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Alltag

„Zwischen den Feiertagen“

Text von Felix Lene Ihrig

In der Mitte sind sechs orange Kerzenflammen mit kleinen Papierstreifen zu sehen. Der Rest des Bildes ist verschwommen und grau.
© Pexels.com

Ein neues Jahr hat begonnen, zumindest nach dem gregorianischen Kalender. Doch was hat das mit den Weltreligionen, unserem Blog und einer queerfeministischen Grundhaltung zu tun?

Christlich geprägtes Österreich?

In christlich geprägten Gegenden, so auch in Tirol, begegnen einem im Dezember viele Formulierungen, Aktivitäten und Wünsche, die auf das Jahresende, allbekannte Feiertage oder Familienfeierlichkeiten hinweisen. Beispielsweise Weihnachtswünsche der Firmenleitung oder entsprechende Stadtbeleuchtungen. Meist wird dies mit einer Selbstverständlichkeit getan, als würden alle Menschen Weihnachten und Silvester feiern, diesen Festen einen hohen Stellenwert beimessen und sie genießen. Doch ist das wirklich so?

Bei der letzten statistischen Erhebung 2001 bezeichneten sich 81,5% der in Österreich lebenden Menschen als christlich1, seither wird das Religionsbekenntnis nicht mehr erhoben. Laut Schätzungen des Österreichischen Integrationsfonds waren es 2016 etwa 74%2. Ein Viertel der Bevölkerung hat also zumindest aus religiöser Perspektive keinen Bezug zu Weihnachten. Und auch nicht alle Christ*innen feiern Weihnachten. Die Forscher*innen des Österreichischen Integrationsfonds gehen außerdem davon aus, dass sich die Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren so wandeln wird, dass etwa 60% Christ*innen, ca. 20% Konfessionslose, ca. 15% Muslim*innen und unter 5% Personen mit weiteren Religionszugehörigkeiten in Österreich leben werden.2 Vielleicht ist es also an der Zeit, sich über den Umgang mit Feiertagen, Glückwünschen und Smalltalk Gedanken zu machen.

Fünf Weltreligionen in Tirol?

Bei der Recherche zu österreichischen Religionsstatistiken fiel auf, dass die Zahlen für christliche Religionen meist getrennt angegeben werden, muslimische Religionen (z.B. Schiismus, Sunnismus, Alevismus) nicht unterschieden werden, und Buddhismus, Hinduismus sowie Judentum meist unter „andere, nicht-christliche Religionen“ aufgeführt werden. Letzteres mag auch daran liegen, dass hiervon nur etwa jeweils 0,1% in der Bevölkerung vertreten sind1. Dennoch handelt es sich um Weltreligionen mit offiziellen, anerkannten Glaubensgemeinschaften in Tirol. So gibt es in Innsbruck die einzige Synagoge Westösterreichs3 aber beispielsweise fünf buddhistische Zentren in Tirol.4 Eine offizielle hinduistische Gemeinschaft sucht man allerdings vergebens, ebenso wie es nur wenige orthodoxe Vertretungen gibt.5 Seit Sommer 2021 wird jedoch die erste serbisch-orthodoxe Kirche Tirols in Schwoich gebaut.6 Bei den zwei häufigsten Religionen stehen sich eine Moschee in Telfs7 und über tausend christliche Kirchen (etwa 9.000 in ganz Österreich)8 gegenüber.

Essen, Geschenke und Familie

Jede dieser Religionen hat ihre eigenen, wichtigen Feiertage. So ist z.B. Weihnachten nicht für alle Christ*innen der wichtigste Feiertag, sondern meist die Zeit um Ostern, wozu eigentlich die gesamte Phase ab der Fastenzeit bis Pfingsten gehören.9,10 Der Zeitpunkt von Ostern richtet sich nach den Mondphasen und ist deswegen nicht jedes Jahr gleich.11 Der christliche Kalender wird bzw. wurde, wie die meisten anderen, nach Sonne und Mond bestimmt, auch wenn man das dem gregorianischen Kalender nicht mehr so deutlich anmerkt.

Im Hinduismus gibt es viele verschiedene Strömungen mit je eigenen Festen. Für viele hat Diwali eine ähnliche Bedeutung wie Weihnachten und Silvester für das Christentum, es wird auch als Lichterfest bezeichnet und ebenfalls in der „dunklen Jahreszeit“ gemeinsam mit der Familie und mit Geschenken gefeiert, richtet sich aber nach dem hinduistischen Kalender.10

Im Islam gibt es zwei große Feiertage, Id al-Adha (das Opferfest, bei dem vor allem an ärmere Teile der Bevölkerung gedacht wird und das für Alevit*innen besonders wichtig ist) und Id al-Fitr, das Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Wann das ist, hängt vom islamischen Kalender ab, welcher sich nach dem Mond richtet, also vom gregorianischen Kalender abweicht. Es wird mit Familie und Freunden gefeiert, gemeinsam gegessen und sich beschenkt.9,10

Im Judentum ist neben dem wöchentlichen Sabbat (Freitagabend bis Samstagabend) der wichtigste Feiertag Pessach, bei dem die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wird. Wann das ist, hängt vom jüdischen Kalender ab, es ist jedoch immer im Frühling und dauert sieben Tage. Dabei wird viel auf Ordnung und Verzicht wert gelegt.9,10 Materielle Geschenke gibt es keine, aber es wird zum Essen eingeladen, gerne auch zusätzlich zur Familie alleinstehende oder ärmere Fremde. Auch das haben wir schon anderswo gesehen, nicht wahr? Aus der Pessach-Tradition hat sich nämlich das Osterfest entwickelt.

Ein wichtiger Feiertag im Buddhismus ist Vesakh. Dabei wird die Geburt Buddhas ebenso wie dessen Erleuchtung gefeiert. Die buddhistischen Feiertage sind sehr von den jeweiligen Ländern und Traditionen abhängig, doch diesen haben alle gemeinsam. Auch im Buddhismus sind gemeinsames Essen und Geschenke an Bedürftige wichtige Aspekte des Feierns.10

Brauchtum, Traditionen und ihre Frauenbilder

Viele religiöse Traditionen orientieren sich an Naturphänomenen wie Mondphasen und Jahreszeiten und haben entsprechende eigene Kalender. Der weltweit verwendete gregorianische Kalender tut das nicht bzw. nur teilweise und wurde übrigens im 16. Jahrhundert durch Papst Gregor XIII. eingeführt und beginnt mit Jesus Geburt im Jahr Null.11 Gerade im europäischen Raum zeigen sich starke Überschneidungen zwischen altem Brauchtum und religiösen Feiertagen von Christentum und Islam.12 Uralte Bräuche zum Feiern von Veränderungen in der Natur (Sonnwende, Frühling usw.), wurden beispielsweise vor einigen Jahrhunderten zur Begründung für Hexenverbrennungen, wurden aber gleichzeitig auch als Teil christlicher Religionen im Sinne von Festlichkeiten um Wiedergeburt und Auferstehung zentral.13 Sie werden zu ähnlichen oder gar den gleichen Zeitpunkten gefeiert und erzählen ähnliche Geschichten, die die Welt erklären wollen und uns ins Staunen versetzen.

Ein weiterer Aspekt der in vielen religiösen Geschichten und zu den meisten religiösen Feiertagen zentral ist, ist die Familie. Was genau Familie ist, wird teilweise unterschiedlich ausgelegt. Zu den Feiertagen um Weihnachten und Silvester, welche zu diesem Blogbeitrag inspiriert haben, gibt es besonders viele Familientraditionen, die auf klassischen Geschlechterrollenbildern aufbauen.14 Wer denkt an die Dekoration? Wer kümmert sich um Geschenke, das Essen, einen Baum, ein Feuerwerk? Wer „hilft“ dabei? Den Mental Load, also die geistige Hintergrundarbeit des „Daran-denkens“ übernehmen meist Frauen, im Alltag ebenso wie bezüglich religiöser Feierlichkeiten. Und das, obwohl viele Religionen männerzentriert sind und männliche Dominanz religiös ermöglichen und absichern15. Schon seit einigen Jahren wird diese unbezahlte Arbeit von Aktivist*innen sichtbarer gemacht und diskutiert, wie diese Rollenverteilung verändert werden kann.13

Achtsames Feiern und Wünschen?

Es gilt derzeit in Tirol und vielen weiteren christlich geprägten Gegenden als „normal“, sich zu Weihnachten etwas zu schenken, sich frohe Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen, sich Gedanken zu machen, welchen Teil der Familie man wann besucht und wie man die Harmonie dabei wahren kann. Nicht immer wird dabei an die Position des Gegenübers gedacht. Mag bzw. feiert diese Person Weihnachten? Betreibe ich nur Smalltalk bzw. halte mich an Normen, oder kommen meine Wünsche von Herzen? Schenke ich, weil ich der Person etwas Gutes tun möchte, oder weil es üblich ist? Habe ich meinen Kolleg*innen und Freund*innen neben „Schöne Weihnachten“ auch ein „schönes Pessach-Fest“ oder ein „schönes Zuckerfest“ gewünscht? Weiß ich, wann abseits vom gregorianischen Kalender und Silvester andere Jahreszählungen beginnen?

Normen zu hinterfragen und vielfältige Positionen sichtbar zu machen, ist für queerfeministische Forschung (und Aktivismus) zentral. Im nächsten Jahr wollen wir dazu beitragen, indem wir einige Aktionstage (wie zuletzt 16 Tage gegen Gewalt an Frauen*) ebenso wie religiöse Feiertage zum Anlass für unsere Blogbeiträge machen. Einen Überblick über verschiedene Aktionstage und Feiertage bieten z.B. der Kalender der Charta der Vielfalt oder der Integrationskalender des Landes Tirol. Wir freuen uns in diesem Rahmen auch über Gastbeiträge von Expert*innen verschiedener Religionen, Kulturen und Themengebiete!

Quellen:

1 Statistik Austria. Bevölkerung 2001 nach Religionsbekenntnis und Staatsangehörigkeit. 2007. Zugriff 21.12.2021 http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/ bevoelkerung/volkszaehlungen_registerzaehlungen_abgestimmte_erwerbsstatistik/bevoelkerung_nach_demographischen_merkmalen/022894.html

2 Goujon, A., S. Jurasszovich, und M. Potancokova. ÖIF Forschungsbericht: Demographie und Religion in Österreich. 2017. Zugriff 21.12.2021 https://www.integrationsfonds.at/fileadmin/content/AT/ Fotos/Publikationen/Forschungsbericht/Forschungsbericht__Demographie_und_Religion_inkl_Vorwort_Web.pdf

3 IKG. Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg. 2021. Zugriff 21.12.2021 https://www.ikg-innsbruck.at/synagoge/

 4 ÖBR. Buddhismus in Österreich. kein Datum. Zugriff 21.12.2021 https://www.buddhismus-austria.at/buddhismus-in-oesterreich/oebr-gruppen-und-orden/

5 Land Tirol. Staatlich anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tirol. kein Datum. Zugriff 21.12.2021 https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/gesellschaft-soziales/integration/bilder/HP2016/Links_Religionsgemeinschaften-1.pdf

6 Tiroler Tageszeitung. Grundstein für neue serbisch-orthodoxe Kirche in Schwoich gelegt. 17. 07 2021. Zugriff 21.12.2021 https://www.tt.com/artikel/30796524/grundstein-fuer-neue-serbisch-orthodoxe-kirche-in-schwoich-gelegt

7 Kocina, E. „Hintergrund: Müssen Moscheen Minarette haben.“ Die Presse. 24. 08 2007. Zugriff 21.12.2021 https://www.diepresse.com/325487/hintergrund-mussen-moscheen-minarette-haben?direct=325958&_vl_backlink=%2Fhome%2Fpanorama%2Foesterreich%2F325958%2Findex.do

8 Bundeskanzleramt. Religionen in Österreich. Übersicht der in Österreich anerkannten Glaubensgemeinschaften. 2020. Zugriff 21.12.2021 www.bundeskanzleramt.gv.at

9 Multikulturelles Forum e.V. Religiöse Feiertage nach Religion. kein Datum. Zugriff 21.12.2021 https://www.multikulti-forum.de/de/religioese-feiertage-nach-religion

10 Scinexx. Weltreligionen und ihre Feiertage im Überblick. 23. 11 2021. Zugriff 21.12.2021 https://www.scinexx.de/businessnews/weltreligionen-und-ihre-feiertage-im-ueberblick/

11 Ad fontes. Gregorianischer Kalender. Tutorium zu Archivquellen der Universität Zürich. kein Datum. Zugriff 21.12.2021 https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/datierungen-aufloesen/chronologie/gregorianischer-kalender

12 Bischofsberger, O. Feiern des Lebens. Die feste in den Religionen. Freiburg: Paulusverlag, 1994.

13 Goldmann, N. „Hexen und Druiden: der Tanz ums Sommerfeuer.“ religion ORF. 21. 06 2013. Zugriff 21.12.2021 https://religion.orf.at/v3/stories/2589201/

14 Hausbichler, B. „Mental Load: Wenn die Familie zur Last wird.“ der Standard. 24. 12 2020. Zugriff 21.12.2021 https://www.derstandard.at/story/2000122756091/mental-load-wenn-die-familie-zur-last-wird

15 Schlensog, S. Die Weltreligionen für die Westentasche. München : Piperverlag, 2008.

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