Tagungsbericht von Lou Plaisir und Katha Treubrodt

Vom 05. bis 07.12.2024 fand die Tagung „Materialistisch-(queer)feministische Perspektiven auf Gewalt” im Künstler*innenhaus Büchsenhausen statt, veranstaltet vom Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck der Universität Innsbruck, in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Gender und Diversity des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Organisiert wurde die Tagung von Friederike Beier, Gundula Ludwig und Laura Volgger. Dabei reiht sich die Tagung ein in jene Arbeiten, die materialistische und (queer)feministische Theorieansätze in Dialog miteinander bringen, um Gesellschaftstheorie aus intersektionaler Perspektive weiterzuentwickeln. Den Rahmen hierfür bietet ein Verständnis von Kapitalismus als mehrdimensionales, gestaltendes und alles prägendes Gesellschaftsverhältnis, welches auch diesem Bericht zugrunde liegt.
Kapitalismus und Gewalt: eine theoretische Grundlage
Silvia Federici legt in ihrer Keynote mit dem Argument der fortschreitenden Akkumulation die theoretische Grundlage für die Tagung. Sie analysiert, dass die kapitalistische Enteignungslogik mit einer gezielten Kriegsführung gegen weibliche* und speziell rassifizierte, proletarische Körper einhergeht. Silvia Federici zeigt, dass Krieg nicht nur als plötzlicher Ausbruch von Gewalt betrachtet werden kann und wendet sich damit von einer liberalen Vorstellung ab. Stattdessen macht sie deutlich, dass es ständig Angriffe auf Körper und Orte der Reproduktion von Leben gibt und sich Krieg in ein Kontinuum systematischer Gewalt einreiht. Sie erklärt, dass kapitalistische Strukturen immer als gewalttätig und lebensfeindlich zu verstehen sind. Angesichts sich verdichtender Autoritarismen (bspw. zu sehen an den aktuellen Regierungsverhandlungen in Österreich) und erstarkender völkischer Ideologien, bietet sich eine Kartierung des postoperaistischen Feminismus und der Kritischen Theorie wie Sarah Speck sie vornimmt, an. Laut Speck sollten Differenzen zwischen den theoretischen Traditionen, statt als Hauptwidersprüche, im Sinne einer gegenseitigen produktiven Ergänzung gedeutet werden. Gemeinsamer Nenner ist das Verständnis von Gewalt als Sicherungsinstrument kapitalistischer Machtverhältnisse.
Femi(ni)zid: Analysen und interdisziplinäre Reflexion
Wie und wo sich die angesprochene mehrdimensional-konstitutive Kraft kapitalistischer Gewalt zeigt, wird anhand des Themenkomplexes „Femi(ni)zid” verdeutlicht. Das Biwi Kefenpom Kollektiv arbeitet daran eine politische Kategorie zu schaffen, die die systematische Ermordung von feminisierten Körpern im deutschsprachigen Raum beschreibt. Dabei denken sie auch über die Risiken einer Übertragung des Begriffs „Feminicidas“ nach. Sie unterstreichen, dass die sozialen Verhältnisse und Widerstandsbewegungen, aus denen der Begriff stammt, anders sind als die, auf die er angewendet wird. Stephanie Graf und Melinka Violeta Paz Karrer steigen hier mit ihren Analysen ein und betonen die Notwendigkeit sowie Implikationen dessen, Feminizide im mexikanischen Raum aus materialistischer Perspektive zu betrachten (Materialismus wird im Rahmen des Beitrags verstanden als philosophische Denktradition, die gesellschaftliche Analysen bei realen Ausbeutungsverhältnissen ansetzt).
Graf beschreibt die strategische Verstümmelung, Konservierung und Positionierung von Frauen* als Narco Mensajes. Sie schließt, dass mit dem Ziel einer Subjektwerdung der Täter*innen („Ich bin, wenn ich töte”) ermordete Frauen*körper systematisch zu Objekten symbolischer Kommunikation entmenschlicht werden. Feminizide werden überwiegend als Einzelfälle extremer Gewalt geframt oder als Einschüchterung verklärt. Entscheidend für die abwertende Instrumentalisierung ist die faktische Straffreiheit dieser Gewalt. Zu einem ähnlichen Schluss kommt Karrer bei ihrer Analyse der Desaparecidas (gewaltsam verschwunden gelassene Frauen*körper). Sie postuliert, dass die desaparición sowohl eine rechtserhaltende als auch rechtssetzende Form mythischer, also schicksalhafter Gewalt nach Walter Benjamin ist. Durch die Formung feminisierter Personen zu schuldigen Subjekten, kann, ohne dass ein rechtlicher Grund für Gewalt existiert, diese durch ein Phantasma natürlicher Geschlechterordnung legitimiert und Recht performativ geschrieben werden. Auch Lilian Hümmler denkt Gewalt als produktiv, schlägt in ihrer Argumentation jedoch zusätzlich vor, Gewalt als Produktivkraft im marxistischen Sinn zu denken. Vereinfacht gesagt wird Gewalt damit zu einer gesellschaftsgestaltenden Ressource. Die Transnationalität der Instrumentalisierung von geschlechtsbasierter Gewalt, betont Ana María Miranda Mora. Sie untersucht Diskursstrategien global vernetzter Antifeminismus- und Anti-Gender-Bewegungen und betont, dass gezielt ein internationales politisches Projekt der Zementierung patriarchal-rassistischer Logiken angestrebt wird. Zusammengefasst zeigen Femi(ni)zidanalysen, dass Gewalt kontinuierlich mehr oder weniger stark verdichtet auftritt, sie strukturell passiert und in kapitalistischen Verhältnissen eine globale rechtssichernde sowie rechtssetzende Funktion einnimmt.
Ableismus und biopolitische Konstruktion
Was dies für die Positionierung einzelner Subjekte innerhalb der Verhältnisse bedeutet, zeigen Christiane Leidinger und Heike Radvan im Kontext von extrem rechter Gewalt gegen Menschen mit (kognitiven) Behinderungen. Ableismus wird in historischer Kontinuität dazu genutzt, die biopolitische Konstruktion eines „reinen” und „gesunden” Volkskörpers zu (unter)stützen. In einer ökonomistischen Konzeption von Gesellschaft wird die Einteilung von Menschen auf Grundlage eines Produktivismus vorgenommen sowie das Recht auf Leben an Leistungsfähigkeit geknüpft. An den mit dieser Praxis einhergehenden Mechanismus des Gewaltverschweigens knüpfen Flavia Guerrini und Michaela Ralser an. Sie analysieren im Kontext von Erziehung Erfahrungen des Ver-/Schweigens und ihre konkreten Folgen. „Verschweigen” wird als eine machtvolle soziale Praxis konzipiert, die das Aussprechen und Anerkennen von erfahrener Gewalt und Missachtung verhindert. Neben Nichtäußerung werden bestimmte Formen des Sprechens wie Um- oder Missdeutung, Überschreibung und Verhüllung untersucht. Zentral ist die Frage, wie intersektionale Bedingungen dafür sorgen, wer sprechen darf, wer gehört wird und somit auch, wessen Erinnerungen bestehen bleiben.
Individuation und politische Kollektivität
Claudia Braunmühl vertritt den Punkt, dass eine gewisse Individuation die Voraussetzung für politische Kollektivität ist. Anhand von sexueller Gewalt gegen Kinder im familiären Kontext zeigt sie, wie durch eine vergeschlechtlichte Diskursivierung von sexueller Gewalt als „selbstbestimmt”, das gewaltvolle Ausbeutungsverhältnis verschleiert wird. Als angenommene Anrufung kann dies systematisch isolierende Effekte für Betroffene haben. Mit anderen Worten: Innerhalb der Familie wird besonders weiblich sozialisierten Kindern zugeschrieben, die sexuelle Gewalt provoziert bzw. sogar gewollt zu haben. Der Kern der Gewalt liegt in der Ausbeutung ihres vordergründigen Einverständnisses in das Gewalthandeln. Die Vorstellung von „Selbstbestimmung“ in diesem Zusammenhang kann als eine Form der Anrufung (im Sinne von Althussers Interpellationstheorie) verstanden werden. Betroffene werden im Sinne einer sexistischen Feminisierung angesprochen, nehmen die Schuld auf sich und die Anrufung als Selbstbezeichnung an. Die erfahrene Vereinzelung kann die betroffene Person an einer erfolgreichen Teilnahme an kollektivem politischen Widerstand hindern.
