Beitrag von Theresa Scheutzow

Dieser Artikel beruht auf einem Interview mit Olivia Wörndl im Oktober 2024 in Innsbruck. Sie ist (Mit-)Gründerin und Leiterin des Büros für Gleichbehandlung und Chancengleichheit und hat den Bereich Gender & Diversity beim Roten Kreuz Innsbruck (RKI) wesentlich mit aufgebaut.
Gender & Diversity beim Roten Kreuz Innsbruck als Wegweiser
Das Rote Kreuz hat die schwerpunktmäßigen Aufgabenbereiche des Rettungsdienstes, Blutspendedienstes, Gesundheits- und soziale Dienste wie mobile Pflegenotdienste, sowie Katastrophenhilfsdienst und Entwicklungszusammenarbeit. Doch auch in Non-Profit-Organisationen wie dem Roten Kreuz, wo Unterstützung und das menschliche Miteinander im Vordergrund steht, werden strukturelle Probleme sichtbar. Diskriminierungen und Gewalt unterschiedlicher Formen sind strukturelle Probleme, die es im privaten und öffentlichen Leben gibt. Diese Formen können (un)bewusst tief verankert sein, sich überschneiden und intersektional verstärken. Beispiele sind sexuelle Belästigung und institutionelle Gewalt wie Macht- und Autoritätsmissbrauch. Doch es gibt eine Besonderheit am Standort Innsbruck: 2022 wurde dort das erste Büro für Gleichstellung und Chancengleichheit gegründet. Im Interview mit der Hauptinitiatorin des Projektes, Olivia Wörndl, wird der proaktive Ansatz des Büros und des Seminars #taktgefühl deutlich: ohne moralischen Fingerzeig und mit viel Humor die eigenen Grenzen und die des Gegenübers reflektieren. Olivia Wörndl, seit über zehn Jahren ehrenamtlich beim Roten Kreuz, hat den Bereich Gender & Diversity beim Roten Kreuz Innsbruck (RKI) entscheidend aufgebaut und wurde dafür mit dem Ehrenpreis „Young Humanitarian Hero Award“ ausgezeichnet.
Anlaufstelle für Gleichstellung und Chancengleichheit
Durch die Gründung des Büros für Gleichstellung und Chancengleichheit gibt es nun eine niederschwellige Anlaufstelle für alle Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes. Olivia Wörndl betont, dass sie sich als Gleichbehandlungsbeauftragte auch um die Vernetzung mit internen und externen Schnittstellen kümmert. So werden beispielsweise externe Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Berater*innen, Compliance Officer, der Betriebsrat, sowie interne, niederschwellige und unmittelbare Vertrauenspersonen mit den betroffenen Mitarbeiter*innen
verbunden. In Absprache und nach Genehmigung der Person werden unter Wahrung der Verschwiegenheit Schlichtungsverfahren durchgeführt und begleiten den Prozess. Ergänzend zu der Arbeit der Ombudsstellen und des Betriebsrates ist das Büro für Gleichstellung und Chancengleichheit nun explizit mit der Förderung von einem möglichst
diskriminierungs-, gewalt- und belästigungsfreien Miteinander verpflichtet.
Proaktiv gegen Formen von Diskriminierung, Belästigung und Gewalt
Die Hauptidee entstand aus einer unabdingbaren Notwendigkeit, dass Gleichstellung in allen Facetten bewusst gestaltet und gelebt wird und somit auch präventiv sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz durch einen Perspektivwechsel verhindert wird. Laut dem Vorstand des Österreichischen Roten Kreuzes sind die Grundsätze und Führungswerte „Wertschätzung, Verantwortungskultur, Gemeinsam und Diversität“. Dies in die Praxis umzusetzen, bedarf einer offenen Diskussions- und Fehlerkultur. Mithilfe des Seminars #taktgefühl werden Mitarbeiter*innen des Roten Kreuzes in Innsbruck seit 2022 bei der Auseinandersetzung mit den Themen der Diversitäts- und Gemeinschaftsförderung mithilfe von Diskussionen auf Augenhöhe angeleitet. Durch das Seminar werden Perspektivwechsel angestoßen, mit Humor das Hinterfragen erlernter Verhaltensmuster ermöglicht und Grenzüberschreitungen anhand von Fallbeispielen reflektiert. Das wichtige: „kein moralischer Fingerzeig“, sondern ein wertschätzendes Hinterfragen, denn „sexistische Aussagen machen die Person nicht gleich zum/zur Sexist*in“, so Olivia Wörndl. Durch das Seminar wird ein Raum geschaffen für Sensibilisierung. Anhand der gemeinsamen Erarbeitung der Themen und Veränderungsstrategien wird so nachhaltig die Organisationskultur verändert, was auch persönliche Veränderungen anstößt. Das übergeordnete Ziel ist die Stärkung von Diversität und Gemeinschaft im Roten Kreuz Innsbruck: „Ein großes Ziel der Gleichbehandlung ist die Chancengleichheit und das betrifft uns alle“, so Olivia Wörndl.
Fortlaufend werden die Seminarinhalte reflektiert und um neue Themenschwerpunkte erweitert: so gibt es ein dreiteiliges Seminar mit dem Modul 1 Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Modul 2 Antirassistische Perspektivwechsel und Modul 3 Psychische Gesundheit. Alle Module folgen dem Prinzip, auf Augenhöhe zu informieren, gemeinsam zu reflektieren und
Raum für Sensibilisierung zu schaffen. Weiterhin ist geplant, Expert*innen der verschiedenen Bereiche einzuladen, um den Perspektivwechsel interaktiv zu gestalten. Das innovative Ausbildungskonzept findet auch Interesse an anderen Standorten des Roten Kreuzes. Ziel ist es, das Seminar organisationsübergreifend zu integrieren.
Mit dem Büro für Gleichstellung und Chancengleichheit und #taktgefühl wird ein Grundstein für eine diskriminierungskritische und gewaltfreie Organisationskultur gelegt. Proaktiv gegen strukturelle Diskriminierungsformen vorzugehen, Aufklärung und Förderung von Perspektivwechsel zu sexueller Belästigung, Rassismus und psychischer Gesundheit zu leisten, sowie kontinuierlicher Fortbildung und Sensibilisierungsarbeit: dies ist dank ehrenamtlichen Engagement möglich!
Quellen und weiterführende Links
Pressemitteilung: https://www.roteskreuz-innsbruck.at/presse/pressemitteilungen/rotes-kreuz-innsbruck-eroeffnet-buero-fuer-gleichbehandlung-und-chancengleichheit/
Büro für Gleichbehandlung und Chancengleichheit: https://www.roteskreuz-innsbruck.at/ueber-uns/das-rote-kreuz-ibk/buro-fur-gleichbehandlung-und-chancengleichheit/
Camillo Award 2023 an Olivia Wörndle: https://www.bvrd.at/camillo-award/camillo-award-2023/
Interview am 17.10.2024 Olivia Wörndl und Theresa Scheutzow Innsbruck
