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Alltag

Sexualisierte Gewalt und Missbrauch in den Medien

Text von Julia Brader (auf der Basis der eigenen Bachelorarbeit)

Auf einer grauen, grob verputzten Wand hängt mittig der Schriftzug „#MeToo“. Die Buchstaben und das Hashtag-Symbol sind in den Farben schwarz, orange, weiß, rot und dunkelblau gehalten und aus Zeitungen bzw. Zeitschriften ausgeschnitten, sodass die einzelnen Papier-Schnipsel den genannten Schriftzug ergeben.
© Pexels.com

Triggerwarnung: Im folgenden Beitrag, der belastend und retraumatisierend sein kann, geht es um sexualisierte Gewalt.

Die unter dem Hashtag #metoo bekannt gewordene Debatte über sexuelle Belästigung und Missbrauch sorgte weltweit und auch in der Tiroler Presse für Schlagzeilen. Anfänglich als „echte Revolution“1 gelobt, wurde der Aufschrei von Frauen2 aus aller Welt in der Tiroler Medienberichterstattung bald als „Kampagne der Denunziation“3 gegen die Männer abgetan. Die #metoo-Debatte ist dabei nur ein Beispiel von vielen, das Aufschluss darüber gibt, wie in der (medialen) Öffentlichkeit über (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen gesprochen wird.

Lange Zeit war sexualisierte Gewalt ein Tabuthema im öffentlichen Diskurs und in der Medienberichterstattung. Die Herstellung einer Öffentlichkeit für Frauen als Betroffene sexualisierter Gewalt kann als Erfolg von langjährigem frauenpolitischem Engagement gesehen werden und hatte eine Reihe neuer Regelungen wie das 1997 in Österreich erlassene Gewaltschutzgesetz zur Folge. Eine wesentliche Rolle zur Herstellung von Gegenöffentlichkeiten spiel(t)en die sozialen Medien. Seit 2012 gab und gibt es zahlreiche Hashtag-Aktivismen, die der Sichtbarmachung und Problematisierung von Gewalt gegen Frauen dienen. Aktuell sind etwa der Hashtag #anthrometoo zur Visualisierung von Missbrauch, Gewalt und Mobbing in anthroposophischen Einrichtungen sowie das Kollektiv metoo_uibk, das über den gleichnamigen Twitter- und Instagram-Account gegen sexualisierte Gewalt, Grenzverletzungen und (strukturellen) Sexismus an der Universität Innsbruck vorgeht, zu finden.4

Zu nennen ist auch die #metoo-Debatte, die bereits 2007 von der Schwarzen Menschenrechtsaktivistin Tarana Burke ins Leben gerufen. Ihr Anliegen war es, auf die mangelnden Hilfestellungen für Schwarze Frauen bei sexuellem Missbrauch aufmerksam zu machen. Den Betroffenen sollte eine Stimme gegeben und gezeigt werden, dass sie mit diesen Erfahrungen nicht allein sind.5 Die Kampagne wurde 2017 von der US-amerikanischen Schauspielerin Alyssa Milano und anderen Beteiligten aufgegriffen, um das Ausmaß alltäglicher sexueller Belästigungen und Missbräuche im Kontext des Weinstein-Skandals aufzuzeigen.6 Menschen, die sich infolgedessen über soziale Netzwerke und andere Kanäle an die Öffentlichkeit wandten, berichteten von sexistischen Anmerkungen, Adressierungen als eye candy, Begrapschungen, voyeuristischem Masturbieren, bis hin zu Vergewaltigungen.7

#metoo in Tirols auflagenstärksten Tageszeitungen

Während den Frauen, die ab 2017 unter dem Hastag #metoo öffentlich auf sexuellen Missbrauch aufmerksam machten, zunächst Mut und Respekt zugesprochen wurde, brachte man der Kampagne in der öffentlichen Debatte und von medialer Seite bald auch Kritik und Diffamierung entgegen. Meinungsbetonte Artikel in der regionalen Tiroler Tageszeitung sowie der boulevardesken Kronen Zeitung fielen zunehmend negativ aus und verurteilten die vorschnelle Täter-Opfer-Rollenzuschreibungen sowie die damit verbundenen Folgen für die beschuldigten Männer. Es wurde angeprangert, dass die Debatte negative Folgen für die Beziehung zwischen Männern und Frauen habe und alternative Meinungen schwerlich zugelassen würden. Konkret wurde dazu aufgerufen, nett gemeinte Komplimente wie das Schenken von Blumen nicht mit sexueller Belästigung oder gar Vergewaltigung gleichzustellen.8

Die Verantwortung der Journalist*innen

Dieser Aufruf macht deutlich, dass im öffentlichen und medialen Diskurs über sexuellen Missbrauch dringend eine Begriffsdefinition vonnöten ist, um dem medial vermittelten Wunsch nach Relativierung nachkommen zu können. Auch muss die Sensibilität für feministische und queere Themen in den Medien erhöht werden, um eine gemeinsame Basis für Probleme struktureller Machtausübung im Zusammenhang mit herrschenden Geschlechterstereotypen zu schaffen. Schließlich ist die Debatte über sexualisierte Gewalt besonders emotional behaftet und Vereinfachungen bzw. Abstraktionen führen zu einem weiteren Bruch in der öffentlichen Meinung. Was sollten Journalist*innen also tun und wie kann bzw. soll künftig über sexuellen Missbrauch berichtet werden?

Natürlich kann aus journalistischer Sicht nicht auf jede einzelne Biographie der Betroffenen eingegangen werden. Doch wenn nicht darüber geschrieben oder gesprochen wird, werden sie mit ihrem Schmerz und ihrem Leid nicht nur allein gelassen, sondern die herrschenden Machtstrukturen werden unhinterfragt bestehen bleiben. Daher sollten zum einen die Folgen und Präventionsmöglichkeiten in der Medienberichterstattung mehr in den Vordergrund gestellt werden. Zum anderen gilt es für die Medien, die hinter dem Missbrauch stehenden Gewaltverhältnisse und Männlichkeits- bzw. Weiblichkeitskonstruktionen sachlich angemessen zu thematisieren und kritisch zu hinterfragen. Dies kann nicht nur die Meinung der Leser*innen beeinflussen, sondern auch deren Handlungsbereitschaft, bei sexuellen Übergriffen in der Öffentlichkeit zu intervenieren. Die Berichterstattung der Medien als „Vierte Gewalt“ dient also als Stimulus für die Gesellschaft, ob und wie gegen Gewalt an Frauen*, inter*- und trans*-geschlechtlichen Personen, aber auch an Männern* vorgegangen wird.

Quellen:

1Tiroler Tageszeitung. „Schlechtes männliches Benehmen“. 13.03.2018, S. 10.

2Anmerkung: Da es sich bei der #metoo-Debatte vorwiegend um eine Debatte von und für cis Frauen handelt, wurde in diesem Text auf eine Schreibweise mit * verzichtet. Dieser Verzicht soll aber auch deutlich machen, dass inter*- und trans*geschlechtliche sowie non-binäre* Personen in dieser Debatte kaum Gehör fanden und finden.

3Kronen Zeitung. „Streit um Kritik an #MeToo-Debatte“. 11.01.2018, S. 11.

4Twitter. „#AnthroMeToo“. Zugriff 31.01.2022 https://twitter.com/anthrometoo sowie Twitter. „metoo_uibk“. Zugriff 31.01.2022 https://twitter.com/metoo_uibk

5Hearn, Jeff. „You, them, us, we, too? … online – offline, individual – collective, forgotten – remembered, harassement – violence“. European Journal of Women´s Studies 25, Nr. 2 (2018): 228–235.

6Villa, Paula-Irene. „Die #metoo-Debatte“. POP 7, Nr. 1(2018): 79–85.

7Villa, Paula-Irene. „Die #metoo-Debatte“. POP 7, Nr. 1(2018): 79–85.

8Tiroler Tageszeitung.Ein Wandel der Wahrnehmung“. 09.03.2018, S. 10.

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