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Warum wir nicht in Algorithmen denken – ein feministischer Blick auf Neurowissenschaften mit Hannah Fitsch – Teil 1

Interview mit Dr.in Hannah Fitsch

© Hannah Fitsch, transcript Verlag

FUQS startet eine spannende Reihe, die sich mit feministischen Perspektiven auf Neurowissenschaften und Künstliche Intelligenz beschäftigt. Dabei werden die Auswirkungen von Wissenschaft und Technik auf die Gesellschaft untersucht und aktuelle Entwicklungen sowie bestehende Logiken thematisiert. Im ersten Teil geht es um feministische Wissenschafts- und Techniksoziologie, Hannah Fitschs Veröffentlichungen aus dem Bereich der kritischen Neurowissenschaften und erste Implikationen aus ihren Erkenntnissen für Studierende.

Die Reihe beruht auf einem Interview mit Dr.in Hannah Fitsch und Theresa Scheutzow im November 2024 in Berlin.

Die Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft

Dr.in Hannah Fitsch ist feministische Wissenschafts- und Techniksoziologin mit dem Schwerpunkt auf Neurowissenschaften, Digitalisierung und (Künstliche) Neuronale Netzwerke. In ihrer Forschung und Lehre arbeitet sie zu verschiedenen Themen der Natur- und Technikwissenschaften sowie zu (Technik-)Museen, Bildwissen/Bildpraktiken und Ästhetik und kombiniert verschiedene Formate theoretischer wie praktischer Auseinandersetzungen mit feministischer Theorie. Sie studierte Soziologie, Neue Medien und Biopsychologie und promovierte 2006 über Sichtbarkeiten und Sagbarkeiten in der funktionellen Magnetresonanztomographie. Hannah verbindet akademischen mit aktivistischem Feminismus und wurde dafür 2022 mit den Emma Goldmann Snowball Award ausgezeichnet. Sie ist Gründungsmitglied des Netzwerks Museen Queeren Berlin sowie NeuroGenderings und hat unter anderem die Projekte Gender Technik Museum und gendermapping realisiert.

Hannah war von Anfang an eine feministische Herangehensweise an Wissenschaft und Technik wichtig. Sie stellt sich die grundlegenden Fragen, wer Wissen produziert und in welche (technisch-epistemologischen) Kontexte es eingebettet ist. Gleichzeitig fragt sie sich, wie Gesellschaft funktioniert und wie Zusammenhänge verstanden werden können. An der Universität lernte sie die theoretischen Grundlagen für ihr bereits starkes aktivistisches Engagement kennen. Insbesondere die Fragen, warum Geschlechterordnung so spezifisch binär ist und was Biologisierung damit zu tun hat, motivierten sie von Anfang an. Hannah betont, dass Naturwissenschaft und Technikforschung grundlegend daran beteiligt waren und sind, Binaritäten und somit auch Zweigeschlechtlichkeit hervorzubringen und zu reproduzieren, gleichzeitig Herangehensweisen zur Verfügung stellt, um diese zu überwinden.

Was ist feministische Wissenschafts- und Techniksoziologie?

In ihrer Forschung untersucht Hannah, welche Technologien es gibt, um das Gehirn zu untersuchen, und wie diese Technologien unser Verständnis des Denkens beeinflussen. Ein wichtiger Teil der feministischen Wissenschafts- und Techniksoziologie ist es, Technologien als Apparate zu betrachten, die bestimmte soziale Vorstellungen enthalten. Feministische und antirassistische Wissenschaftskritik fragt danach, welche Körper in der Forschung untersucht werden, welche Lebensrealitäten und Erfahrungen dabei eine Rolle spielen und welche Daten erhoben werden. Als feministische Wissenschafts- und Techniksoziologin fragt sie nach diskriminierenden Hierarchien in der Wissensproduktion und in der Gesellschaft und untersucht, wie diese Vorannahmen das gesellschaftliche Verständnis prägen.

„Die Schönheit des Denkens“

Im Bereich der feministischen Wissenschafts- und Techniksoziologie forscht Hannah grundlegend zum Gehirn, dem Verhältnis von mind and brain, Modellen über Denkprozesse und wie Wissenschaft, Forschung und Technologien das Verständnis davon prägen. In ihrem Buch Die Schönheit des Denkens. Die Mathematisierung der Wahrnehmung am Beispiel der Computational Neurosciences (2022) beleuchtet sie die Forschung im Bereich der kritischen Neurowissenschaften. Sie versteht die Computational Neurosciences als einen Teilbereich der Physik bzw. Physiologie, der das Gehirn als informationsverarbeitende Maschine beschreibt. Hannah betont, dass das Ziel der Forschung im Bereich der Computational Neuroscience einzig und allein darin besteht, zu verstehen, wie das Gehirn Abläufe operationalisiert und Entscheidungen berechnet. Auch die Entwicklung von künstlichen neuronalen Netzen und künstlicher Intelligenz gehört zu diesem Forschungsgebiet. In den Computational Neurosciences wird auf bereits vorhandene Daten zurückgegriffen und der Forschungsprozess so ressourceneffizient wie möglich gestaltet. Nach ihrer Beobachtung werden die Neurowissenschaften durch das Feld der Computational Neurosciences abgelöst. Dabei finden in der Hirnforschung und den Neurowissenschaften starke Standardisierungen und Normierungen statt und die darin enthaltene Logik wird zunehmend mathematisiert. Das heißt, Denkprozesse werden formalisiert und einer mathematischen, formalen Logik unterworfen. Dabei wird das Denken nicht in seiner Komplexität erfasst, sondern auf mathematische Regeln und Formeln vereinfacht, verkürzt und damit verzerrt. Dies führe, so Hannah, zu einer Entfremdung von der Vielfalt menschlicher Erfahrungen.

Kritische Perspektive auf vermeintlich „naturgegebene“ Logiken

Das Unverfügbare, das Abjekte, das plastizitäre, kurz: das Menschliche, die „Schönheit des Denkens“ muss bewahrt und in wissenschaftliche, neuronale Modelle integriert werden. Hannah liefert dazu in ihrem Buch grundlegende und wichtige Einsichten und Perspektiven in die oft unhinterfragten Funktionsweisen und Mechanismen der Wissenschaften. Die feministische Technik- und Wissenschaftssoziologie zeigt, wie wichtig es ist, scheinbar ‚natürliche‘ Logiken in den verschiedenen Disziplinen immer wieder zu hinterfragen. Hannah betont daher, dass Studierende selbst die Möglichkeit haben sollten, kritisches Denken zu lernen. Sie sollten sich die Zeit nehmen, Fehler zu machen und Kritik zu äußern. Sie sollten Fragen stellen, sich austauschen und aus ihren universitären Räumen herauskommen. Interdisziplinärer und aktivistischer Austausch fördert machtkritisches Denken und Lernen. Neurowissenschaften und künstliche Intelligenz sind allgegenwärtig und werden in Zukunft eine entscheidende Rolle bei gesellschaftlichen Entscheidungen und Entwicklungen spielen. Es sollte mehr Raum für unterschiedliche Körper, Lebensrealitäten und Erfahrungen geben, damit sich die Gesellschaft weiter inklusiv entwickeln kann. Das Denken ist viel zu komplex und schön, um es in Formeln und Algorithmen zu zerlegen. Das heißt, wir denken nicht in Algorithmen, haben keine Normkörper und sind kein Durchschnitt aus Zahlen. Die Gesellschaft und die Wissenschaft wären viel vielfältiger, inklusiver und menschlicher, wenn wir uns nicht durch die „Mathematisierung der Wahrnehmung“, wie Hannah sagt, voneinander entfremden würden.

Wir bedanken uns herzlich bei Hannah Fitsch für das Interview.

Quellen:

Fitsch, Hannah (2024): „The default trick. Warum Technikfaszination nicht neutral ist“. Gender und Diversity in Natur-, Technik- und Planungswissenschaften: Studien zu Transfer und Implementierung, edited by Sahra Dornick and Petra Lucht, Berlin, Boston: De Gruyter Oldenbourg, pp. 159-178.

Fitsch, Hannah; Greusing, Inka; Kerner, Ina; Meißner, Hanna; Oloff, Aline (Hg.) (2022a): Der Welt eine neue Wirklichkeit geben – Feministische und queertheoretische Interventionen.

Fitsch, Hannah (2022b): Die Schönheit des Denkens – Mathematisierung der Wahrnehmung am Beispiel der Computational Neurosciences. Bielefeld: transcript.

Fitsch, Hannah, Kämpf, Katrin M. and Klaus, Elisabeth (2022c): „Einleitung“ feministische studien, vol. 40, no. 2, 2022, pp. 213-217. 

Fitsch, Hannah (2013): Scientifically assisted telepathy? Objektivierung und Standardisierung in der modernen Hirnforschung. In: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität 47, H. 2, S. 5–7.

Fitsch, Hannah (2014): … dem Gehirn beim Denken zusehen? Sicht- und Sagbarkeiten in der funktionellen Magnetresonanztomographie. Bielefeld: transcript.

Fitsch, Hannah; Meißner, Hanna (2017): Das An- und Fürsich apparativer Sichtbarmachungen. Ein historisch-kritischer Blick auf digitale Materialität. In: Behemoth. Journal on Civilisation 10, H. 1, S. 74–91, online unter https://ojs.ub.uni-freiburg.de/behemoth/article/download/944/904

Horkheimer, Max (1967): Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Weizenbaum, Joseph (1990): Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft [1978]. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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