FUQS

Triggerwarnung: In dem folgenden Text wird das Thema Gewalt behandelt, welches bei einigen Menschen negative oder unangenehmen Reaktionen hervorrufen kann. Bitte achten Sie auf sich. Als von Gewalt Betroffene*r können Sie sich an untenstehend aufgelistete Kontaktstellen wenden.

Mit Einsetzen der Pandemie und damit einhergehenden Maßnahmen, wie verordnete Lockdowns, die mit Ausgangsbeschränkungen in direkter Verbindung stehen, wurden von vielen Seiten Bedenken zur persönlichen Sicherheit in den (eigenen) vier Wänden geäußert. Mögliche Auswirkungen in Bezug auf einen Anstieg bei (häuslicher) Gewalt wurde seitens Interventions- und Schutzstellen, Medien und Politik aufgegriffen, thematisiert und diskutiert. Dieser Artikel beleuchtet häusliche Gewalt in- und außerhalb von Pandemien aus einer Geschlechterperspektive und soll aufzeigen, warum es sich lohnt, hier genauer hinzusehen.

Der persönliche Wohnort vermittelt im eigentlichen Sinne einen sicheren Ort mit Möglichkeit für Rückzug, Erholung, Entfaltung und Schutz. Für viele Menschen ist dieser vermeintlich geschützte Ort aber jener, der mit Angst, Terror und Gewalt verbunden ist. Diese Gewalt im Privaten – dem häuslichen Kontext – ist zumeist für Außenstehende unsichtbar. Im Rahmen der derzeitig starken Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 oder vorhergehenden Pandemien und Krisen wird diese unsichtbare, im Hintergrund verbliebene Gewalt im privaten Raum oft als Schattenpandemie benannt1,2 und im Zuge aktueller wissenschaftlicher Publikationen als vergeschlechtlichte Pandemie3, Zwillingspandemie4 oder Dual- bzw. Tripelpandemie5 bezeichnet.

Die geschlechtsspezifische Charakteristik von Gewalt

(Häusliche) Gewalt ist ein äußerst vielschichtiges und komplexes Phänomen, das vor allem durch unterschiedliche Diskriminierungskategorien, wie bspw. Geschlecht, Herkunft oder Behinderung, (mit)geprägt wird und in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. 2011 wurde auf nationaler Ebene eine umfangreiche Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) zu Gewalt in der Familie und dem nahen sozialen Umfeld publiziert, in der Gewalterfahrungen von mehr als 2000 Frauen* und Männern* erhoben wurden. Nur 14,7% der befragten Männer* und 7,4% der befragten Frauen* gaben an, keine Form von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt erfahren zu haben.6

Untersucht man die von Gewalt betroffenen Personengruppen geschlechtsspezifisch, sind Männer* jene, die grundsätzlich ein höheres Ausmaß an körperlicher Gewalt erleben und primär im öffentlichen Raum zu Opfern bzw. Überlebenden werden. Bei Frauen* ist es dagegen der private Raum – sie erfahren dort ein deutlich höheres Maß an gewaltvollen Übergriffen als Männer. Im häuslichen und damit einhergehenden partnerschaftlichen Kontext sind sie vor allem durch eine Kombination von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt Betroffene*. Davon berichten im Erwachsenenalter 25% der befragten Frauen* und vergleichsweise 5% der befragten Männer*. Die Täter sind dabei mehrheitlich dem persönlichen Umfeld zugehörig, stammen aus der Familie oder sind der (Ex-)Partner. Die Rolle der (eigenen) Wohnung ist bei körperlicher und sexualisierter Gewalt überwiegender Tatort für Frauen*. Ein Drittel der befragten Frauen* erfuhren dort sexualisierte Gewalt. Die Hälfte aller befragten Frauen* gab an, körperliche Gewalt in der eigenen oder der Wohnung anderer erlebt zu haben.

Physische Gewalt kann tödlich enden: Die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) dokumentieren Fälle tödlicher Männer*gewalt gegen Frauen* (Femizide) und listen alle mutmaßlichen Mordversuche bzw. Übergriffe schwerer Gewalt anhand einer Sammlung aus Medienberichterstattungen, einschließlich der Tatorte. Meist findet die Tat im eigenen Wohnbereich statt.7 Gewalt von Männern* gegen Frauen* und damit auch häusliche Gewalt sind so alt wie das Patriarchat selbst und werden daher oftmals als patriarchale Gewalt bezeichnet, da aus queer-feministischer Perspektive diese Bezeichnung als adäquater gesehen wird und damit auf historisch gewachsene und noch bestehende Unterdrückungs- und Herrschaftsmechanismen verwiesen wird. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass Gewalt in allen sozialen Schichten und in jeder Kultur existiert.

Möchten Sie/möchtest du mehr zum Thema patriarchale Gewalt gegen Frauen*, inter*geschlechtliche, non-binäre* und (andere) trans*geschlechtliche Personen lesen, klicken Sie/klicke bitte HIER.

Gewalt in Zeiten der Pandemie

Die Verknüpfung aus Abgeschlossenheit und Unsichtbarkeit in Verbindung damit stehend, keine alternative Schutz-/Wohnmöglichkeit und reduzierte soziale Kontakte zu haben, macht die Covid-19-Pandemie zu einem relevanten Faktor und Multiplikator für Gewalt und deren Opfer und die Intervention zu einer neuen digitalen Herausforderung.

Aktuelle Zahlen aus Österreich

2020 wurden mehr als 20.500 Menschen aufgrund von Gewalt im familiären Umfeld von Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut. Davon waren 81,5% der Betroffenen weiblich* und die Täter zu ca. 91% männlich*.8 Die Helpline bzw. Notfalltelefonnummer 0800 222 555 verzeichnet im Jahr 2020 einen Anrufer*innenzuwachs von insgesamt knapp einem Viertel. Bei Frauen* und Mädchen* war es ein konkretes Plus von 40%. Mehr als ein Drittel der Frauen*, die Gewalt ausgesetzt waren, gab an, dass auch Kinder direkt oder indirekt der Gewalt exponiert sind.

„Beinahe jede dritte Anruferin berichtete über Gewaltvorfälle, über langjährige Gewalt in der Beziehung, die sich während der Pandemie zugespitzt haben bzw. eskaliert sind. Einige Anruferinnen waren mit Morddrohungen konfrontiert, hatten jedoch Angst die Polizei zu rufen.“9

Die Relevanz von Servicenummern und digitalen Angeboten, wie Chats oder Videotelefonie belegt auch der Blick auf aktuelle Untersuchungen und Berichte zu diesen Unterstützungsmaßnahmen:

Der HelpChat der Webseite „haltdergewalt.at“ verzeichnete 2020 im Vergleich zum Vorjahr eine mehr als doppelt so hohe Besucher*innenzahl und einen Anstieg von knapp 150% bei den Seitenaufrufen10. Die Möglichkeit der Nutzung dieser Dienste im Kontext von neuen Technologien setzt voraus, dass die Betroffenen Zugriffsmöglichkeiten haben, als Nutzer*innen mit der Anwendung vertraut sind und diese Handlungen vom Gefährder möglichst unbemerkt bleiben. Eine einfache und subtile Form zur Kommunikation für von Gewalt Betroffene* ist das internationale Hilfszeichen bei Gewalt, das in den vergangenen Monaten viral ging und auf diversen bekannten digitalen Plattformen verbreitet wurde, wie bspw. dieses Video auf der Plattform TikTok zeigt:

Gewalt im Lockdown aus intersektionaler Perspektive: Daten aktueller Untersuchungen aus dem Vereinten Königreich

Vorläufige Ergebnisse derzeit laufender Untersuchungen von Forscherinnen* in Großbritannien zeigen ähnliche Entwicklungen und schärfen das Bild: Seit dem ersten Lockdown stiegen die registrierten Fälle von häuslicher Gewalt an und Hochrisikofälle sowie Fälle, die komplexe Interventionsanforderungen hatten, nahmen zu. Darunter fällt bspw. das Überwinden von sprachlichen Barrieren und räumlicher Isolation oder der Kontakt/Zugang trotz fehlender technischer Voraussetzungen. Schulen erwiesen sich als relevant, da sie normalerweise ein sicheres Auge auf Kinder (und Frauen*), die von Gewalt betroffen sind, haben. Dies fehlt in der Pandemie. Laut den Ergebnissen werden existierende Ungleichheiten nicht nur enthüllt, sondern auch verstärkt.

Wichtig ist bei Ungleichheiten außerdem immer ein Blick auf weitere Diskriminierungskategorien: Schwarze Frauen* und marginalisierte Menschen, sind nicht nur unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt, sondern zudem mit struktureller Gewalt und Rassismus konfrontiert. Damit gehen unterschiedliche Bedürfnisse und Herausforderungen in der Prävention und Intervention einher: Ältere, körperbehinderte, in Armut lebende Frauen*, Schwarze Frauen* oder Frauen* mit vielfältigen Bedürfnissen heben hervor, dass beim geschlechtsspezifischen Blick auf Gewalt gegen Frauen* noch weiter und genauer hingesehen werden muss – so wird der Komplexitätsgrad, der Gewalt u.a. charakterisiert, sichtbar.11

Anmerkungen:

Filmempfehlungen:
Mein ein, mein alles (Originaltitel: Mon Roi) von Maïwenn Le Besco (2015)
Der Taucher von Günter Schwaiger (2019)
Miniserie: Maid von John Wells (2021)

Buchempfehlungen:
Hinter Glas von Julya Rabinowich (2019)
The Nectar of Pain von Najwa Zebian (2018)   

Interview
Wir haben ein Interview zur Gewaltforschung mit Mag.a Dr.in Heidi Ulrike Siller (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) geführt. Zum Lesen klicken Sie/klicke bitte HIER .                  

Kontaktstellen wenn Sie von Gewalt betroffen sind

  • Frauenhelpline: 0800 222 555 ; Rund um die Uhr, kostenlos, mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Arabisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Polnisch, Russisch, Türkisch)
  • Tiroler Frauenhaus: 0512 342112 ; Rund um die Uhr
  • Gewaltschutzzentrum Tirol: 0512 581313
    Nähere Informationen unter: http://www.gewaltschutzzentrum-tirol.at/
  • Frauen gegen Vergewaltigung: 0512 574416
  • HelpChat: www.haltdergewalt.at ; Täglich 16-22 Uhr
  • Polizei: 133 und Euro-Notruf: 112
    Gehörlose und hörbeeinträchtige Personen können mittels der App: DEC112 – Notruf für Gehörlose Kontakt aufnehmen bzw. besteht die Möglichkeit mittels einer SMS an die Nummer: 0800 133 133 mit dem Gehörlosen-Service in Kontakt zu treten.
  • Opferschutzgruppe im Landeskrankenhaus Innsbruck: Der Hilfecode „Ich muss zu Dr. Viola!“ kann dem Klinikpersonal genannt werden. Hilfemaßnahmen werden anschließend umgehend eingeleitet.
  • Eine Auflistung sämtlicher Beratungs- und Hilfsangebote in Tirol: www.gewaltfrei-tirol.at

Der Genderstern(*) steht hier für die Berücksichtigung nicht-binärer* Personen, die sich jenseits der traditionellen binären Geschlechterbezeichnung einordnen, jedoch – gerade in (älteren) Studien und Berichten – oftmals als in den Kategorien weiblich oder männlich (mit)gelesen und subsumiert werden. Zudem sind Männer* und Frauen* in sich immer von weiteren Unterschieden (race, Klasse, Alter, körperlich/geistige Gesundheit etc.) geprägt und können daher nicht als eine grundlegend einheitliche Gruppe gedacht werden.

Wieso schreiben wir in diesem Beitrag von „non-binären* und (anderen) trans*geschlechtlichen Personen“? Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie der trans*-Community ist so wie viele andere Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen eine sehr subjektive. Manche non-binäre* Personen identifizieren sich als trans*geschlechtlich, andere nicht. Aus diesem Grund haben wir für eine möglichst inklusive Schreibweise das Wort „andere“ in Klammern gesetzt.

Quellen:

1 UN Women. The Shadow Pandemic: Violence against Women during COVID-19. Zugriff 03.01.2022 https://www.unwomen.org/en/news/in-focus/in-focus-gender-equality-in-covid-19-response/violence-against-women-during-covid-19.

2 Nuray Kanbur u. a., „Call to action against femicide: Illuminating a shadow pandemic as a global public health emergency., Call to action against femicide: Illuminating a shadow pandemic as a global public health emergency.“, Journal of Adolescent Health (Elsevier Science, 01.03.2021), https://doi.org/10.1016/j.jadohealth.2020.11.022.

3 Katerina Standish und Shalva Weil, „Gendered Pandemics: Suicide, Femicide and COVID-19“, Journal of Gender Studies, 2021, https://doi.org/10.1080/09589236.2021.1880883.

4 Judy Dlamini, „Gender-Based Violence, Twin Pandemic to COVID-19“, Critical Sociology, 2020, https://doi.org/10.1177/0896920520975465.

5 Khatidja Chantler et al., Safeguarding During COVID19. Safeguarding Victims of Domestic Abuse during
Covid-19: Challenges and Opportunities.
, Zugriff 04.01.2022 https://domesticabuse-safeguarding-covid19.co.uk/.

6 Olaf Kapella et al., Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern., hrsg. v. ÖIF Österreichisches Institut für Familienforschung. Wien: Wogradl Druck, 2011.

7 Autonome Österreichische Frauenhäuser. Auflistung mutmaßliche Frauenmorde 2021 laut Medienberichten, AÖF. Zugriff 04.01.2022. https://www.aoef.at/images/04a_zahlen-und-daten/Frauenmorde_2021_Liste-AOEF.pdf; und
Autonome Österreichische Frauenhäuser. Auflistung schwere Gewalt und mutmaßliche Mordversuche an Frauen 2021 laut Medienberichten, AÖF. Zugriff 04.01.2022. https://www.aoef.at/images/04a_zahlen-und-daten/Mordversuche_SchwereGewalt_2021_Liste-AOEF.pdf.

8 Autonome Österreichische Frauenhäuser. „Zahlen & Daten. Gewalt an Frauen in Österreich.“ Zahlen der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Tätigkeitsbericht 2020. 2021. Zugriff 04.01.2022 https://www.aoef.at/index.php/zahlen-und-daten.

9 Autonome Österreichische Frauenhäuser. Jahresbericht 2020. Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555.“ Wien, 2021. http://www.frauenhelpline.at/sites/default/files/frauenhelpline_jahresbericht_2020.pdf.

10 Autonome Österreichische Frauenhäuser. Jahresbericht 2020. Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555.“ Wien, 2021. http://www.frauenhelpline.at/sites/default/files/frauenhelpline_jahresbericht_2020.pdf

11 Khatidja Chantler et al. Safeguarding During COVID19. Safeguarding Victims of Domestic Abuse during Covid-19: Challenges and Opportunities. Zugriff 04.01.2022 https://domesticabuse-safeguarding-covid19.co.uk/.

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