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Feministisches Erinnern: Antifaschismus in Ex-Jugoslawien und Österreich heute

Ein Beitrag von Dijana Simić

Foto von Dijana Simić

Die Antifaschistische Frauenfront (Antifašistički front žena, AFŽ) spielte im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle im sog. Volksbefreiungskampf der kommunistischen Partisan:innen gegen die faschistische und nationalsozialistische Besatzung Jugoslawiens: 100.000 Frauen kämpften als bewaffnete Soldatinnen an der Front, zwei Millionen Frauen unterstützten den Widerstand im Hinterland. Doch die Antifaschistische Frauenfront war nicht nur militärisch relevant. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug sie entscheidend zum Aufbau des sozialistischen Jugoslawien bei und setzte sich nachhaltig für Frauenemanzipation und Geschlechtergleichstellung ein – durch die Alphabetisierung weiter Teile der Bevölkerung, deren Ausbildung zu Fachkräften sowie Gesundheits- und Hygieneschulungen, die allesamt den allgemeinen Lebensstandard verbesserten und erheblich zur Transformation der jugoslawischen Gesellschaft beitrugen.

Heute greifen Feminist:innen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens in ihrer aktivistischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit (selbst-)bewusst auf dieses Erbe zurück. Damit setzen sie – setzen wir – dem spätestens seit den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre vorherrschenden rechtskonservativen Mainstream und seiner geschichtsverzerrenden Erinnerungshoheit eine standhafte Alternative entgegen – eine Erinnerungskultur, die sich auf die historische Erfahrung von Antifaschismus, Sozialismus und Frauenemanzipation stützt. Auch in Österreich kommt es allmählich zu einer Auseinandersetzung mit dem Erbe der Antifaschistischen Frauenfront in Kärnten/Koroška, wo es die slowenische Bevölkerung war, die im Zweiten Weltkrieg vehement Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete.

Im Dezember letzten Jahres habe ich im Rahmen der Ringvorlesung „Politische Kipppunkte. Feministische Perspektiven auf gegenwärtige Autoritarisierungs- und Faschisierungsprozesse“ zu den genannten Zusammenhängen referiert und folgende Frage gestellt: Was hat die Antifaschistische Frauenfront im Zweiten Weltkrieg mit uns in einem Hörsaal an der Universität Innsbruck im Jahr 2025 zu tun?

Diese Frage soll auch durch den vorliegenden Blog-Beitrag leiten und dabei helfen aufzuzeigen, wie die Erinnerung an vergangene Widerstandskämpfe – angesichts der aktuellen Faschisierung – auch Hoffnung für die Zukunft spenden kann. Zu Rate gezogen werden hierfür zwei aktuelle Forschungsarbeiten zur Antifaschistischen Frauenfront sowie die Tätigkeit der Vereine Crvena und Peršman.

Das feministische Erbe der Antifaschistischen Frauenfront in Ex-Jugoslawien

Seit seiner Gründung am 8. März 2010 trägt der feministische Kultur- und Kunstverein Crvena (Die Rote) aus Sarajevo unter dem Motto „What has our struggle given us?“ historische Quellen sowie wissenschaftliche, journalistische und künstlerische Arbeiten über die Antifaschistische Frauenfront in einem Online-Archiv zusammen. Aus dem daraus entstandenen Sammelband The Lost Revolution – Women’s Antifascist Front between Myth and Forgetting (2018), herausgegeben von Andreja Dugandžić und Tijana Okić, lässt sich ableiten, dass die Erinnerung an die Antifaschistische Frauenfront im ex-jugoslawischen Raum mit zwei Herausforderungen konfrontiert war und – nach wie vor – ist: Während sie in der jugoslawischen Periode der Erinnerung an den Volksbefreiungskampf einverleibt wurde (erkennbar in der symbolträchtigen Figur der Partisanin), wird sie in der postjugoslawischen Zeit von rechtskonservativen Erinnerungsdiskursen verdrängt, die in ihrer jeweiligen ethnonationalistischen Variante den Mainstream in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens darstellen.

In insgesamt fünf wissenschaftlichen und fünf künstlerischen Beiträgen problematisiert der genannte Sammelband die ebenso verkürzte wie vernachlässigte erinnerungskulturelle Rezeption der Tätigkeit der Antifaschistischen Frauenfront in Ex-Jugoslawien und arbeitet exemplarisch und durchaus illustrativ heraus, „was uns unser Kampf gegeben hat“. Diese Formulierung ist von besonderem Belang, denn auch wenn die Mitglieder des Vereins Crvena nicht am antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs beteiligt waren, verstehen sie die Tätigkeit der Antifaschistischen Frauenfront als einen Teil ihres eigenen Kampfes. Damit schreiben sie sich in eine weit zurückreichende Tradition des weiblichen Widerstands im ex-jugoslawischen Raum ein, den sie aus heutiger Sicht intersektional-feministisch interpretieren und als Ausgangspunkt für aktuelle Widerstandskämpfe verstehen. Dies bringen die beiden Herausgeberinnen in der Einleitung des Sammelbandes klar auf den Punkt:

„Reappropriation of this heritage is an important step in arming a new liberation movement in the struggle against patriarchal, fascist and capitalist tyranny.“

Zum antifaschistischen Widerstand der Slowen:innen in Kärnten/Koroška

Das Erinnern an die Antifaschistische Frauenfront in Kärnten/Koroška gestaltet sich bis heute insgesamt schwieriger, wie der von Elena Messner, Cristina Beretta, Goran Lazičić und Markus Gönitzer herausgegebene Sammelband Women and Partisan Art. Aesthetics and Practices of Resistance in Yugoslavia and Carinthia (2025) zeigt. Anders als im sozialistischen Jugoslawien fand der antifaschistische Widerstand in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich ganz grundsätzlich keine Anerkennung – geschweige denn die Beteilung von Frauen in ebendiesem Widerstand. Während Antifaschismus also zum Gründungsnarrativ des sozialistischen Jugoslawien zählte und in der jugoslawischen Erinnerungskultur hochgehalten wurde, erlebten die Kärntner Slowen:innen, die sich als Partisan:innen gegen den Nationalsozialismus zur Wehr gesetzt hatten, im postfaschistischen bzw. postnazistischen Österreich nach 1945 Diffamierung, Kriminalisierung und Diskriminierung – als Antifaschist:innen und als Angehörige der slowenischen Minderheit.

Davon legt das Massaker am Peršmanhof ein trauriges Zeugnis ab – ebenso wie der erinnerungskulturelle Umgang mit diesem. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ermordeten Angehörige des SS-Polizeiregiments 13 elf Angehörige der Familien Sadovnik und Kogoj, die am Peršmanhof, einem Bergbauernhof in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, ansässig waren. Sieben der Ermordeten waren Kinder. Statt als nationalsozialistisches Verbrechen an der slowenischen Zivilbevölkerung in Kärten/Koroška erinnert zu werden, wurde die brutale Ermordung der elf Zivilist:innen zunächst den Partisan:innen unterstellt, die den Hof als wichtigen Stützpunkt der Widerstandsbewegung genützt hatten. In ihrem Beitrag zum zuvor erwähnten Sammelband machen Markus Gönitzer und Julia Stolba auf ebendiese Opfer-Täter-Umkehr aufmerksam, die den öffentlichen Erinnerungsdiskurs in Kärnten/Koroška nach dem Zweiten Weltkrieg prägte:

„German nationalist associations and organisations succeeded in establishing a victim-perpetrator reversal between partisan resistance fighters and Nazi criminals and collaborators.“

Um dieser Geschichtsverzerrung ein Gegengewicht entgegenzusetzen, fungiert der Peršmanhof seither als Erinnerungsort, der – den historischen Fakten entsprechend – dreierlei Gedenken vereint: jenes an die ermordeten Mitglieder der Familien Sadovnik und Kogoj, jenes an die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten/Koroška sowie jenes an den antifaschistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Initiiert wurde diese Erinnerungsarbeit vom Verband der Kärntner Partisanen, der nach dem Zweiten Weltkrieg direkt aus der Widerstandsbewegung hervorging, und heute eng mit dem 2001 gegründeten Verein Peršman (Društvo Peršman) zusammenarbeitet. Zu den Tätigkeiten des letztgenannten Vereins zählen – neben dem Betreiben der Gedenkstätte und des Museums am Peršmanhof – auch zahlreiche Forschungs-, Bildungs- und Kulturprojekte sowie Jugendworkshops, die sich gezielt an Schüler:innen richten. Laut seiner Homepage verfolgt der Verein Peršman das Ziel, Zivilcourage zu stärken, und positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus und Faschismus – nicht nur im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs, sondern gerade auch mit Blick auf die Gegenwart.

Antifaschismus, Feminismus und Hoffnung

Dass es ausgerechnet bei einem antifaschistischen Bildungscamp am Peršmanhof im Juli 2025 zu einer durchaus zweifelhaften und in jeglicher Hinsicht unverhältnismäßigen Polizei-Razzia kam, die mittlerweile durch eine Analysekommission des Innenministeriums als rechtswidrig bestätigt wurde, gibt zu denken: Wie steht es denn heute um den Antifaschismus in Österreich? Oder – um auf die anfangs gestellte Frage zurückzukommen: Was hat die Antifaschistische Frauenfront im Zweiten Weltkrieg mit uns heute und hier zu tun? Die im vorliegenden Beitrag angeführten Beispiele des Archivierens, Forschens, Lehrens und Gedenkens verdeutlichen die Bedeutung antifaschistischer und feministischer Erinnerungsarbeit: Der Rekurs auf die Vergangenheit bietet das notwendige Wissen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen und in letzter Konsequenz auch hoffnungsvoll in Richtung Zukunft zu blicken.

Welche Rolle z. B. Kunst bei dieser Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung zukommt, arbeitet die (Wander-)Ausstellung Partizan*ke Art heraus, die noch bis Ende November 2026 am Otto-Wagner-Areal in Wien zu sehen ist. Sie kommuniziert mit dem Sammelband Women and Partisan Art und präsentiert Kunst, die mit dem antifaschistischen Widerstand von Frauen in (Ex-)Jugoslawien und Kärnten/Koroška in Verbindung steht – einerseits als Kunst, die im Widerstand entstanden ist, andererseits als Kunst, die vom Winderstand handelt. Diese Ausstellung ist allen zu empfehlen, die sich weiter aus feministischer Sicht mit Antifaschismus auseinandersetzen und an der Hoffnung festhalten wollen, dass es möglich ist, den Faschismus zu überwinden.

Bildbeschreibung – Foto von Dijana Simić

Das Foto zeigt ein Exponat der Ausstellung Partizan*ke Art. Die zu Plakaten vergrößerten Ausschnitte aus der Graphic Novel Jelkas Spuren, die Markus Gönitzer und Julia Stolba vorbereiten, arbeiten das Wirken von Helena Kuchar auf: Unter dem Partisanennamen Jelka versorgte sie die kämpfenden Partisan:innen in Kärnten/Koroška mit Lebensmitteln, baute ein Informationsnetzwerk aus und war Mitbegründerin der Antifaschistischen Frauenfront in Lobnig/Lobnik. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Jelka für die Rechte von Kärntner Slowen:innen und Frauen ein. Das populäre Format der Graphic Novel soll v. a. ein jüngeres Publikum ansprechen und mit der Geschichte des antifaschistischen Widerstands in Österreich vertraut machen.


Biographie

Dijana Simić (sie/ihr) ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, deren Forschung und Lehre sich transdisziplinär zwischen Gender Studies, Slawistik und (Süd-)Osteuropaforschung bewegen (Schwerpunkte: Memory Studies, Affect Studies, Öffentlichkeitstheorie, postklassische Narratologie). Neben ihren Beschäftigungen als Universitäts- sowie Projektassistentin an den Universitäten Graz und Innsbruck unterrichtete sie auch als Lehrbeauftrage für slawistische Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Gender Studies an den Universitäten Graz, Wien und Innsbruck sowie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Forschungsstipendien führten sie nach Slowenien, Ungarn, Bosnien-Herzegowina, Tschechien, Armenien und Russland. Neben ihrer Tätigkeit als Forschende und Lehrende ist Dijana Simić auch Radiomacherin und (literarische) Übersetzerin aus dem Bosnischen/Kroatischen/Montenegrinischen/Serbischen ins Deutsche. Slowenisch ist ihre zweite Slawine.

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