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Wissenschaft

Materialistisch-(queer)feministische Perspektiven auf Gewalt

Tagungsbericht von Lou Plaisir und Katha Treubrodt

Vom 05. bis 07.12.2024 fand die Tagung „Materialistisch-(queer)feministische Perspektiven auf Gewalt” im Künstler*innenhaus Büchsenhausen statt, veranstaltet vom Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck der Universität Innsbruck, in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Gender und Diversity des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Organisiert wurde die Tagung von Friederike Beier, Gundula Ludwig und Laura Volgger. Dabei reiht sich die Tagung ein in jene Arbeiten, die materialistische und (queer)feministische Theorieansätze in Dialog miteinander bringen, um Gesellschaftstheorie aus intersektionaler Perspektive weiterzuentwickeln. Den Rahmen hierfür bietet ein Verständnis von Kapitalismus als mehrdimensionales, gestaltendes und alles prägendes Gesellschaftsverhältnis, welches auch diesem Bericht zugrunde liegt.

Kapitalismus und Gewalt: eine theoretische Grundlage

Femi(ni)zid: Analysen und interdisziplinäre Reflexion

Wie und wo sich die angesprochene mehrdimensional-konstitutive Kraft kapitalistischer Gewalt zeigt, wird anhand des Themenkomplexes „Femi(ni)zid” verdeutlicht. Das Biwi Kefenpom Kollektiv arbeitet daran eine politische Kategorie zu schaffen, die die systematische Ermordung von feminisierten Körpern im deutschsprachigen Raum beschreibt. Dabei denken sie auch über die Risiken einer Übertragung des Begriffs „Feminicidas“ nach. Sie unterstreichen, dass die sozialen Verhältnisse und Widerstandsbewegungen, aus denen der Begriff stammt, anders sind als die, auf die er angewendet wird. Stephanie Graf und Melinka Violeta Paz Karrer steigen hier mit ihren Analysen ein und betonen die Notwendigkeit sowie Implikationen dessen, Feminizide im mexikanischen Raum aus materialistischer Perspektive zu betrachten (Materialismus wird im Rahmen des Beitrags verstanden als philosophische Denktradition, die gesellschaftliche Analysen bei realen Ausbeutungsverhältnissen ansetzt).

Ableismus und biopolitische Konstruktion 

Individuation und politische Kollektivität

Claudia Braunmühl vertritt den Punkt, dass eine gewisse Individuation die Voraussetzung für politische Kollektivität ist. Anhand von sexueller Gewalt gegen Kinder im familiären Kontext zeigt sie, wie durch eine vergeschlechtlichte Diskursivierung von sexueller Gewalt als „selbstbestimmt”, das gewaltvolle Ausbeutungsverhältnis verschleiert wird. Als angenommene Anrufung kann dies systematisch isolierende Effekte für Betroffene haben. Mit anderen Worten: Innerhalb der Familie wird besonders weiblich sozialisierten Kindern zugeschrieben, die sexuelle Gewalt provoziert bzw. sogar gewollt zu haben. Der Kern der Gewalt liegt in der Ausbeutung ihres vordergründigen Einverständnisses in das Gewalthandeln. Die Vorstellung von „Selbstbestimmung“ in diesem Zusammenhang kann als eine Form der Anrufung (im Sinne von Althussers Interpellationstheorie) verstanden werden. Betroffene werden im Sinne einer sexistischen Feminisierung angesprochen, nehmen die Schuld auf sich und die Anrufung als Selbstbezeichnung an. Die erfahrene Vereinzelung kann die betroffene Person an einer erfolgreichen Teilnahme an kollektivem politischen Widerstand hindern.


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