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Geschlechter- und Sexualitätsprojekte der autoritären Rechten als Treiber von Faschisierung. Die Beispiele Österreich und Deutschland

Gastbeitrag von Birgit Sauer

Symbolfoto ©️ Marco / Pexels

Wie ist die aktuelle Entwicklung nach rechts in vielen europäischen Ländern, aber auch weltweit einzuschätzen? Entdemokratisierung, Autoritarisierung und eine disruptive Zerstörung von (Rechts-)Staatlichkeit sind Ergebnisse rechtsautoritärer Regierungen – in Ungarn, Argentinien und den USA. Die Kettensäge wurde zum Symbol dieses Zerstörungseifers. Im Anschluss an Nicos Poulantzas (1973) bezeichne ich diese politischen und sozialen Tendenzen als Faschisierungsprozesse: Der Faschismus kommt „nicht wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel“, sondern er entsteht in ökonomischen und ideologisch-politischen Krisenprozessen und vor allem in einem widersprüchlichen Kontext der Radikalisierung der Programmatik autoritär-rechter Parteien.1

Aktuelle Faschisierungsprozesse in Deutschland und Österreich werden von Geschlechter- und Sexualitätsdiskursen, besser von Anti-Gender-Diskursen vorangetrieben. Mit dem Bezug auf Geschlecht und Sexualität will die autoritäre Rechte eine moralische Panik befeuern: Feminismus und Gleichstellungs-politiken, das dekonstruktivistische Konzept Gender, Gender Studies und Gender Mainstreaming (Rosenkranz 2008) – meist auf geschlechterinklusive Sprache verkürzt – machen laut rechter Propaganda weiße Männer zu Opfern: Sie würden, so das rechtsautoritäre Narrativ, durch Gleichstellungspolitiken um Erwerbspositionen und durch die Integration von Frauen in Erwerbstätigkeit um ihre Vorrangstellung in der Familie gebracht. Scheidungsgesetze würden Männern ihre Kinder wegnehmen, so Andreas Unterberger (2015: 153) in einer Publikation der Partei „Team Stronach“. 2 3

Gewaltschutzgesetze verdächtigten alle Männer als Gewalttäter, und Jungen würden durch Lehrerinnen und feminisierten Unterricht benachteiligt, wie Werner Reichel (2015: 109) ebenfalls in der Buchpublikation des „Team Stronach“ fürchtet, und eine Erziehung zur Gewaltfreiheit mache alle Männer zu „Weicheiern“, so Björn Höcke (2018: 114) von der Alternative für Deutschland (AfD).4 5 Die Anerkennung von sexueller und geschlechtlicher Diversität gefährde heterosexuelle Männer, würden doch eine „Globo-Homo“-Ideologie ebenso wie eine vermeintliche „Trans*Lobby“ bereits Kindern einreden, dass heterosexuelle Männlichkeit schlecht sei, so Leo Kohlbauer (2022) von der Freiheitlichen Partei Österreichs FPÖ in einer Presseaussendung anlässlich der Kinderbuchlesung einer
Drag-Queen.6

Und schließlich, so die rechtsautoritäre Erzählung, gefährde die Einwanderung von muslimischen Männern nicht nur Frauen, wie die rechte Gruppe 120 Dezibel in einer deutsch-österreichischen Videoproduktion mit dem Titel „Frauen wehrt euch!“ anklagt.7
Sondern diese Männer stellen mit ihrer vermeintlich archaischen, nicht-domestizierten Sexualität auch eine Herausforderung für weiße, verweichlichte Männer dar. Diese Vorstellungen fügt sich im rechtsautoritären Diskurs zu einer „Krise weißer Männlichkeit“ zusammen. Maximilian Krah (2024: 41) von der AfD macht dies am „Testosteronmangel“ ebenso fest wie daran, dass deutsche Männer keine Frauen mehr fänden (Krah o.J.).8 9 Björn Höcke schwor daher auf einer AfD-Kundgebung in Erfurt im November 2015 seine Zuhörer darauf ein, ihre „Männlichkeit wiederzuentdecken“. Männer müssten wieder „mannhaft“ werden – und dies heißt für Höcke „wehrhaft“ werden (Höcke 2015).10

Rechtsautoritäre Akteur*innen schüren vor diesem Hintergrund Ressentiments – gegen Migrant*innen, gegen Gleichstellungs-politiker*innen und gegen Feminist*innen. Sie folgern daraus aber auch ein Recht auf Aggressivität, Gewalt und Zerstörung, denn weiße Männer befänden sich als Opfer in einer Notwehrsituation. Marc Jongen von der AfD forderte beispielsweise in einem Vortrag am rechten Thinktank „Institut für Staatspolitik“ ein „Thymos-Training“, also das Einüben von Zorn und Wut (Jongen 2016).11 Die Wiedererringung von maskulinistisch-soldatischen Haltungen und körperlicher Stärke sowie der Anspruch auf legitime Aggressivität implizieren eine, wie ich es im Anschluss an Achille Mbemebe (2003) nenne, Nekromännlichkeit, die sich von als weiblich identifizierten Menschen abgrenzt.12

Rechtsautoritäre Akteur*innen konstruieren außerdem ein Ideal komplementärer Heterosexualität und eindeutiger Zweigeschlecht-lichkeit, das alle „jenseits dieser Grenze“ mutwillig Gewalt, ja dem Tod aussetzt, vor allem als „anders“ identifizierte Menschen wie Migrant*innen oder Trans*Personen. Alberto Toscano (2023: 147) spricht von „border fascism, der darauf abzielt, die Kontrolle über die Grenzen des Körpers aufrechtzuerhalten.13

Soziale Ungleichheit ist gewollte Folge dieser Grenzziehungen und zugleich in immer wieder neuen Konstellationen Nahrung weiterer Faschisierung. Die Imagination von Opfersein und Ressentiment ist Grundlagen für die Entwicklung eines „autoritären Begehrens“ (Heitmeyer 2018), aber auch faschistoider Einstellungen, wie dies Cynthia Fleury (2025: 18ff.) beschreibt.14 15

Rechtsautoritärer Akteur*innen machen darüber hinaus affektive Sicherheitsversprechen. Sie versprechen die Wiedergewinnung von Kontrolle über das eigene Leben in eindeutigen zweigeschlechtlichen Vorstellungen. Damit verbunden ist das Versprechen von Liebe in einer hetero-sexuellen Familienkonstellation. So soll nicht nur die Wähler- oder Anhänger*innenschaft erweitert, sondern eine Massen-basis aufgebaut werden, eine Voraussetzung der Faschisierung. Maskulinistische Identitätspolitik, die Versicherung der Resouveränisierung von Männlichkeit und der Herstellung einer übersteigerten männlichen Identität, ist immer verbunden mit nationalistischer Identitätspolitik, der Vorstellung von Zugehörigkeit und Geborgenheit in einer Gemeinschaft der Ähnlichen – nicht der Gleichen. Dies bedeutet allerdings den Verzicht auf demokratische Selbstbestimmung, denn es ist insbesondere die Unterwerfung unter eine rechtsautoritäre Führungsfigur, die diese Fiktionen von Vergemeinschaftung wahrmachen könnte.


Zur Autor*in:

Bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand im Oktober 2022 lehrte Birgit Sauer als Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Ihre wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich insbesondere auf feministische Ansätze der Staats- und Demokratietheorie, auf Fragen von Geschlecht im Kontext des Rechtspopulismus, der Bedeutung von Emotionen in Politik und Staatlichkeit sowie der Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen aus einer Gender-Perspektive. Zudem fungiert sie als Vize-Sprecherin des Forschungsverbunds Gender and Agency sowie als Sprecherin des Forschungsschwerpunkts „Gender, Affect, Politics, State“ (GAPS).

  1. Poulantzas, Nicos (1973): Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus, München: Trikont Verlag. ↩︎
  2. Rosenkranz, Barbara (2008): MenschInnen. Gender Mainstreaming. Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen. Graz. ↩︎
  3. Unterberger, Andreas (2015): Die Männer: verunsichert, feige und perspektivenarm. In: Günther, Christian/Reichel, Werner (Hg.): Genderismus(s). Der Masterplan für die geschlechtslose Gesellschaft. Wien, S. 145–160. ↩︎
  4. Reichel, Werner (2015): Der Genderismus und seine Opfer. In: Günther, Christian/Reichel, Werner (Hg.): Genderismus(s). Der Masterplan für die geschlechtslose Gesellschaft. Wien, S. 99–128. Höcke, Björn (2018): Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Henning. Lüdinghausen. ↩︎
  5. Höcke, Björn (2018): Nie zweimal in denselben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Henning. Lüdinghausen. ↩︎
  6. Kohlbauer, Leo (2022): Vorlesung von Dragqueen vor Kindern stoppen. OTS 0062, https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20220603_OTS0062/fpoe-kohlbauer-vorlesung-von-dragqueen-vor-kindern-stoppen (15.1.2026). ↩︎
  7. 120 Dezibel (2018), Frauen wehrt euch!, https://www.youtube.com/watch?v=FSXphiFknyQ, 30.9.2021. ↩︎
  8. Krah, Maximilian (2024): Politik von rechts. Ein Manifest. Schnellroda. ↩︎
  9. Krah, Maximilian o.J.: https://twitter.com/cbgspender/status/1685343919943364608?s=48&t=BEjmI6Vf07FqgJf92br8oA [25. 09.2023; Video nicht mehr verfügbar].
    ↩︎
  10. Höcke, Björn (2015): Rede auf AfD-Demonstration in Erfurt, https://www.youtube.com/watch?v=dvFJiPv93gc, 15.1.2026. ↩︎
  11. Jongen, Marc (2016): Migration und Thymos-Training. Vortrag am Institut für Staatspolitik, https://www.youtube.com/watch?v=cg_KuESI7rY [05.07.2019; nicht mehr abrufbar]. ↩︎
  12. Mbembe, Achille (2003): Necropolitics, in: Public Culture, 15 (1), 11–40. ↩︎
  13. Toscano, Alberto (2023): Late Fascism. Race, Capitalism and the Politics of Crisis, London: Verso. ↩︎
  14. Fleury, Cynthia 2025: Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung, Berlin: Suhrkamp. ↩︎
  15. Heitmeyer, Wilhelm (2018): Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung 1, Berlin: Suhrkamp. ↩︎

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