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„Mehr Mut als Kleider im Gepäck“ – ein Buch über das Reisen der europäischen Oberschicht im 19. Jahrhundert

Text von Julia Brader

Vor einem verschwommenen Hintergrund liegt in der linken Bildhälfte ein aufgeklapptes Buch. Die Seiten sind wie ein Fächer aufgeschlagen, der Text auf den Seiten ist nicht erkennbar.
© Pexels.com

Als Vorgeschmack auf den Sommer und das für viele damit verbundene Reisen möchten wir euch in diesem Blogbeitrag folgendes Buch vorstellen: Für den Blog hat sich Julia Brader kritisch mit Julia Keays „Mehr Mut als Kleider im Gepäck. Frauen reisen im 19. Jahrhundert durch die Welt“ auseinandergesetzt. Was ihr an diesem Buch gefallen hat und was ihrer Meinung nach unzureichend behandelt wurde, das erfahrt ihr im folgenden Text.

Die Dokumentarfilmerin Julia Keay erlangte Bekanntheit mit ihrer Biographie über die niederländische Tänzerin und Spionin Mata Hari und stellt auch in ihrem Werk „Mehr Mut als Kleider im Gepäck. Frauen reisen im 19. Jahrhundert durch die Welt“1 die Geschichten von weißen, privilegierten Frauen aus dem 19. Jahrhundert in den Vordergrund – genauer ihre Reisen durch die ganze Welt. Dabei versucht sie, die teilweise schwierigen Lebens- bzw. Reiseumstände der Frauen in der damaligen Zeit zu beleuchten. Denn obwohl in ihrem Buch nur jene Frauen vorkommen, die einen gewissen gesellschaftlichen Status hatten und denen es aufgrund dieses Status´ überhaupt möglich war, (bequem) zu reisen, waren ihre Reisen mit einigen Hürden verbunden. Ihre Lebensumstände unterschieden sich von einem großen Teil der damaligen, mitteleuropäischen Gesellschaft, denn im 19. Jahrhundert war das Reisen nicht nur Männersache, sondern in der Weise, wie Keay sie beschriebt (also mit Sherpas, Guides und Diener*innen), größtenteils den wohlhabenden Menschen in Europa vorbehalten. Geschichten über Frauen „niedrigeren Ranges“ sucht man in ihrem Buch – sicherlich auch aufgrund der fehlenden Dokumentationslage – vergeblich.

Da ist etwa „die ehrenwerte Dame“2 Anna Leonowens, die ihrem Wunsch nach Freiheit folgt und als Gouvernante an den siamesischen (heute thailändischen) Königshof reist, um die Kinder seiner Majestät zu unterrichten. Oder Gertrude Bell, die nicht nur „mit einem silbernen Löffel im Mund“ geboren wurde, sondern später als Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Politikberaterin und Geheimdienstangestellte Bekanntheit erlangte. Auch ihre Reise, deren Beschreibung immer wieder mit Szenen aus ihrer Kindheit ergänzt wird, entspricht kaum den anfangs durch den Titel geweckten Erwartungen. Auch sie reist mit Maultiertreibern und sucht die Gesellschaft von Männern, die ihr auf ihrer Reise helfen sollen. Julia Keay beschreibt in ihrem Buch aber auch Szenen, die aufgrund ihrer Abenteuerlichkeit faszinieren und echten Mut bzw. Ausdauer erfordert haben müssen. So musste die Französin Alexandra David-Néel mit ihrem Reisegefährten Lama Yongden zu Fuß schmale Bergpfade überwinden und eisigen Temperaturen trotzen, um die chinesisch-tibetischen Grenze überqueren zu können: „Acht Tage lang kletterten und bahnten sie sich mühselig einen Weg durch den tiefen Schnee der Pässe, in steile Schluchten hinab und über öde, sturmgepeitschte Ebenen.“

Insgesamt bietet Keay in ihrem Werk detaillierte Einblicke in die Reisetagebücher von sieben historischen Persönlichkeiten, die weniger wie ein Roman als vielmehr eine Dokumentation zu lesen sind. Die Kontextualisierung der teilweise aus den Originaldokumenten stammenden Zitate bzw. ihre Unterfütterung mit Fakten aus dem Leben der sieben Frauen machen Lust darauf, mehr über diese Persönlichkeiten und ihre Lebensumstände zu erfahren. Die Kurzgeschichten werden von einer Einführung und einigen Literaturhinweisen gerahmt und bieten somit Anknüpfungspunkte für eine vertiefende Lektüre, die auch nötig ist, um die im Buch erwähnten Biographien historisch einordnen zu können. Was fehlt, sind die Sichtweisen Schwarzer Frauen sowie solcher, die nicht der Oberschicht oder gar dem Adel angehörten. Dass sich deren Art zu reisen maßgeblich von den hier beschriebenen Erfahrungen unterschieden hat, ist zu erahnen. Mit ihrem Buch eröffnet Keay erste Einblicke in ein Themenfeld, das weit vielfältiger ist, als in ihrem Werk beschrieben.


1Keay, Julia. 2000. Mehr Mut als Kleider im Gepäck. Frauen reisen im 19. Jahrhundert durch die Welt. München: Frederking & Thaler Verlag/National Geographic Adventure Press.

2Die hier zitierten Textpassagen stammen direkt aus Julia Keays Buch „Mehr Mut als Kleider im Gepäck. Frauen reisen im 19. Jahrhundert durch die Welt“.

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