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Alltag

Queermed und die queere Gesundheit in Österreich

Ein Interview mit dem Gründer Julius Jandl, geführt von Clara Sophie Bitter

Logo der Homepage queermed, auf einem rot-weiß melierten Untergrund steht der Schriftzug "queermed" groß, schwarz und fett, darunter die Beschreibung "Verzeichnis von queer- und trans-friendly Ärzt_innen und Therapeut_innen"
©queermed.at

Auch wir vom FUQS Blog starten in den Pride Monat und nutzen diesen, um uns thematisch spezifischer mit der queeren Community zu beschäftigen. Geschlecht und Sexualität spielen in Medizin & Gesundheitsversorgung eine große Rolle.  Besonders im Leben von trans Personen nehmen Kontakte mit Fachpersonen aus dem Gesundheitsbereich viel Platz ein. Dennoch sind deren spezifischen Bedürfnisse, vor allem in der alltäglichen medizinischen Praxis – abseits von Transitionsprozessen –, nur bedingt bekannt.1 Das führt nicht nur zu Ungleichbehandlung, sondern auch zu berechtigten Diskriminierungsängsten, aufgrund derer queere Personen medizinische Versorgung oft jahrelang meiden.2 Die schmerzliche Erfahrung, nicht gesehen, unterstützt oder verstanden zu werden, bleibt oft systematisch unentdeckt.

Um unbesorgt Gesundheitsversorgung nutzen zu können, sind queere Personen daher auf die Vernetzung mit ihren Peers angewiesen.3 Die Unterstützung durch die Community ist essentiell, um in der medizinischen Praxis überhaupt zum Subjekt zu werden. Oft wissen trans Personen daher mehr über Behandlungsmöglichkeiten als das Fachpersonal.4 In Österreich, sowie auch in Deutschland, gibt es für diese Peer-Vernetzung die community-basierte Homepage queermed, wir haben mit dem Gründer Julius Jandl gesprochen.

Hallo Julius, danke, dass du dir die Zeit nimmst, uns dein Projekt queermed vorzustellen. Um was handelt es sich bei queermed denn?

Hallo, vielen Dank für die Einladung. Bei queermed handelt es sich um ein Verzeichnis von queer- und transfreundlichen Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen, wobei die Einträge aus dem Verzeichnis alle direkt aus der Community stammen, also es ist eine community-based Plattform.

Wie kam es denn zu der Idee, queermed zu schaffen? Was waren deine Hintergründe hierfür?

queermed habe ich eigentlich deshalb aufgebaut, weil ich selber nach einer entsprechenden Plattform gesucht habe. Ich bin selber trans und war auf der Suche nach einer Gynäkologin in Wien und habe da gemerkt, dass es so eine Plattform noch gar nicht gibt, über die ich eine Person finden kann, bei der ich mir sicher sein kann, dass sie auch trans Männer aufnimmt und damit auch zurechtkommt. Deswegen ist dann die Idee entstanden, dieses Verzeichnis selber aufzubauen.

Du hast gesagt, queermed ist community-basiert aufgebaut, wieso war dir das wichtig?

Bei queermed ist es ganz wichtig, dass die Empfehlungen aus der Community kommen und sich zum Beispiel Ärzt*innen nicht selber empfehlen können. Die Beurteilung darüber, ob jemand queer-friendly ist, kann nicht von einer Person selbst gegeben werden. Ein Arzt zum Beispiel kann nicht selbst sagen ‘ich bin auf jeden Fall queer- und transfreundlich’, das kann nur eine betroffene Person entscheiden. Wenn jetzt zum Beispiel eine trans Person bei einer Gynäkologin eine gute Erfahrung macht, dann kann sie die Ärztin für trans Menschen empfehlen, weil sie selber diese Erfahrung gemacht hat und es deswegen beurteilen kann. Aber die Ärzt*innen können das nicht selber beurteilen, deswegen ist es wichtig, dass es ein community-basiertes Verzeichnis ist.

Das Projekt gibt es jetzt seit circa einem Jahr. Gab es in dieser Zeit Weiterentwicklungen und Lernprozesse?

Genau, das Projekt gibt es jetzt seit 1,5 Jahren, im Oktober 2020 ist es online gegangen. Es gab auf jeden Fall Weiterentwicklungen und Lernprozesse, vor allem dahingehend, wie breit das Verzeichnis aufgestellt ist. Am Anfang war es wesentlich enger mit hauptsächlich Allgemeinmedizin, Gynäkologie und Psychotherapie und ein paar Ärzt*innen, die für Geschlechtsangleichungen von trans Personen notwendig sind. Das ist mittlerweile wirklich sehr breit, die Menschen empfehlen alle möglichen Fachrichtungen, aber auch Bereiche wie Körpertherapie oder auch Zahnmedizin. Und die Gruppen, für die Empfehlungen abgegeben werden, werden auch immer breiter. Das sind nicht mehr lediglich queer und trans, sondern auch neurodivergent, PoC, mehrgewichtig und so weiter. Es hat sich sehr verbreitert und die Wege, wie Daten zustande kommen, sind auch ein bisschen anders geworden. Es gibt die Möglichkeit über den Fragebogen online jemanden aus der Community zu empfehlen, ich bekomme aber auch von verschiedenen Beratungsstellen Listen, die sie selber führen, um diese Einträge dann auch aufzunehmen.

Gibt es konkrete Vorschläge von dir, wie die medizinische Versorgung von queeren Menschen und explizit auch trans Personen verbessert werden kann?

Konkrete Vorschläge für die medizinische Versorgung wären auf jeden Fall mehr Sensibilisierungsschulungen und -möglichkeiten für das medizinische Personal allgemein und es auch in der Psychotherapie mehr zu verankern. Also queere Lebensrealitäten in der Ausbildung besser abzubilden und darauf speziell sensibel zu schulen. Ganz explizit für trans Personen wäre eine große Notwendigkeit, die Kapazitäten zu erhöhen, gerade, wenn es um Hormontherapie geht, aber eigentlich noch mehr bei geschlechtsangleichenden Operationen, da gibt es so einen großen Engpass in Österreich. Es gibt viel zu wenige Stellen, zu denen man gehen kann, um geschlechtsangleichende Operationen vorzunehmen, da gehört es massiv aufgestockt. Eine weitere Sache, die nicht nur queere und trans Personen betrifft, ist die kassenfinanzierte Psychotherapie. Die muss auf jeden Fall ausgebaut werden, es gibt viel zu wenige Kassenplätze und queere und trans Personen sind auch überdurchschnittlich oft von psychischen Erkrankungen betroffen und benötigen auch überdurchschnittlich oft eine therapeutische Unterstützung. Das wäre auf jeden Fall auch etwas, das sehr helfen würde.

Welchen Beitrag wünscht du dir in diesem Bereich von der Forschung?

Von der Forschung wünsche ich mir in diesem Bereich auf jeden Fall, dass diese Diskriminierungsformen auch ernst genommen werden und dahingehend auch geforscht wird, was diese Diskriminierungsformen in den Menschen auslösen können. Also, was es für einen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat, wenn man als queere Person diskriminiert wird, aber auch die Anerkennung von trans Personen und trans Lebensweisen. Es nicht zu etwas außerhalb der Norm zu machen, sondern es mehr in das Verständnis von Geschlecht und Identität einzugliedern.

Danke für das Gespräch!

Du bist selber queer und hast positive Erfahrungen mit Ärzt*innen oder Therapeut*innen gemacht oder suchst nach Personen im medizinischen Bereich, bei welchen du dich möglichst wohl, verstanden und gesehen fühlen kannst? Dann schau doch auf queermed vorbei.

Quellen

1Appenroth, M., Castro Varela, M. TRANS & CARE: trans Personen zwischen Selbstsorge, Fürsorge und Versorgung. Transcript Verlag: Bielefeld, 2019.

2European Union Agency for Fundamental Rights. EU LGBT Survey. European Union Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Survey.  Main Results. Luxemburg: Publication Office of the European Union, 2014.

3Hudak N, Bates BR. “In Pursuit of „queer-friendly“ Healthcare: An Interview Study of How Queer Individuals Select Care Providers”. Health Commun. 34 Nr. 8 (2019): 818-824.

4Hamm, J. Trans+ und Sex: Gelingende Sexualität zwischen Selbstannahme, Normüberwindung und Kongruenzerleben. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2020.

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