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Gedanken zu den Weihnachtsfeiertagen – wieso es nicht nur die wunderbarste Zeit des Jahres ist

Kommentar von Clara Sophie Bitter und Stefanie Hofer

Photo by Scott Webb on Pexels.com

Weihnachten steht direkt vor der Tür und anlässlich der Feiertage haben sich Stefanie und Clara aus unserem Redaktionsteam über die Herausforderungen unterhalten, die die Weihnachtszeit mit sich bringen kann. Auf Grundlage dieses Gesprächs ist der folgende Beitrag entstanden. 

Mit Erwartungshaltungen werden wir das ganze Leben konfrontiert. Wie wir auszusehen haben, wie wir uns zu verhalten haben, welche Aufgaben wir zu erfüllen haben. Besonders Personen, die in einer patriarchal geprägten Gesellschaft schlechter gestellt werden, haben sich noch stärker mit Erwartungshaltungen herumzuschlagen. 

Doch was hat das alles mit Weihnachten zu tun? Eine ganze Menge, denn in Erwartungshaltung auf “perfekte” Feiertage werden einige verstaubte Rollenbilder oft wieder aus den Schränken hervorgeholt. Traditionen gehen mit Erwartungshaltungen einher, die an bestimmte Familienmitglieder gerichtet sind, aus denen man sich aber ja vielleicht das restliche Jahr über bereits herausgelöst hat. Das betrifft sowohl Eltern als auch Kinder, wenn man vom Bild der Kernfamilie ausgeht. 

Natürlich wird auch seitens des Marktes einiges dafür getan, um das Bild des „perfekten“ Weihnachtsfestes mit den „Liebsten“ zu vermarkten, um Umsatz ordentlich anzukurbeln – denn was wäre das Fest ohne reichlich Geschenke unter einem geschmückten Baum, dazu ein festlich gedeckter Tisch und in neue Flauschpullover gesteckte Familienmitglieder, die sich allesamt ziemlich gut zu verstehen scheinen, während es draußen schneit? Soziale Klasse und damit finanzielles Kapital, heteronormative Kernfamilie (wahrscheinlich dem mitteleuropäischen Schönheitsideal entsprechend), höchstwahrscheinlich ungleich verteilter Workload zum Nachteil der weiblichen Personen im Haushalt, enormer Konsum, Wegwerfgesellschaft, vergessene Klimakrise (wobei es auch schon vorher eher selten weiße Weihnachten gab): Hier gibt’s gleich alles auf einmal. 

Das zeigt dann doch wieder, wie eine eigentlich diverse Gesellschaft nach einer dem Kapitalismus dienlichen Norm geformt wird. Und das wird an Weihnachten noch sichtbarer an das öffentliche Bewusstsein herangetragen als sonst. Viele Umstände werden verschleiert und unsichtbar gemacht: Weibliche Personen, die oft sämtliche „unsichtbare“ Zuständigkeiten wie den Geschenkkauf oder familiäre Verpflichtungen übernehmen (mehr dazu findet ihr hier). Auf der anderen Seite das Problem, wenn man vielleicht nicht der erwarteten „Norm“ entspricht – sei es aufgrund von kultureller Herkunft, Sexualität oder auch der sozialen Klasse, der man selbst oder das Umfeld angehört. Ja schon allein, dass man überhaupt diese biologische Familie um sich hat, mit der man das Weihnachtsfest verbringt, ist nicht selbstverständlich.  

Und selbst wenn: Eine Familie, eine Gruppe aus zusammengewürfelten Personen, die sich eventuell nur alle heiligen Zeiten (Achtung: Wortwitz) sehen und plötzlich wieder in vordefinierte Rollen, die nicht wirklich ihrer Lebensrealität entsprechen, zurückgesteckt werden, birgt natürlich einiges an Konfliktpotenzial in sich. Jemand hält sich womöglich nicht an die Rollenzuschreibung, erfüllt die Erwartungen anderer nicht und Grenzen werden nicht eingehalten. Druck- und Reibungsstellen und alte Konflikte kommen wieder zum Vorschein, und das sicher nicht zuletzt deshalb, weil ja die Vorstellung einer „perfekten“ Zeit im Raum steht.  

Die Abgrenzung von bestimmten durch die biologische Familie vermittelten Sozialisierungsprozesse ist für viele Menschen ab dem Jugendalter wichtig für die Entwicklung des eigenen Ichs. ‘Was nehme ich von dem, was mir mitgegeben wurde mit? Welche familiär vorherrschenden Ansichten übernehme ich und von welchen distanziere ich mich?’ All diese Prozesse, die Abgrenzungen, funktionieren außerhalb des direkten familiären Settings oft besser als in der direkten Interaktion mit der sogenannten ‘Kernfamilie’. Weihnachten stellt hier für viele Personen eine Herausforderung dar, da von ihnen erwartet wird, sich an diesen Tagen mit Menschen zu umgeben, die nicht frei gewählt wurden, sondern auf Grund familiärer Zugehörigkeiten den Kreis bilden, mit dem man sich den Normen entsprechend an den Feiertagen zu umgeben habe. Sich gegen ein Zusammentreffen mit der Familie zu entscheiden ist oft mit sehr viel emotionalem Druck, dem es sich dann zu widersetzen gilt, verbunden. Vor oder während der Interaktion mit anderen, in diesem Fall der Kernfamilie, findet also immer wieder ein neues Ausverhandeln der eigenen Grenzen statt. Bei welchen Themen lohnt es sich, Energie in eine mögliche Diskussion zu kontroversen Meinungen zu stecken, und wann ist es aus einer breiteren Perspektive energiesparender, die eigene Meinung nicht so stark zu vertreten? Diesen Mechanismen begegnen wir alltäglich natürlich auch immer wieder, aber besonders an den Feiertagen sind viele Personen damit konfrontiert.  

Auf der anderen Seite ist Vereinsamung, vor allem von älteren Personen, in der mitteleuropäischen Gesellschaft ein strukturelles Problem. An Weihnachten kann sich die selbst empfundene Einsamkeit verstärken, da durch kulturell und medial vermittelte Normen des Weihnachtsfestes die eigene Situation deutlich intensiver wahrgenommen werden kann. Die eigene Einsamkeit wird also noch einmal bewusster, wenn zum Beispiel das Ideal der heteronormativen Großfamilie vor einem überfüllten Tisch in Werbungen, Filmen, etc. gesehen wird.  Neben älteren Personen sind auch andere Personengruppen von Einsamkeit betroffen. Manche Personen haben sich (vielleicht auch auf Grund der oben angesprochenen Abgrenzungsmechanismen) gegen ein Fest mit der biologischen Familie entschieden. Obwohl es sich dabei vielleicht um freie und wichtige Entscheidungen handeln mag, bedeutet es nicht, dass eine mögliche Konsequenz dieser Entscheidung nicht auch sein kann, dass es sich auch einsam anfühlt. Aber auch queere Personen sind vermehrt davon betroffen. Eine nicht vorhandene Akzeptanz der Sexualität oder Geschlechtsidentität innerhalb einer Familie ist für queere Personen oft Realität. Die Entscheidung, Weihnachten nicht mit der Familie zu verbringen, ist hier immer wieder nicht frei gewählt und die Feiertage können auch für diese Personen sehr schwierig sein. Natürlich gibt es sehr viele Konstellationen, abgesehen der biologischen Familie, in welchen man Weihnachten feiern (oder eben nicht feiern) kann. Heute wollen wir aber vorrangig auf die Personen aufmerksam machen, für die die Feiertage nicht so einfach sind.  

Zu Schwierigkeiten an den Feiertagen gehören auch finanzielle Hürden. Etwa €520,- werden pro Kopf planmäßig in Weihnachtsgeschenke investiert – pro Jahr 1. Hierbei sind Dekoartikel, Lebensmittel und sonstiges noch gar nicht mit einberechnet. Das macht das Weihnachtsfest auch zu einer sozialen Frage. Das Entsprechen dieser Vorstellung, Weihnachten unter einem mit vielen Geschenken umrahmten Baum zu sitzen und die emotionale Wertschätzung, oder vielleicht auch Erwartungen, durch Materielles wie Geschenke auszudrücken, ist vielen Personen nicht möglich. Vor allem in Anbetracht der derzeitigen Teuerungen sind die Herausforderungen hier noch einmal größer. Mehr zu kapitalismuskritischeren Gedanken zu Weihnachten findet ihr hier.  

Wir könnten hier noch viele weitere Beispiele anbringen, aber grundsätzlich wollen wir eigentlich nur aufzeigen, dass die Realitäten rund um das Weihnachtsfest und die Feiertage so vielfältig und komplex sind wie die Gesellschaft, in der wir leben. Gesamtgesellschaftliche Probleme und strukturelle Missstände werden im Zusammenhang mit der Weihnachtszeit noch sichtbarer und vergrößert. Aber auch auf einer persönlichen Ebene stehen viele Personen im Zusammenhang mit den Feiertagen vor Herausforderungen, die sich stark unterscheiden können. Mitunter Heteronormativität, durch das kapitalistische System geformte materielle Verpflichtungen und der vermeintlich besinnliche Stress, der sich bei vielen Personen einstellt, tragen dazu bei, dass die Feiertage hinter ihrer normativen Fassade subjektiv sehr unterschiedliches Erleben mit sich bringen.  

So viele verschiedene Gründe, wie die Gesellschaft bunt ist, gibt es, um Weihnachten auf verschiedenste Arten und Weisen zu begehen, und dazu gehört natürlich auch, es einfach gar nicht zu feiern.  

Wir vom FUQS wünschen euch allen schöne Feiertage, egal wie und wo ihr euch entscheidet, sie zu verbringen.  

Quelle 

1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/208623/umfrage/durchschnittliche-ausgaben-fuer-weihnachtsgeschenke-in-deutschland/ 

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