Interview von Helen Schindler mit James Bondage und Einfach nur Matthew, Co-Moderator und Performer*in der Drag Show am 17.11. in der Bäckerei

© N. Schuster-Gieb
Die Schlange vor der Bäckerei wächst immer mehr – trotz nasskaltem Nieselregen. „Mist“, denke ich mir, „ich dachte, es reicht, eine Stunde vor Showbeginn da zu sein“, aber kurz nach meiner Ankunft kommt die Durchsage: „Alle Stehplätze ausverkauft!“ Glücklicherweise kann ich dann doch nach langem Warten noch einen Platz ergattern, und als die Lichter schon ausgehen, quetsche ich mich noch gerade so in den überfüllten Raum. Bühne frei für eine innovative, ernste, witzige, traurige, sexy, empowernde, schillernde Drag Show, die Magic Inn in nur zwei Monaten nach dem ersten Dragworkshop durch Magic Garage mithilfe des Queeren Chaos Kollektivs auf die Beine gestellt hat!
Performer*in Einfach nur Matthew und Co-Moderator James Bondage haben sich wunderbarerweise bereiterklärt den Abend mit mir Revue passieren zu lassen und ihre Impressionen, Gedanken und Anliegen zu teilen. Vorab also schonmal ein riesiges Dankeschön an die Zwei und natürlich alle weiteren Performer*innen, Moderator*innen sowie Organisator*innen und Unterstützer*innen. Viel Spaß mit den inklusiven [gekürzten] Einblicken aus dem Interview:
Helen: Habt ihr damit gerechnet, dass so viele Menschen kommen und Lust haben, eure Show zu sehen?
Einfach nur Matthew: Absolut nicht! Also ich habe schon damit gerechnet, dass es viel Interesse gibt, und wir wussten, dass die hundert Sitzplätze ausverkauft waren. Aber das so viele Leute da sind, dass wir sogar welche wegschicken müssen, damit haben wir nicht gerechnet. Und dass die Menschen dann auch noch um den Block herum Schlange stehen – das war schon der Wahnsinn!
Helen: Hat euch das gefreut? Was hat das für ein Gefühl in euch ausgelöst, dass es so viel Interesse gibt?
James Bondage: Ich finde es zeigt, dass es in Innsbruck einen Bedarf für diese Art von Queerness gibt– es gibt zwar in Innsbruck auch queere Orte rundherum, aber dass so viele Menschen zur Drag-Show gekommen sind und beim Regen in der Schlange standen, zeigt – Ich finde, dass es ein sehr positives Zeichen ist!
Einfach nur Matthew: Dass so viele Leute gekommen sind hat mich auch motiviert für die Show, gleichzeitig habe ich aber auch im Backstage-Raum mitbekommen, dass einige sehr nervös waren. Wir hatten ein bisschen Sorge, dass die Veranstaltung vielleicht zu nischig ist, aber wie James Bondage schon gesagt hat, hat es uns gezeigt, dass es eine große Nachfrage und einen Bedarf gibt.
Helen: Apropos „nischig“: Eure Drag-Show unterscheidet sich von dem, was vielleicht einige im Publikum erwartet haben… Warum? Was war euch wichtig und mit welchem Ansatz habt ihr die Show konzipiert?
Einfach nur Matthew: Wir haben uns in der Vorbereitung weniger Gedanken darum gemacht, was das Publikum sehen wollte – das wussten wir auch nicht unbedingt. Fast alle Performances – zumindest wie ich es im Prozess mitbekommen habe – waren motiviert von dem Gedanken: Ich will das gerne machen! Ich bin motiviert etwas auszusagen, ich habe eine Message! Es war vor allem ganz viel Ausdruck von unserer Queerness und unserem Erleben in dieser Kultur, viel Gesellschaftskritik war auch mit dabei. Gerade bei meiner Performance war es auch so: Körperlich gesehen kann ich nicht tanzen oder solche Sachen, deshalb war das auch von Anfang an keine Option – aber ich wusste auch gleich, ich möchte gerne etwas Politisches aussagen, sonst fühlt es sich nicht an wie ich. Und ich glaube vom Prinzip her ging es vielen von uns so! Deswegen ist eher der Fokus auf dem, was wir aussagen wollen, gelegen und nicht darauf, dass wir eine bestimmte Art von Show machen wollen. Dadurch dass wir alle sehr queere, politisierte, aktivistische Personen sind ist es dann halt einfach so geworden.
James Bondage: Interessant ist auch, dass die meisten von uns vorher noch nie Drag- Performances gemacht haben – für viele war das das erste Mal und deswegen hatten wir auch keine Ahnung, was das Publikum sehen wollte – wir haben einfach von uns aus gezeigt, was wir zeigen wollten. Außerdem möchte ich hervorheben, dass es um Queer Drag geht und nicht um Female-Impersonation-Drag. Diesen Stereotyp von Dragqueens, dass es sich dabei nur um schwule Cis-Männer handelt, wollten wir aufbrechen. Bei uns war es explizit Queer Drag, wir hatten viele trans* Menschen im Cast, wir hatten viele Drag Kings, Queens, Quings. Es war uns sehr wichtig, dass alle Drag machen dürfen, wie sie es machen wollten. Es geht nicht darum, in eine Gender- Performance Schublade reinzupassen, sondern die Menschen sollen sich selbst ausdrücken dürfen!
Helen: Ich glaube auch, dass das Publikum davon sehr berührt war – ich kann nur für mich als Zuschauerin sprechen, aber mich hat es auf jeden Fall berührt, weil ich das Gefühl hatte, ihr steht da als Menschen. Zwar als eine Kunstperson und in einer Performance, aber es war sehr viel ehrliche Emotion spürbar und dadurch wurde der Abend auch so besonders.
Einfach nur Matthew: Wir hatten im Vorhinein – im September – den Dragworkshop mit Magic Garage – dem Kollektiv aus Salzburg – und das hat wichtige Grundsteine gelegt: Sie haben uns nicht gesagt: Drag ist XY, sondern Drag ist alles Mögliche und kann vieles sein.
Die Drag-Show war Teil der Trans Awareness Week, die das Queere Chaos Kollektiv jetzt das zweite Jahr in Folge in Innsbruck organisiert: Eine Woche lang gibt es dann Veranstaltungen zum Thema trans* bzw. trans* umbrella. Letztes Jahr haben wir das ohne jegliche Förderung gemacht, aber dieses Jahr haben wir eine Förderung von den TKI open bekommen, also eine Förderung vom Land Tirol über die Tiroler Kulturinitiativen (Ausschreibung) und noch zusätzlich Geld von der Stadt. Es gab vielzählige Veranstaltungen, wie Poetry Slam, Lesung zum Thema inter*, Karaoke, eine Kundgebung zum Trans Day of Rememberence, Kino und Ausstellung.
Helen: Die Drag-Show hat ja, wie du schon gesagt hast, im Rahmen der Trans Awareness Week stattgefunden und einige Performances haben sich auch auf Diskriminierungen gegenüber trans* Personen bezogen. Worauf möchtet ihr damit hinweisen, welche Themen sind euch ein besonderes Anliegen?
James Bondage: Ich war bei der Show Co-Moderator und was mir dabei wichtig war, war zu zeigen, dass Gender nichts fixes oder vordefiniertes ist – es gibt Spielraum und jede*r sollte frei sein, dies zu tun, ohne Angst zu haben vor Gewalt und Diskriminierung. In Innsbruck habe ich manchmal nicht das Gefühl, dass das so ist. Menschen, die nicht in diese binären Vorstellungen reinpassen werden durch Heteronormativität oft vor Probleme gestellt, aber uns war es wichtig Trans und Queer Joy zu zeigen und das wir mit Freude unsere Kreativität ausleben sollen und dürfen ohne Angst zu haben!
Einfach nur Matthew: Dem kann ich nur zustimmen – mir war eine Sache noch besonders wichtig: das wir zusammenstehen, und zwar für viele verschiedene Angelegenheiten, so haben wir bspw. auf der Bühne Protestplakate gezeigt, wo draufstand: „Protect Inter*sex children“, „Housing is a human right“ und es war mir wichtig zu zeigen, dass wir stärker sind, wenn wir alle zusammenstehen. Community ist immer stärker und es hilft niemandem, wenn wir uns auseinanderdifferenzieren, gerade, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Gender muss man nicht so verdammt ernst nehmen! Ja natürlich haben viele trans* Personen zu kämpfen – das ist so, aber das ist nicht alles, was wir sind und es ist auch nicht, was Gender ist. Was James Bondage angesprochen hat, dass Menschen auf Toiletten Harassment und Gewalt erfahren, dass ist so lächerlich, weil die Leute einfach nur aufs Klo gehen wollen. Es gibt Leute, die machen ein riesiges Drama um solche Sachen. Ein echtes Beispiel: Ein Typ, den ich kenne, hat eine Messengerbag wie in der Uni und eine Arbeitskollegin hat gefragt, ob er jetzt einen „auf Frau“ macht und ich denke mir so: was ist den los – kommt mal wieder runter, das ist nichts, was man enforcen muss. Und genau da ist auch eine Überschneidung da zwischen Trans und Drag, wo man diese verschwommenen Grenzen zeigen kann, diesen Spielraum, den man hat mit Gender – das ist superwichtig. Habt Spaß und nehmt es nicht ganz so ernst. Respektiert Gender von anderen, das ist wichtig, aber drüber hinaus sagt das gar nicht so viel aus.
James Bondage: Die Performer*innen hatten auch ganz andere Schwerpunkte, bei dir Einfach nur Matthew war es die politische Intersektionalität. Andere Performances gingen eher in die Richtung Sexualität: „trans* bodies are sexy and beautiful“, bei anderen war es Comedy. Es ging darum, dass es Diskriminierung gibt, aber dass man darüber lachen soll, man soll sich nicht unterdrücken lassen. Wir haben alle mit Diskriminierung zu kämpfen und gehen alle unterschiedlich damit um.
Helen: War die Show für euch als Performer*innen auch ein empowernder Moment?
Einfach nur Matthew: Ja, auf jeden Fall! Es ist natürlich hammermäßig, auf so einer Bühne zu stehen, wenn so viele Leute vor einem sitzen und zuschauen – das allein ist geil. Diese Gefühl, dazustehen als trans*Person, als Kunstperson – wo man oft so viel Widerstand spürt, bei der Mainstream-Gesellschaft und als kleine Gruppe gegen so viel protestieren muss – auf der Bühne und alle Menschen rufen „Yeah!“. Du spürst, dass sie dich unterstützen und das Interesse für die Message und deine Lebenswelt, was sich unglaublich empowernd anfühlt. Dann auch noch mit so vielen Menschen, die Teil von dieser Lebenswelt sind, auf der Bühne zu stehen ist super, supercool!
James Bondage: Same – was ich auch cool finde, ist das durch Drag viele Teile von mir gefeiert werden, die im Alltag eher abwertend gesehen werden z.B. meine Femininität, meine Queerness, meine Transness – wo ich vor allem im Beruf das Gefühl habe ich muss das jetzt verstecken, um professionell zu wirken, um ernst genommen zu werden – das war richtig empowernd zu sehen, denn nur weil ich in bestimmten Teilen meines Lebens Dinge verstecken muss, heißt es nicht, dass sie schlecht sind, es ist auch ein Teil von mir. Mir war es auch voll wichtig, dass ich als trans* Person auf der Bühne stehen konnte, ohne etwas verstecken zu müssen und zu wollen – einfach gesehen zu werden, wie ich bin, das war richtig empowernd!
Helen: Voll schön! Liegt euch noch etwas besonders am Herzen? Was möchtet ihr noch hinzufügen?
Einfach nur Matthew: Es kann sein, dass das Gefühl entsteht, dass in Innsbruck gar nichts queeres passiert, aber dann irgendwann stolpert man über eine Bubble und dann merkt man erst, dass total viel passiert! Schauts nach, wo solche Sachen passieren, und unterstützt die Initiativen! Wenn jemand Lust hat mitzumachen, sind wir dafür auch immer super offen – sowohl das Queere Chaos Kollektiv als auch das Drag Kollektiv – da gibt es keine großen Barrieren, man muss sich nicht beweisen, keine Audition. Mitmachen kann auch Bühnenhilfe sein, zum Beispiel hat bei der Show eine Person spontan bei der Essenbestellung geholfen. Jeder kleine Beitrag ist unglaublich hilfreich und hält das ganze am Leben!
James Bondage: Besonders in Innsbruck im Vergleich zu größeren Städten fühlt man sich oft alleine als trans*, queere Person – aber es gibt andere Leute da draußen – das klingt jetzt sehr dramatisch, aber es gibt viele Orte, wo queere Kultur stattfindet (Bäckerei, Café Lotta) und wo man sich engagieren kann. Wir sind stärker, wenn wir eine Community bilden.
Helen: Vielen Dank! Natürlich abschließend die Frage auch im Namen aller, die keine Tickets mehr bekommen haben – wird es nochmal eine Show geben?
Einfach nur Matthew: Ja, mit ziemlicher Sicherheit wird es eine nächste Show geben, aber wir können noch nicht sagen wann. Was uns helfen würde: Wenn Leute sich beim Kollektiv melden und bei der Planung unterstützen – falls das jemand will, bitte gerne! Weiteres seht ihr dann alles auf unserem Instagram-Kanal!
Zur Autor*in
Helen Schindler ist Teil des FUQS-Kernteams und studiert im ersten Semester im Master Gender, Kultur und Sozialer Wandel.
