Beitrag von Helen Schindler

Dieser Artikel beruht auf einem Interview mit Molly Deakin und Helen Woods. Molly ist Projektkoordinatorin von „Breathe Free“ bei Women’s Health Matters in Leeds in Großbritannien. Helen ist Senior Lecturer für Soziale Arbeit an der Universität Nottingham und hat das Projekt seit seiner Gründung vor drei Jahren wissenschaftlich begleitet und evaluiert.
Das „Breathe Free“-Projekt ist ein wegweisendes Beispiel für transformative soziale Arbeit bei sexualisierter Gewalt. Das Programm, das von Women’s Health Matters in Leeds ins Leben gerufen wurde, unterstützt Frauen, die missbräuchliche Kontrollbeziehungen erlebt haben, und bietet ihnen die Möglichkeit, sich in einem sicheren Raum auszutauschen und zu lernen ihre Selbstbestimmung und – wirksamkeit zurückzugewinnen. Das Projekt arbeitet mit Frauen in jeglichen Lebenslagen: egal ob sie sich akut noch in gewaltvollen Beziehungen befinden oder schon in einem Verarbeitungsprozess dieser sind.
Was „Breathe Free“ so besonders macht, ist sein holistischer Ansatz. Es geht um eine langfristige Wiederherstellung des Selbstwertgefühls und die Befähigung, ein eigenständiges Leben zu führen. Die Teilnehmerinnen lernen im 20-wöchigen Kursprogramm über Trauma und seine Auswirkungen auf Körper und Geist. Das Programm ist nicht auf therapeutische Betreuung beschränkt, sondern umfasst auch materielle und lebensweltliche Hilfe, wie etwa Unterstützung bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Durch bezahlte Beschäftigungsgelegenheiten werden Frauen auf ihrem Weg zur ökonomischen Unabhängigkeit unterstützt – ein entscheidender Schritt, um sich langfristig aus gewaltvollen Abhängigkeiten zu befreien. Besonders wichtig ist bei dem Programm die anfängliche „stabilisation section“ in der sich auf mentale Gesundheit, Stressmanagement und Coping Strategien fokussiert wird. Dabei stehen die Erfahrungen „häuslicher Gewalt“ / „coercive control“ nicht im Vordergrund: diese werden erst nach 7 Wochen im Programm fokussiert.
Ein geschützter Raum für Heilung
Die Sicherheit der Frauen hat oberste Priorität. Der Standort des Projekts bleibt streng vertraulich, um die Teilnehmerinnen zu schützen. Dies ermöglicht es ihnen, in einem geschützten Raum offen über ihre Erfahrungen zu sprechen, ohne zu große Angst vor Repressalien oder weiterer Gewalt haben zu müssen. Gerade für Frauen, die in langjährigen gewaltvollen (Kontroll-)Beziehungen gelebt haben, ist das Gefühl von Sicherheit elementar. Alle Themen und Lebensbereiche, die zu einer physischen und psychischen Heilung beitragen, werden im Programm besprochen und versucht umzusetzen: Vorzeichen „häuslicher Gewalt“ zu erkennen, sichere Beziehungen zu führen, in Ausbildung kommen, eingestellt werden oder sich durch ehrenamtliche Mitarbeit im Projekt der eigenen traumatischen Erfahrungen zu ermächtigen und das Tabu über sexualisierte Gewalt zu durchbrechen.
„Support“ und Bildung als Schlüssel zur Selbstbestimmung
Ein wichtiger Teil des Programms ist die Bildungsarbeit. Die Frauen lernen nicht nur, was gewaltvolle (Kontroll-)beziehungen sind, sondern auch, wie sich unterschiedliche Formen / „coercive control“ von Gewalt, wie psychische Manipulation oder ökonomische Kontrolle, äußern. „Viele Menschen verstehen physische und sexuelle Gewalt, aber sie erkennen nicht immer die subtileren Formen von [coercive control]“, sagt Molly Deakin. Es geht darum, den Frauen das Wissen zu geben, um zukünftige gewaltvolle Kontrolldynamiken zu erkennen und zu vermeiden. Dies wird verdeutlicht durch das durchweg positive Feed-back der Teilnehmerinnen des Kurses, als auch durch die Ergebnisse von der Studie von Helen Woods und Siân Thomas: Insbesondere in der „stabilisation phase“ ist die unterstützende Gruppendynamik ein wichtiger Faktor zur Traumabewältigung und zum Aufbau eines nachhaltigen „support“-Systems. Die Stabilisierungsphase, in der sich die Frauen auf die Gruppenarbeit vorbereiten, Beziehungen innerhalb der Gruppe aufbauen und lernen, sich auf andere einzulassen und ihr eigenes Wohlbefinden zu steuern, ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg des Programms:
“I am learning to trust others, I like the women in the group and feel safe here. I am starting to trust my thoughts and that I know what’s right for me and my daughter.” (Week 1-8) (2024, S.12, 20)
„Breathe Free“ verfolgt das Ziel, die Strukturen, die Gewalt ermöglichen, zu hinterfragen und zu verändern. Kritik patriarchaler Strukturen, die Frauen systematisch in Abhängigkeit und Isolation zwingen, wird geübt. Durch die Stärkung der Frauen wird nicht nur individuelles Leid gemindert, sondern auch durch Multiplikatorinnen- und Bildungsarbeit die Grundlage für langfristige gesellschaftliche Veränderungen gelegt.
„Breathe Free“ zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, lebensweltbezogene Unterstützung und Bildung zu kombinieren, um Gewalt zu bekämpfen. Das Projekt setzt ein starkes Zeichen für eine feministische und machtkritische Praxis, die Frauen nicht als Opfer, sondern als handelnde Subjekte begreift.
Quellen:
Thomas, Siân & Woods, Helen (April 2024): Breathe Free: Women’s Health Matters -Final Evaluation Report: Year 3.
Interview am 23.07.2024 mit Molly Deakin und Helen Woods
Projekt zu finden unter: https://www.womenshealthmatters.org.uk/breathe-free
